Kreis Bad Duerkheim
„Wir haben von Tag zu Tag dazugelernt“
Herr Dr. Schoppé, nach vier Monaten im Testcenter: Können Sie die Wörter Coronavirus oder Rachenabstrich überhaupt noch hören?
Ja, das gehört einfach dazu. Man entwickelt da keine Aversion gegen.
Das Testcenter ist seit gestern im Stand-by-Betrieb. Wird Ihnen da nicht langweilig?
Nein, das war es auch vorher nicht. Ich habe einen guten Freund, mit dem ich seit Jahren immer wieder Bauprojekte im Garten und am Haus angehe. Er hat die vergangenen Monate schon darunter gelitten, dass er alles alleine machen musste. Aber da das Testcenter zuletzt nur noch dreimal die Woche halbtags geöffnet hatte, konnten wir das eine oder andere Projekt schon wieder starten. Restaurieren und renovieren, das ist eine gute Abwechslung zum Alltag. Und abends sieht man, was man gearbeitet hat. Das ist in der Medizin nicht immer so.
Ihr Alltag hat sich durch Corona massiv verändert. Eigentlich sind Sie seit zwei Jahren im Ruhestand. Wie kam es dazu, dass Sie im März doch im übertragenden Sinn wieder den Arztkittel übergeworfen haben?
Ich bin relativ früh mit Corona konfrontiert worden. Meine Tochter arbeitet in einer Kita in Wachenheim, die waren mit die ersten, die in Quarantäne mussten. Als ich aus der RHEINPFALZ vom geplanten Testcenter erfahren habe, meldete ich mich bei Silke Basenach, der Leiterin des Gesundheitsamts, und fragte, ob ich mir das mal anschauen darf. Aus dem Anschauen ist ein Bleiben geworden, seit dem Tag war ich jeden Öffnungstag dort.
Wie sah es dort im März aus? Wie zuletzt?
Anfangs sind wir zwei Schichten am Tag gefahren. Einmal hatten wir an einem Tag über 80 Rachenabstriche. Die Ärzte waren Ehrenamtliche, die im Urlaub waren oder ihre Freizeit geopfert haben sowie Ärztinnen und Ärzte vom Gesundheitsamt. Für Schreibarbeiten, dem Arzt beim Abstrich helfen oder das Einweisen auf dem Parkplatz waren Mitarbeiter der Stadtverwaltung zuständig, zu Beginn auch des Kreises Bad Dürkheim. Zuletzt waren es zwei pensionierte Zahnärzte sowie eine Ärztin oder ein Arzt vom Gesundheitsamt für die Tests.
Und was war Ihre Aufgabe?
Ich habe mich darum gekümmert, dass wir ausreichend Ärzte und Hilfspersonal für die Abstriche zur Verfügung hatten. Irgendwann hat sich das dann eingespielt, wir brauchten weniger Ärzte. Einerseits, weil sich das Gesundheitsamt viel eingebracht hat und andererseits, weil das Testcenter am Wochenende geschlossen war. Ich war vor allem für organisatorische Aufgaben zuständig.
Hatten Sie Kontakt zu Patienten?
Ja, zu Beginn habe ich auch Abstriche gemacht.
Wie viele Abstriche wurden denn gemacht?
Mehr als 2000, davon die Hälfte im März.
Das Testcenter in Neustadt war das erste in Rheinland-Pfalz. Erfahrungswerte also gleich null. Wie chaotisch ging es am Anfang zu?
Einige Menschen sind gekommen ohne eine Überweisung vom Hausarzt. Oder es war das falsche Formular. Das musste sich erst einmal einpendeln. Und auch wir haben von Tag zu Tag dazugelernt. Die Situation war ja für uns alle neu.
Wie mühselig war der Corona-bedingte bürokratische Aufwand? Für Sie als Arzt, aber auch für Patienten?
Für mich war das weit weniger nervig als für die Patienten, vor allem durch meine Erfahrung als Arzt. Was für die Patienten aber noch viel nerviger war: Die Beratungshotline war so überlastet, dass kaum ein Durchkommen war. Ich kann verstehen, dass jemand, der Angst hat, gerne persönlich mit jemandem reden möchte. Am schlimmsten war es in der Osterzeit, als viele Hausärzte, die die Testbefunde übermittelt bekamen, in Urlaub waren. Viele Patienten mussten daher auf ihr Ergebnis warten. Doch durch gute Kontakte zum Labor konnten wir auch da Hilfe leisten.
Man braucht bestimmt ein dickes Fell, wenn man täglich mit genervten Menschen zu tun hat, die bereits lange in der Warteschleife oder in der Warteschlange gewesen sind, oder?
Ach, da hat man die Ruhe weg. Und die meisten Leute wollen ja, dass man ihnen hilft. Es gab schon mal welche, die vorbeikamen, weil sie gerade in der Nähe waren und sich mal eben testen lassen wollten. Wir haben uns da aber ganz streng an die Vorgaben des Robert-Koch-Instituts gehalten und immer wieder Leute heimgeschickt – auch weil es oft keinen Grund für einen Test gab. Anfangs haben da schon ein paar gemeckert, am Ende haben es alle eingesehen. Randaliert hat also niemand deshalb.
Gab es jemals zu wenige Tests?
Nein. Die Stadt war hervorragend ausgestattet. Es gab zu keinem Zeitpunkt logistische Probleme, wir hatten genügend Tests und Schutzmaterial. Umliegende Firmen, aber auch Privatleute haben uns darüber hinaus sehr unterstützt, unter anderem die Jugend-Forscht-AG mit ihren Visieren aus dem 3D-Drucker.
Und hin und wieder gab es auch ein paar Leckereien für das Personal ...
Oh ja, zum Beispiel haben uns Landfrauen aus der Umgebung mit Kuchen versorgt, ein italienischer Gastronom hat uns Nudeln gebracht, und auch Bäckereien haben uns verwöhnt.
Wie war denn die Stimmung im Testcenter unter dem Personal?
Wir waren immer guter Dinge und hatten eine schöne Zeit – trotz allem. Ich hatte nie das Gefühl, dass jemand den Job dort nur macht, weil er darauf abgestellt worden ist. Ich habe viele neue Leute kennengelernt, die alle jünger waren als ich, das war sehr positiv.
Klingt, als würden Sie das Testcenter ein bisschen vermissen ...
Ich werde mit Sicherheit beim Vorbeifahren am alten Aldi an die gute Zusammenarbeit in der Gemeinschaft dort denken, was man bewirken kann. Und ich bin ja jederzeit bereit, dort wieder zu helfen.
Dennoch: Was hätte besser laufen können?
Ich habe von vielen praktizierenden Ärzten mitbekommen, dass das Krisenmanagement der Kassenärztlichen Vereinigung in Mainz nicht besonders hilfreich war. Auch weil die KV nicht in der Lage war, bei der Versorgung mit Schutzkleidung und weiterem Equipment zu helfen. So erging es auch den Ärzten von der Fieberambulanz. Machbar wäre es aber gewesen – schließlich hatte die Stadt ja auch alles zur Hand, was wir gebraucht haben.
Hygiene war im Testcenter oberstes Gebot. Wie halten Sie es privat?
Soziale Kontakte habe ich – im Gegensatz zu vielen anderen – nie so richtig schlimm vermisst. Ich hatte im Testcenter jeden Tag nette Menschen um mich herum. Die Alternative wäre gewesen, alleine zu Hause zu sitzen. Natürlich habe ich meine Familie und Freunde sehr vermisst, allen voran die Enkelkinder. Da ich praktisch an vorderster Front war, habe ich sie lange nicht gesehen. Dafür hatte ich jedes Mal, wenn ich heimgekommen bin, ein von Freunden gekochtes Essen auf dem Terrassentisch stehen, das ich mir abends nur noch warm machen musste.
Nutzen Sie die aktuellen Lockerungen aus oder leben Sie immer noch, als wäre April?
Mit der Familie habe ich wieder Kontakt, wenn auch nicht so eng wie früher. Was mich aber umtreibt, ist, dass viele denken, es ist bereits schon wieder „nach Corona“. Als ob schon alles vorbei wäre. Das hängt meiner Meinung nach auch damit zusammen, dass manche der Lockerungen zu früh gekommen sind und zu großzügig ausgelegt werden.
Welche denn zum Beispiel?
Ich erzähle Ihnen lieber, was meiner Meinung nach geholfen hat: Die Fälle haben sich dann stark reduziert, als Kontaktverbot, Abstandsgebot und Maskenpflicht eingeführt wurden. Wenn man dann aber mitbekommt, dass sich Leute weigern, die Maske aufzuziehen oder sie viel zu eng zusammen sitzen und gemeinsam feiern, ist das einfach nicht gut.
Was meinen Sie: Wird es eine zweite Corona-Welle geben?
Schwer zu sagen. Es wird aber mit Sicherheit noch lange dauern, bis es vorbei ist. Hotspots wie in Gütersloh oder in Schwegenheim wird es immer mal wieder geben. Aber mittlerweile haben viele Kommunen ihre Erfahrungen gemacht, sodass man die Ausbrüche relativ schnell wieder in den Griff bekommen wird. In Neustadt wären wir bei entsprechender Vorarbeit innerhalb von 24 Stunden bereit, das Zentrum wieder hochzufahren.
Hatten Sie dieses Jahr Urlaub geplant, den Sie absagen mussten?
Ich wollte Ende März eigentlich mit meinem guten Freund ein paar Tage nach Hamburg fahren, um mit ihm das Miniaturwunderland zu besuchen. Das holen wir dann nächstes Jahr nach, denn mit Maske möchten wir da nicht rein. Aus dem Grund bin ich zuletzt auch noch in kein Restaurant gegangen.