Ruppertsberg RHEINPFALZ Plus Artikel „Weinwerk“ wird am Freitag offiziell eröffnet

Im Weinwerk wird am Wochenende die offizielle Eröffnung gefeiert, (vorne von links) Moritz Herrmann, Lukas Reinhardt, Antonia un
Im Weinwerk wird am Wochenende die offizielle Eröffnung gefeiert, (vorne von links) Moritz Herrmann, Lukas Reinhardt, Antonia und Emilia Weisbrodt. Hinten (von links) Lena Reinhardt, Architekt Norbert Grabensteiner, Stefan und Annette Reinhardt, Anna Reinhardt-Weisbrodt und Michael Weisbrodt.

Der markante Baukörper scheint aus dem Hang herauszuwachsen: Vor den Toren Deidesheims, aber auf Ruppertsberger Gemarkung, ist mit dem „Weinwerk“ ein lichtduchflutetes Fachwerkgebäude entstanden. Warum das Weingut Reinhardt über zwei Millionen Euro investiert, um eine „Erlebniswelt“ rund um Wein und Genuss zu schaffen.

Mit der offiziellen Eröffnung des „Weinwerks“ am Freitag beginnt ein neues Kapitel in der Geschichte der Niederkirchener Winzerfamilie Reinhardt. Großvater Leander Reinhardt hatte zwar bereits 1952 die ersten Weinberge erworben, die eigentliche Geburtsstunde des Weinguts schlug aber 1987, als sein Sohn Stefan Reinhardt zusammen mit seinem Vater die ersten Flaschen mit eigenem Etikett abfüllte. Heute bewirtschaftet das Weingut 18 Hektar Rebfläche zwischen Ruppertsberg und Wachenheim, auf der zu 75 Prozent Rieslingtrauben wachsen. Mit den Geschwistern Lukas Reinhardt und Anna Reinhardt-Weisbrodt unternimmt nun die nächste Generation einen weiteren großen Entwicklungsschritt: der Neubau des „Weinwerks“.

Lärchenholz und transparente Optik

In mehr als zweijähriger Bauzeit ist der kühne Entwurf des Wiener Architekten Norbert Grabensteiner auf einem 3500 Quadratmeter großen Grundstück zwischen dem Hofgut Ruppertsberg, dem Steigenberger Hotel und dem Wein- und Sektgut Menger-Krug umgesetzt worden. Mitten im Rebenmeer setzt das „Weinwerk“ mit seiner modernen Interpretation der traditionellen Fachwerkarchitektur einen auffälligen Akzent. Großzügige Glasflächen zwischen den Lärchenholz-Balken schaffen eine transparente Optik. Im Erdgeschoss sorgt die 84 Quadratmeter große Vinothek für einen Blickfang, im Obergeschoss bietet der Probierraum auf 164 Quadratmetern mit Terrasse sowie freischwebendem Balkon einen Panoramablick in die Weinberge. In dem 100 Meter langen Gebäude mit einer überbauten Fläche von fast 1500 Quadratmetern schließen sich ein knapp 400 Quadratmeter großes Flaschenlager und eine unwesentlich kleinere landwirtschaftliche Gerätehalle an.

Die Architektur des „Weinwerks“, die Tradition und Moderne miteinander verbinden soll, steht auch für die neue Ausrichtung des Weinguts Reinhardt. Eine „Erlebniswelt“ sei geschaffen worden, sagt Anna Reinhardt-Weisbrodt im Gespräch mit der RHEINPFALZ, in der die Weine und Sekte des Weinguts in einem außergewöhnlichen Gebäude präsentiert, verkostet und erworben werden können. „Nur Weinverkauf: Das funktioniert nicht mehr“, sagt die 32-Jährige, die seit 2013 in der Geschäftsführung arbeitet. Für das „Rund-um-Erlebnis“, das viele Kunden heute mit dem Kauf von Wein verbinden, biete das „Weinwerk“ nun das passende Ambiente. Und dazu gehöre mittlerweile nicht nur, Ansprechpartner für den Kunden zu sein und mit Gastfreundschaft und sachkundiger Beratung zu punkten, sondern auch „Lifestyle“ zu vermitteln.

Von Leichtsinn über Eigensinn bis Tiefsinn

Anna Reinhardt-Weisbrodt erläutert das Konzept: Die Symbiose von Wein und Architektur soll einen Wohlfühl-Ort schaffen, an dem alle Sinne angesprochen werden. Die biologisch zertifizierten Weine hat ihr Bruder Lukas Reinhardt, der seit 2012 im Weingut tätig ist, in „Sinn-Linien“ von „Leichtsinn“ über „Eigensinn“ bis zu „Tiefsinn“ unterteilt, deren Namen auch die speziellen Charakteristika der einzelnen Linien widerspiegeln sollen. Auch „Wahnsinn“ findet sich übrigens darunter: Das ist der Riesling pur, der Naturwein. Die ehemalige Weinprinzessin der Verbandsgemeinde (2012/13) weist darauf hin, dass ihr Bruder Lukas nicht nur Spitzenbewertungen für seine Weine habe erzielen können, sondern in der Sektkellerei seines Onkels nach der traditionellen Flaschengärung Sekte ausbaue, die an die Stilistik der Champagner angelehnt seien.

Der Planung des „Weinwerks“ liegt ein Markenkonzept zugrunde, in dessen Mittelpunkt die Winzerfamilie Reinhardt, das „sinnliche Erlebnis Wein“, die Handwerkskunst und die Aussicht in die Weinberge stehen. Das Gebäude mit seiner Transparenz und Echtheit der verwendeten Materialien schaffe dafür den architektonischen Rahmen. Die Fachwerkarchitektur stehe auch für die Bodenständigkeit der Winzerfamilie Reinhardt.

Einem „nächtlichen Einfall“ habe das „Weinwerk“ übrigens seinen Namen zu verdanken, der die Verbindung zwischen dem Wein und der Fachwerkoptik mit einem passenden Begriff auf den Punkt bringe.

Am Standort Niederkirchen keine Entwicklung möglich

Die Erweiterung der Premium-Linie und den Ausbau des Flaschengeschäfts nennt Anna Reinhardt-Weisbrodt als Ziele, um die Existenz des Weinguts zu sichern. Warum nicht am Stammsitz in Niederkirchen? „Die Lage am Ortsrand erlaubt uns dort keine Entwicklungsmöglichkeiten“, erklärt sie. Dort sollen allerdings Produktion, Fass- und Tanklager verbleiben. Mit dem Standort des „Weinwerks“ könnten sich gleich drei Gemeinden repräsentiert fühlen, findet Anna Reinhardt-Weisbrodt: Schließlich habe ein Niederkirchener Weingut das Gebäude nahe am Ortsrand von Deidesheim auf Ruppertsberger Gemarkung errichtet.

Bewusst habe sich die Familie entschieden, keine Straußwirtschaft zu eröffnen, die laut Gesetz nur maximal vier Monate im Jahr öffnen dürfe. Die Küche verfüge über keine vollgastronomische Ausstattung. Nur die eigenen landwirtschaftlichen Produkte würden im „Weinwerk“ verkostet und verkauft.

Coronabedingt hat es beim Neubau Verzögerungen und auch deutlich gestiegene Kosten gegeben, berichtet sie. Zwei Millionen Euro seien überschritten worden. Trotz des finanziellen Risikos für die ganze Winzerfamilie kann sie nachts noch gut schlafen, sagt Anna Reinhardt-Weisbrodt. Sie ist sicher, dass die Entscheidung, mit dem „Weinwerk“ nicht nur einen Traum zu verwirklichen, sondern das Weingut für die Zukunft neu aufzustellen, die richtige war.

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