Interview
Weinkönigin Sina Erdrich: Wir sind keine Majestäten
Frau Erdrich, die ersten Monate Ihrer Amtszeit waren ja auch geprägt von Corona. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Eigentlich war ich doch immer gut ausgelastet mit Terminen. Meine Vorgängerin Eva Lanzerath hatte da schon mehr zu kämpfen, weil in ihrer Amtszeit gar nichts ging. Deswegen will ich mich auch gar nicht beschweren. im Vergleich zu Eva habe ich ein ganz normales Jahr. Auch wenn natürlich viel mehr Termine im Inland waren als im Ausland. Ich sehe meine Aufgabe auch dann als wertvoll an, wenn ich in Hamburg oder München die Leute vom deutschen Wein überzeuge, die im Supermarkt gerne zum Spanier oder Italiener greifen. Die Themen regional einkaufen und Nachhaltigkeit sind ja gerade während Corona mehr aufgekommen. Das betrifft uns in der Weinbranche ja auch. Ich bin ganz glücklich und nicht etwa frustriert, dass ich jetzt nicht jede Woche in Shanghai bin.
Hatten Sie denn schon Gelegenheit, den deutschen Wein im Ausland zu repräsentieren?
Ja, ich war zu Anfang meiner Amtszeit in Danzig und außerdem auf der Weinmesse in Paris.
„Unser Job hat viel mit Aufklärung zu tun“
“Sie sind ja als Weinkönigin auch in Social Media aktiv.
Das ist mir wichtig, weil man da ja eine ganz andere Reichweite hat. Wenn jetzt die Weinfeste wieder losgehen, stehe ich auf der Bühne vor vielleicht ein paar hundert Leuten. Bei Social Media habe ich eine Reichweite von über 50.000, wenn man Instagram und Facebook zusammenzählt. Unser Job hat ganz viel mit Aufklärung zu tun. Ich glaube, die Leute sind dann bereit, mehr als fünf Euro für eine Flasche Wein auszugeben, wenn sie wissen, was für eine Arbeit dahintersteckt. Diese Plattformen kann man gut dazu nutzen, um zu zeigen: Ich stehe im Weinberg und jetzt findet dieser oder jener Arbeitsschritt statt.
Die sozialen Medien werden also auch künftig eine große Rolle in der Weinwerbung spielen?
Sicher. Es ist aber eine große Herausforderung, das zeitlich zu managen, weil es viel Arbeit ist. Deswegen ist es gar nicht so schlecht, dass ich nicht ständig so viel unterwegs bin und auch noch Zeit dafür habe.
Wie sehen Ihre Pläne für die zweite Hälfte Ihrer Amtszeit aus?
Wir haben jetzt schon fast alle Anbaugebiete besucht. Es fehlen dann noch vier. 13-mal zwei Tage, das kann man sich ausrechnen, wie viel Zeit draufgeht. Diese Besuche sind aber auch unglaublich wertvoll. Die Termine sind sehr vielfältig: Jetzt kommen wieder die Messen, die ganzen Weinfeste öffnen wieder. Und was auch ganz spannend ist: Die beiden Weinprinzessinnen Saskia und Linda und ich machen im Sommer zu dritt im Wohnmobil eine 13-Tage-Tour durch alle 13 Weinanbaugebiete mit Abschluss am 14. Tag in Berlin. An jedem Tag also ein Anbaugebiet.
„Für Urlaub in einem Weinanbaugebiet werben“
Das ist aber sportlich.
Ja, das wird eine ganz große Geschichte werden. Wir wollen dafür werben, dass die Leute ihren Urlaub in einem Anbaugebiet verbringen.
Was kannten Sie eigentlich vor Ihrer Amtszeit von der Pfalz?
Bevor ich mich mit der Pfalz als Weinanbaugebiet beschäftigt habe, habe ich schon vom pfälzischen Wein viel mitbekommen. An der Weinstraße bin ich aber vorher nie gewesen. Wir sind immer mehr in den Norden in Urlaub gefahren.
Hat es eigentlich einen Grund, dass Neustadt, immerhin die Krönungsstätte der Deutschen Weinkönigin, keine Station auf Ihrer Reise durch die Pfalz ist?
Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir uns vor der Wahl im letzten Sommer bei unserem Vorbereitungsseminar in Neustadt einiges angeschaut hatten. Die Programme macht aber immer die ansässige Weinwerbung. Darauf haben wir keinen Einfluss. Die wollen immer etwas Abwechslung, damit immer andere Betriebe die Weinhoheiten empfangen können.
Sie waren ja auf Ihrer Tour auch im Ahrtal und haben dort mit Winzern gesprochen. Welche Eindrücke haben Sie denn von dort mitgenommen?
Was mich sehr beeindruckt hat, war, wie herzlich, gastfreundlich und positiv die Leute sind. Man darf es ja fast nicht sagen, aber in jedem Schrecklichen liegt auch etwas Gutes. Dort ist ein unglaublicher Zusammenhalt entstanden. Es war schön zu sehen, dass aus ganz Deutschland Menschen gekommen sind, um die Flutopfer zu unterstützen. Das hat die Leute im Ahrtal so gerührt. Aber wichtig ist auch, dass es dort wieder losgehen muss, und man die Touristen animiert, wieder ins Ahrtal zu kommen. Die Winzer dort wollen ihren Jahrgang präsentieren. Das Jahr 2021 war überall schwierig, im Ahrtal aber in Anbetracht der Flut besonders. Weinbau und Tourismus, da ist die Pfalz ja ein Vorzeigegebiet, das gehört einfach zusammen.
„Klimawandel für Weinbau eine Herausforderung“
In Ihrem Heimatort sind Sie ja im Gemeinderat politisch aktiv. Sie kommen aus Durbach in der Ortenau, einem ähnlich warmen Gebiet wie die Pfalz. Dort setzen Sie sich für den Klimaschutz besonders ein. Wie sehen Sie die Auswirkungen der Klimaveränderung auf den Weinbau?
Für den Weinbau ist die Klimaveränderung eine große Herausforderung. Gerade was die Traubenreife angeht. Da haben wir die physiologische Reife nicht mehr zu dem Zeitpunkt, an dem wir noch einen angemessenen Oechslegrad haben. Die Rebsorten, die angebaut werden, verändern sich. Man muss gucken, wie man im Weinbau darauf reagiert. Was mir wichtig ist: Wir müssen alles mehr in Richtung Nachhaltigkeit bringen und dafür Anstöße geben. Zum Beispiel kann man mal die Kolleginnen und Kollegen darauf aufmerksam machen: Füllt doch mal euren Wein in Leichtglasflaschen ab oder eure Cuvée für junge Leute in die Bag-in-Box. Man muss davon wegkommen, beim Thema Ökologie nur auf den Weinberg zu gucken, denn da sind wir schon sehr gut und können sogar CO2 binden. Aber im Betrieb machen die Flaschen eine große Menge des CO2-Ausstoßes aus. Wir haben ja auch kein flächendeckendes Mehrwegsystem für Weinflaschen.
Mehrweg für Weinflaschen war bis vor kurzem noch kein großes Thema.
Das kommt jetzt ein bisschen auf, ist aber auch dem Ukrainekrieg geschuldet, weil sehr große Glashütten in der Ukraine momentan nicht produzieren können. Viele Betriebe konnten nicht abfüllen, weil ihnen die Flaschen fehlten. Da haben natürlich die Betriebe gewonnen, die ab Hof verkaufen und schon ein Mehrwegsystem eingeführt haben und deshalb auf die eigenen gespülten Flaschen zurückgreifen können.
Trägt eine Weinkönigin den Müll runter?
Sie wohnen ja in einer WG. Muss eine Weinkönigin denn auch Geschirr spülen und den Müll runtertragen?
(lacht) Ja, natürlich! Ich möchte in meinem Amt als Weinkönigin als „ganz normal“ angesehen werden. Das ist das Allerwichtigste für uns, dass wir auch nahbar wirken. Das macht auch unser Amt aus. Es ist schön, dass man mit der Krone auffällt, aber wir sind keine Majestäten. Wir sind ganz normale Leute vom Dorf, die in den Reben stehen und sich auch dreckig machen. Und die genauso im Haushalt arbeiten müssen.