Kreis Bad Duerkheim „Was gibt’s Neues in der Stadt?“

91-85634141.jpg

„Dürkheim zählt eine ganz passable Anzahl Einwohner und man sollte denn doch wohl glauben, dass diese ganz passable Anzahl Einwohner auch dann und wann eine Neuigkeit vor sich gehen lasse; aber nein! Es ist gerade, als ob sich die ganze Stadt gegen die Redaction verschworen hätte und gerade darum nichts neues geschehe, damit die armen Redacteurs ihren neuigkeitsdurstigen Lesern lauter längstvergessene Dinge auftischen müssen“. Waren es die wenig spektakulären lokalen und regionalen Alltäglichkeiten, die die Arbeit des Redakteurs erschwerten, oder die geringe Zahl an Anzeigen und Bekanntmachungen, die den wirtschaftlichen Fortbestand des Blattes nicht mehr trugen? Man weiß es heute nicht mehr, doch auf alle Fälle stand das „Wöchentliche Unterhaltungsblatt für den Kanton Dürkheim“ Mitte Dezember 1836, als der Redakteur Friedrich Wilhelm Lehmann sich auf diese Weise über die chronische Nachrichtenarmut beklagte, bereits kurz vor dem Aus: Die letzte Ausgabe des Wochenblattes wurde am Weihnachtsfeiertag zugestellt. Dabei hatte alles ein halbes Jahr zuvor recht hoffnungsvoll begonnen: Am 26. Juni 1836, morgen auf den Tag genau vor 180 Jahren, stellte sich das „Wöchentliche Unterhaltungsblatt für den Kanton Dürkheim“ den Zeitungslesern in Dürkheim und Umgebung mit einer vierseitigen Probenummer vor. „Gemeinnützige Aufsätze über Gegenstände der Oeconomie, Industrie, des Handels“, aber auch behördliche Bekanntmachungen, standesamtliche Meldungen und Anzeigen aller Art sollten das Blatt ebenso interessant und lesenswert machen wie Erzählungen, humorvolle Anekdoten, Silben- und Worträtsel. Das versprach Redakteur und Verleger Friedrich Wilhelm Lehmann zumindest den Lesern und garantierte den Abonnenten sogar die Zustellung jeden Sonntagmorgen in Dürkheim und Umgebung zur besten Frühstückszeit zwischen sieben und neun. Lehmann war zum Zeitpunkt, als die erste Probeausgabe bei Enderes und Hertter in Frankenthal in Druck ging, am Ort längst kein Unbekannter mehr: Seit einiger Zeit schon betrieb der Buchbinder in der damaligen Wachenheimer Straße 127 (heute Weinstraße Süd) nahe dem Obermarkt eine „Leihbibliothek“, die die Bürger mit dickleibigem Lesestoff versorgte. Zu den regelmäßigen Rubriken des „Unterhaltungsblattes“ gesellten sich bald schon Meldungen über Unglücksfälle in der Umgebung, die Lehmann, zeitnahe Aktualität suggerierend, „Telegraph des Kantons“ überschrieb, den aktuellen Ereignissen jedoch hoffnungslos hinterherhinkte. So war am 28. August über ein heftiges Sommergewitter mit starkem Regen zu lesen, das bereits 14 Tage zuvor über Wachenheim niedergegangen war und für beträchtlichen Schaden gesorgt hatte: „Bei dem, am 14. August stattgehabten, furchtbaren Gewitter, und der bald darauf folgenden Wassermasse, wurde Wachenheim in Angst und Schrecken gesetzt. Fürchterlich heulten die Wasserwogen; der Angstruf der Bedrängten, das traurige Tönen der Sturmglocke erschütterte die Herzen aller Einwohner. Doch dem Fleiße und der menschenfreundlichen Gesinnung der braven Bürger gelang es, mehrere Häuser und deren Bewohner vom Untergange zu retten“. Allerdings blieb es nicht bei Sachschäden: Ein Wachenheimer wurde von den Wassermassen fortgerissen und dabei so schwer verletzt, „daß er zwei Tage darauf unter großen Schmerzen sein Leben aushauchte“. Solche Dramatik blieb im „Unterhaltungsblatt“ freilich die Ausnahme. Weitaus ruhiger verlief etwa die Gründung des Cäcilienvereins zu Dürkheim, der mit 50 Sängern und Musikern schon am 7. August bei einem „großen Vocal- und Instrumental-Concert“ nicht nur die Zuhörer, sondern offenbar auch den örtlichen Zeitungsredakteur begeistert hatte. Die Eröffnung einer „Lehr- und Erziehungsanstalt für Töchter“ in Dürkheim fand sich ebenso in der Zeitung wieder wie die Grundsteinlegung für ein neues Schulhaus in Ungstein oder ein großes „Orientalisches Haupt-Kunst-Feuerwerk“, das die Wachenheimer am Abend des 28. August auf dem Maximiliansplatz erfreute. Nicht zuletzt die reichen Erträge der Kirschenernte in Weisenheim am Sand, die den Erzeugern in dem Jahr den beachtlichen Gegenwert von 25.000 Gulden beschert hatten – wobei ein Drittel der Ernte nach Amsterdam verkauft wurde und von dort wiederum nach London gegangen war. Das Thema schlechthin im Herbst war natürlich der Wurstmarkt (der damals erst seit vier Jahren so hieß). Lehmann stellte für seine Leser eine Übersicht mit Daten, Fakten und allerhand Wissenswertem zu den Märkten seit 1817 zusammen. Nach dem Wurstmarkt 1836 zog er erneut Resümee und berichtete, dass sich bei dem jüngst abgelaufenen Spektakel 15 Weinstände und elf Garküchen auf dem Festplatz befunden hatten. Nicht weniger als 32 Metzger waren im Einsatz gewesen, um 181 Stück Vieh zu schlachten, und aus dem gewonnenen Fleisch gut 40.700 Würste und 865 Pfund Schwartenmagen herzustellen, die über die Tage allesamt vertilgt wurden. Ein ungewöhnliches Ereignis war eine „Ausstellung“ von Eingeborenen von der indonesischen Insel Makassar, „500 Meilen hinter Batavia“. In seinem Kommentar übte Lehmann nicht nur an der menschenunwürdigen, auf materiellen Gewinn ausgerichteten Zurschaustellung Kritik, sondern auch an der Sensationslust seiner Mitbürger und bewies dabei bereits sehr moderne Ansichten und für seine Zeit fortschrittliche Ansätze: „Wer noch keine Sclaven gesehen, aber schon über Sclaverei, selbst im Deutschen Vaterlande, faseln gehört, oder vielleicht selbst schon geträumt hat, der betrachte diese armen Unglücklichen, welche schmutziger Gelddurst ihrem heimathlichen Boden entrissen, und nun gleich seltenen Tieren, für Geld sehen gelassen werden. Ob dies mit der Menschenwürde, dem Menschen- und Völkerrechte, mit der europäischen Humanität, mit dem deutschen Gefühle vereinbar sey, dazu möchten wir N e i n sagen“. Genau einer Woche später schlug dem Kantonsblatt die letzte Stunde. Neben den anstehenden Bekanntmachungen, Anzeigen und sonstigen Meldungen veröffentlichte Lehmann ein selbstverfasstes Gedicht, mit dem er sich von den Lesern verabschiedete: „Was gibt’s Neues in der Stadt? Dass dieses Blatt ein Ende hat. Es entstand nicht aus Brodneid, endet nicht mit Herzeleid. Man ist nur des Schreibens müde, wünscht den Lesern Ruh und Friede, Glück und Segen zum Neujahr, und man reichet hiermit dar noch das letzte Exemplar“ ...

Mehr zum Thema
x