Gerolsheim
Post-Vac-Syndrom: „Ich fühle mich wie eine 90-Jährige“
Helga, Jonas und Jana Ohlinger sitzen gemeinsam an ihrem Esszimmertisch und puzzeln – wie wohl so oft in den vergangenen zwei Jahren. Gemeinsam setzen sie zusammen, was ihre Familie seit dem Sommer 2021 nicht mehr loslässt. Puzzlestück für Puzzlestück. Doch handelt es sich hier nicht um ein Spiel, sondern um das Leben von Jana. Die 25-Jährige leidet am Post-Vac-Syndrom, da ist sich ihre Familie mittlerweile sicher. Viele Puzzle-Teile in Form von Arztbesuchen und Diagnosen haben dafür aneinander gelegt werden müssen, ehe die Gerolsheimer Familie ein nahezu vollständiges Bild erlangt hat. Es ist ein Krankheitsbild, das derzeit immer öfter ans Licht der Öffentlichkeit dringt, etwa über Medienberichte, und das in der Symptomatik Ähnlichkeiten mit Long Covid aufweist.
Im Mai 2021 wird Jana erstmals mit dem Biontech-Impfstoff Comirnaty geimpft. Erste Probleme treten bei ihr nach der zweiten Dosis auf, die sie im Juni erhält. Erst seien es Erschöpfung und starke Kopfschmerzen gewesen. Spätestens ab August sind nach Angaben der Familie weitere Symptome zu erkennen, die weder von den Ohlingers noch von Ärzten auf die Impfung zurückgeführt werden. Auf dem linken Auge sieht Jana seitdem bis heute alles doppelt.
Ärzte raten zu dritter Impfung
Bald steht deshalb der Verdacht im Raum, sie habe Multiple Sklerose. „Wir dachten eine ganze Zeit lang, Jana hat MS“, sagt der 20-jährige Bruder Jonas. Ein Termin beim Neurologen soll Klarheit bringen. Doch auf den warten die Gerolsheimer ein halbes Jahr lang. Noch bevor der Neurologe Anfang 2022 die MS-Krankheit als Ursache für Janas Beschwerden habe ausschließen können, sei der Familie von Ärzten zur Booster-Impfung gegen Corona geraten worden. Weil zu dieser Zeit für die Familie nicht klar gewesen sei, woher die Symptome kommen, habe Jana im November 2021 diese auch erhalten.
Auch wegen „zu stark ausgeprägter Reflexe“ kommt Jana zudem Anfang 2022 ins Klinikum Ludwigshafen. Der dortige Neurologe zieht in Betracht, dass ihre Symptome zu einem Erschöpfungssyndrom passen könnten. Woher diese Erkrankung kommt, bleibt für die Familie weiter unklar.
Kurz danach geht es für Jana zu einer Augenklinik. Hier stellt ein Arzt fest, dass einer ihrer Augennerven gelähmt sei. „Es war der Erste, der uns gesagt hat, dass es einen Zusammenhang zur Corona-Impfung geben könnte“, sagt Jana. Ihr Hausarzt habe das aber nicht verifizieren können, weil ein Leitfaden für die Krankheit „Post-Vac-Syndrom“ fehle. Nicht bei jedem aufgesuchten Facharzt sei die Familie zudem auf Verständnis gestoßen. Ein Lungenfacharzt habe Jana ausgelacht und behauptet, sie bilde sich alles nur ein, erzählt die 25-Jährige.
20 verschiedene Beschwerden und Symptome
Bis zum Mai vergangenen Jahres geht Jana weiter zur Arbeit, an ein Privatleben sei da aber bereits nicht mehr zu denken gewesen. Früher sei sie vier Mal pro Woche ins Fitnessstudio gegangen, als Ausgleich zu ihrem Büro-Job. „Sie war ein Wirbelwind“, erinnert sich Mutter Helga. Doch nun habe sie das ganze Wochenende benötigt, um sich von der Arbeitswoche zu erholen. Manchmal müsse sie sich nach dem Duschen direkt wieder ausruhen.
Auch während des Gesprächs legt sich die 25-Jährige immer wieder auf das Sofa und schließt die Augen. Für die Familie ist nur ein Termin pro Tag möglich: Jana soll nicht unbeaufsichtigt zuhause bleiben, schaffe körperlich aber nicht mehr als eine Autofahrt. Ihren Alltag hat die Familie deshalb längst auf die Bedürfnisse der Tochter ausgerichtet. Diese hat am Computer eine Liste all ihrer Symptome erstellt, die seit den Impfungen aufgetreten sind. Unter den fast 20 Punkten stehen Beschwerden wie Nesselsucht, Pulsschwankungen, Bewegungs- und Wortfindungsstörungen.
„Wer sie kennt, weiß, dass sie nicht gesund ist“
Im Mai 2022 verschlimmern sich die Symptome deutlich. Ihr Hausarzt überweist sie aufgrund eines auffälligen EKGs zu einem Kardiologen. Der stellt fest, dass sie bereits Wasser im Herzen hatte. Der Befund: eine „stark ausgeprägte Herzmuskelentzündung“. Doch auch nach deren Abklingen sei es ihr weiter schlecht gegangen. Das Uniklinikum Mannheim attestiert ihr schließlich im August desselben Jahres das Fatigue-Syndrom, auch bekannt als ME/CFS. Die Familie versucht seitdem, auch auf Rat der Ärzte, Jana mit teuren, selbst finanzierten Nahrungsergänzungsmitteln am Leben zu halten. Weil sie auch Nahrungsallergien entwickelt habe und bereits vor all den Problemen eine Zöliakie hatte, könne sie viele Lebensmittel gar nicht mehr essen.
„Ich fühle mich wie eine 90-Jährige“, erklärt Jana ihren derzeitigen Gesundheitszustand. In der Öffentlichkeit habe sie, mit Rollator gestützt gehend oder im Rollstuhl sitzend, öfters zu hören bekommen, sie sehe doch gar nicht krank aus. Mutter Helga hingegen meint: „Wenn man sie von früher kennt, weiß man, dass sie nicht gesund ist.“ Die 49-Jährige kämpft häufig mit den Tränen, wenn sie über den Zustand ihrer Tochter spricht. Geweint habe die Mutter auch, als sie im Fernsehen sah, wie Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) Impfschäden nach Corona-Impfungen eingestanden hatte. Um Schuldzuweisungen gehe es der Familie aber nicht, betont die Mutter, sondern darum, Hilfe zu bekommen.
Spenden-Kampagne für die Schwester
Helga holt ein Schreiben hervor und legt es auf den Esszimmertisch. Es trägt die Überschrift „Ärztliche Bescheinigung“. Den Namen des ausstellenden Arztes hat die Familie geschwärzt. „Es gibt kaum Ärzte, die Post-Vac als Diagnose bescheinigen“, sagt die 49-jährige Mutter von Jana und Jonas. „Weil es die Krankheit offiziell nicht gibt“, fügt sie an. Einen Arzt haben sie augenscheinlich doch gefunden, der ihnen im März auf etwas mehr als zwei Seiten attestiert hat, was sie langsam geahnt, aber nirgends anerkannt bekommen haben. „Bei Jana Ohlinger (...) liegt ohne Zweifel ein schweres Post-Vac-Syndrom vor“, steht in dem Brief. Der Name des Arztes soll anonym bleiben, damit dieser keine Konsequenzen zu befürchten habe. Laura Acksteiner, Pressesprecherin des Landesamtes für Soziales, Jugend und Versorgung, sagt auf Anfrage jedoch, ein Arzt müsse in diesem Fall nicht um seine Zulassung fürchten: „Auch wenn es sich dabei nicht um eine offizielle Diagnose handelt, hat die Stellung einer solchen keine rechtlichen Konsequenzen bezüglich der Approbation“, sagt sie. Das Schreiben ist für Familie Ohlinger das aktuellste Puzzle-Stück, das die Familie auch dazu ermutigt hat, an die Öffentlichkeit zu gehen. Mit einer im Internet gestarteten Spenden-Kampagne hat Bruder Jonas bereits mehr als 12.000 Euro gesammelt. „Ich wollte auch meinen Beitrag leisten“, erklärt er.
„Langzeitschäden der Corona-Impfungen sind derzeit noch wenig erforscht“, bestätigt Ines Engelmohr, Pressesprecherin der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz. „Es gibt zwar einige Erkenntnisse hierzu, aber auch noch Forschungslücken. Für das Post-Vac-Syndrom gibt es daher noch keine international anerkannte, standardisierte Falldefinition“, erklärt Engelmohr. „Noch gibt es keine Leitlinien zur Behandlung des Post-Vac-Syndroms – und somit auch keine offiziellen Therapieempfehlungen“, führt Engelmohr weiter aus. Auch das Paul-Ehrlich-Institut führt in einem Bericht aus: „,Post-Vac’ stellt dabei keine definierte Bezeichnung einer Erkrankung dar.“ Weiter heißt es: „Der Begriff meint offenbar verschiedene Beschwerden, wie sie auch mit Long COVID in Verbindung gebracht werden.“ Betroffene wie Jana suchen auch deshalb online den Austausch in Selbsthilfegruppen zu bekommen.
Seit Dreivierteljahr auf der Warteliste
Hilfe hatten sich die Ohlingers auch von der Marburger Uniklinik versprochen. Dort ist eine Anlaufstelle unter der Leitung von Klinikdirektor Bernhard Schieffer für diejenigen eingerichtet worden, die glauben, durch die Corona-Impfung einen langfristigen gesundheitlichen Schaden erlitten zu haben. Schätzungen zufolge stehen derzeit etwa 7000 Menschen auf der Warteliste der Marburger. Jana wartet nach eigenen Angaben bereits seit Sommer 2022 auf einen Termin. Eine Presseanfrage der RHEINPFALZ beantwortet das Klinikum mit Hinweis auf Überlastung nicht. Bestimmte Medikamente, die bei der Behandlung von Janas Leiden helfen können, bekämen Betroffene derzeit nur über Marburg verschrieben, sagt Mutter Helga. Entsprechende Medikation muss die Familie daher selbst bezahlen, weil es ohne offiziell anerkannte Krankheit keine Abrechnung über die Krankenkasse geben könne.
In einem Podcast im März informiert Bernhard Schieffer über die statistische Auffälligkeit, dass anscheinend vor allem junge, sportliche Frauen vom Post-Vac-Syndrom betroffen sind. Jana Ohlingers Fall würde in das Bild passen, auch wenn unklar erscheint, warum es gerade diese Gruppe erwischt. „Die Ursache für das Auftreten des Krankheitsbildes Post-Vac-Syndrom ist bisher unbekannt. Um zuverlässige Erkenntnisse zu gewinnen, sind zusätzliche Untersuchungen und Studien notwendig“, teilt die Kassenärztliche Vereinigung Rheinland-Pfalz dazu auf Anfrage mit.
Der Impfstoffhersteller Biontech, der sich derzeit auf mehrere Klagen von mutmaßlichen Betroffenen einstellt, hatte eine Antwort auf eine RHEINPFALZ-Anfrage zum Thema wiederholt zugesagt, aber ist diese bis heute schuldig geblieben. Familie Ohlinger hatte mit dem Gedanken gespielt, ebenfalls gegen die Mainzer Firma zu klagen. Zum jetzigen Zeitpunkt komme dies aber nicht in Frage.
Für Familie Ohlinger ist es ein Wettlauf mit der Zeit, der tödlich enden könnte, so die Befürchtung der Gerolsheimer. „Ich habe Angst, meine Schwester zu verlieren“, sagt Jonas. Die Hoffnung der Familie liegt derzeit unter anderem auf einer Blutwäsche, deren Wirkung umstritten ist, an die sich aber Betroffene in ihrer Hilflosigkeit wagen. 8000 Euro koste so ein Filter für die Blutwäsche, der für fünf Anwendungen reiche, meint Jonas. Er rechnet mit 13.000 Gesamtkosten für die Therapie. Auch deshalb habe er den Spendenaufruf gestartet. Noch im April soll die erste Behandlung starten. Seine Schwester baue Woche für Woche ab, meint Jonas. Jana sagt: „Ich habe nichts mehr zu verlieren, außer mein Leben.“
