Bad Dürkheim
Mehr Entwicklung als Wissen verpasst
Nach den Sommerferien werde der Lernstand erhoben, erklärt Petra Guth, Leiterin der Von-Carlowitz-Realschule-Plus in Weisenheim am Berg. Erst zu den Herbstferien würde man dann die Folgen des Distanz- und Wechselunterrichts abschätzen können. Das Ergebnis werde den Ausschlag geben, wie es weitergeht. Konrektor Thorsten Schwan, gibt zu, dass der Unterrichtsstoff in diesem Schuljahr nicht vollständig und in der normalen Intensität durchgenommen werden konnte.
„Nur gelesen heißt noch nicht verstanden“, erläutert Guth die Schwierigkeiten des Fernunterrichts. Direktes Nachfragen bei Verständnisproblemen sei nicht möglich und führe zu Zeit- und Motivationsverlust. Kinder, die vorher bereits gut strukturiert waren, seien mit dem Distanzunterricht gut zurechtgekommen, sagt sie. Viele hätten an Selbstständigkeit gewonnen, da sie sich teils selbst organisieren mussten. Guth räumt aber ein, dass nicht alle Kinder erreicht wurden. „Das sind aber diejenigen, die auch im normalen Schulalltag schwer zu greifen sind“, betont sie.
Vereinsamung war ein großes Thema
Armin Rebholz, Leiter des Werner-Heisenberg-Gymnasiums in Bad Dürkheim, rechnet mit Lücken in allen Fächern. „Das ist jetzt schwer abzuschätzen, das werden wir erst im Laufe des nächsten Schuljahres sehen“, erklärt er. Aufgrund der besonderen Umstände hätten die Lehrkräfte den Erwartungshorizont auch mal runtergeschraubt.
Georg Dumont, Leiter der IGS Deidesheim-Wachenheim, hält die Diskussion über Wissenslücken für übertrieben. „Schüler vergessen immer was“, hebt er hervor. In der Schule müsse ständig Stoff wiederholt werden. Pädagogisch sei die teilweise Aufhebung der Notenfixierung in dieser Zeit hilfreich gewesen. „Wir stellten fest, dass alle den sozialen Kontakt bitterlich entbehrt haben“, sagt Dumont und bestätigt damit die Eindrücke der anderen Schulleiter. Die jüngeren Kinder hätten ihre Klassengemeinschaften gar nicht erst richtig bilden können. An der IGS und dem WHG sind daher gleich zwei Wandertage für die Zeit vor den Sommerferien eingeplant worden. Bei den Älteren seien psychische Probleme wie Vereinsamung ein großes Thema, berichtet Dumont.
Im zweiten Lockdown lief Fernunterricht besser
Der Distanzunterricht in diesem Schuljahr sei viel besser gelaufen als noch im ersten Lockdown. Die Einrichtung der digitalen Plattformen sei eine wesentliche Erleichterung gewesen. Kinder, die keine digitalen Endgeräte hatten, seien vom Landkreis Bad Dürkheim mit Leihgeräten ausgestattet worden. Das loben auch die Elternvertreter. Zudem seien Förderkinder an der IGS regelmäßig in die Schule geholt und extra betreut wurden, teilt Dumont mit.
Der Wechselunterricht habe gezeigt, dass Arbeiten in Kleingruppen viel besser funktioniere. Sonst eher zurückhaltende Kinder hätten sich mehr am Unterricht beteiligt. Auch den Lehrkräften habe es mehr Spaß gemacht. Alle betonen, dass dies keine neuen Erkenntnisse seien, aber nun habe man das live erleben können, sagt Rebholz. „Das war eine Schule, die sich jeder wünscht,“ findet nicht nur Dumont, dass das Ministerium hier investieren sollte, um generell kleinere Klassen zu ermöglichen.
Zurück im vollen Präsenzunterricht seien Arbeitsfähigkeit und Konzentrationsfähigkeit zunächst nicht mehr da gewesen, haben alle beobachtet. Dazu kam die ungewohnte Enge und Unruhe in plötzlich wieder vollen Klassen. Schwan berichtet, dass es im gesamten Schulhaus wieder viel lauter geworden sei, wobei Guth lächelnd ergänzt, dass die Ruhe im Wechselunterricht beängstigend gewesen sei. „Die Kinder mussten erst wieder lernen, den Mund zu halten“, erläutert Dumont schmunzelnd. Immerhin sei die komplette Schließung der Schulen im Kreis Bad Dürkheim nicht sehr lang gewesen, findet Rebholz, dass es anderen viel schlimmer ergangen sei.
Keine Sorgen bei Wechsel in weiterführende Schule
Manche Eltern der künftigen Fünftklässler sind besorgt, ob ihre Kinder für die weiterführende Schule gerüstet sind. Dumont macht sich da keine Sorgen. Es gebe jedes Jahr Lerneingangstests. Der Wissensstand sei noch nie einheitlich gewesen. Schwan glaubt aber, dass das Ergebnis dieses Mal interessanter werde.
Die Elternvertreter haben ähnliche Eindrücke wie die Schulleiter. Im ersten Lockdown im vergangenen Schuljahr habe es noch viele Rückmeldungen gegeben, damals ging es vor allem um die digitalen Anlaufschwierigkeiten. Mit Einführung der Lernplattformen habe sich das entspannt, berichtet nicht nur WHG-Elternsprecherin Andrea Banholzer. Die Kommunikation hätten die meisten Schüler dann selbst und direkt mit den Lehrkräften übernommen. Sie glaubt, dass sich auch die meisten Eltern mit der Situation arrangiert hätten. Auch Diana Kurkowski, Vorsitzende des Schulelternbeirats (SEB) in Weisenheim am Berg, hört in dieser Funktion wenig von anderen Eltern. Und wenn, dann sei das Jammern auf hohem Niveau, findet sie, dass die Schule sich Mühe gegeben habe. „Die Kinder hatten genügend zu tun“, widerspricht sie einer Studie, dass Distanzunterricht genauso effektiv sei wie Sommerferien. Die Elternvertreter der IGS loben die rechtzeitig ausgegebenen Wochenpläne, mit denen sie besser planen konnten. Die Kinder bekamen dadurch eine Art Ersatzstruktur. Thomas Bergner, SEB-Sprecher der IGS, sieht die sozialen Auswirkungen als größeres Problem: „Es wurde mehr Entwicklung verpasst als Wissen.“ Bemängelt wurde allgemein das teils schlecht funktionierende Internet. „Unsere Schulen sind schlecht verkabelt“, sagt Banholzer.
Direkter Kontakt durch nichts zu ersetzen
Dumont erzählt, er habe in diesen letzten Wochen vor den Sommerferien nur glückliche Schüler erlebt. „Die freuen sich jetzt wieder auf die Schule.“ Der Lehrerberuf habe an Ansehen gewonnen, glaubt Guth. Manche Eltern hätten nun gemerkt, dass es nicht so einfach ist, Kindern etwas beizubringen. Für Kurkowski ist der direkte Kontakt zwischen Schülern und Lehrern durch nichts zu ersetzen. Digitaler Unterricht könne höchstens ergänzen.