Maikammer
„Klimagipfel“ auf der Kalmit
Organisiert wird die Führung unter dem Namen „Pfälzer Klimagipfel“ vom Tourismusbüro Maikammer. Der Ortsgemeinde gehört der Turm, aber Klimaexperte Christian Müller, Geschäftsführer und Gründer von „Klima-Palatina“, darf ihn für seine Beobachtungen nutzen. Seine Funktion beschreibt er als „eine Mischung aus Wetterfrosch, Hausmeister und Turmwächter“.
Die Touren finden meistens am ersten Mittwoch des Monats statt, können bei unpassendem Wetter aber verschoben werden. Die Teilnehmer erhalten von Müller zunächst eine kleine Einführung in die Geschichte des Turms, der 1928/29 vom Pfälzerwald-Verein erbaut wurde. Kein einfaches Unterfangen, denn die Straße, die den Turm heute problemlos per Pkw erreichbar macht, wurde erst acht Jahre später fertiggestellt. Das dürfte die stationierten Wetterbeobachter gefreut haben: Zuvor mussten sie oft mehrere Jahre am Stück im Turm verbringen, in dem sich deshalb auch Wohn- und Schlafräume befinden.
Holiday Park und Bäder werden gewarnt
Schon damals war die Wetterbeobachtung auf der Kalmit von großer Bedeutung. So wurden auch die Flughäfen in Frankfurt, Stuttgart und München gewarnt, wenn sich Unwetter von der Kalmit auf dem Weg zu ihnen befanden. Ganz so viel Verantwortung muss Christian Müller heute nicht mehr tragen, aber auch er warnt den Holiday Park in Haßloch oder umliegende Schwimmbäder vor drohenden Gefahren. Nicht immer eine dankbare Aufgabe, wie er erzählt.
Nach der historischen Einführung geht es dann ins Innere des Turms und von dort über einige Treppenstufen in das Büro der Wetterbeobachter. Hier gibt es erste Einblicke in die Arbeit der Wetterforscher – damals wie heute. Dass es dabei etwas trockener werden könnte, muss man nicht befürchten. Müller erzählt mit Begeisterung von seiner Tätigkeit und stellt immer wieder aktuelle Bezüge her. Ob Klimawandel oder Ahrtal: Wer seine eigenen Ansichten gerne mal mit einem echten Experten diskutieren möchte, kommt hier auf seine Kosten. Auch über die Medien spricht er bei der Tour und kritisiert, dass oft versucht werde, jeden Sturm zum furchtbaren Unwetter zu stilisieren. Trotzdem – oder gerade deshalb – unterstützt Müller mit seiner Expertise auch die RHEINPFALZ schon seit vielen Jahren. Oft, wenn es um Wetter oder Klima in der Südwestpfalz geht, ist seine Meinung gefragt.
Spektakulärer Rundumblick
Danach geht es dann zum wortwörtlichen Höhepunkt der Führung auf das Dach des Kalmit-Turms. Wer oben angekommen ist, befindet sich auf dem höchsten Punkt der Pfalz. Etwa 21 Meter über dem 673 Meter hohen Gipfel der Kalmit überragt man sogar den Donnersberg. Man hat vollkommene Rundumsicht und kann einen wirklich spektakulären Ausblick über die Rheinebene bis hin zum Kraichgau genießen. Viele Wanderer kennen die übliche Diskussion auf Aussichtspunkten: „Welcher Berg war das jetzt?! Ist das da hinten Speyer?“. Christian Müller weiß da wirklich Bescheid. Besonders beeindruckend ist, dass man an klaren Tagen sogar die Hochhäuser in Frankfurt erkennen kann und bei Dunkelheit den Lichtkegel von Straßburg.
Was man hingegen fast immer sieht, ist der Smog über den Städten Mannheim und Ludwigshafen. Deshalb wird der Turm auch vom Institut für Umweltphysik der Universität Heidelberg genutzt, um die CO2-Werte der Stadt mit den „guten“ Werten auf der Kalmit zu vergleichen.
Fast 37 Grad im heißen Sommer 2003
Müller erzählt auch von den klimatischen Bedingungen und Extremtemperaturen auf – inklusive Turm – knapp 700 Metern über Normalnull. Dass höher nur schroffer und kälter bedeutet, stimme nämlich nicht. So könne es im Sommer durchaus vorkommen, dass am Fuß der Kalmit ein angenehmer Luftzug weht, während es oben noch immer um die 25 Grad warm ist. „Das liegt daran, dass die kalte Luft am Berg nach unten fließt“, erklärt Müller. Es geht auch noch deutlich wärmer: Am heißesten Tag, dem 13. August 2003, wurden stolze 36,8 Grad auf dem Turm gemessen.
Auch im Winter, wenn in Maikammer Minusgrade verzeichnet werden, könne es auf dem Turm mit sechs bis sieben Grad noch recht angenehm sein. Dann sehe man unten eine dichte Nebelwolke, durch die es für die Sonne kein Durchkommen gebe. Die Dorfbewohner müssen dann frieren, während Müller auf seinem Turm noch etwas die Sonne genießen kann.
Sturmtief Sabine mit 159 Stundenkilometern
Auf dem Turm kann es aber auch richtig unangenehm werden. So beträgt die tiefste je gemessene Temperatur minus 25,6 Grad. Ganz so kalt hat es Müller selbst noch nicht erlebt, die Messung stammt aus dem Jahr 1929. An was er sich allerdings erinnern kann, ist Sturmtief Sabine. Während des Unwetters im Februar 2020 wurden von den Messgeräten des Turms Windgeschwindigkeiten von 159 Stundenkilometern aufgezeichnet. „Wenn man bei Windstärken von über 100 Kilometern pro Stunde die Tür öffnet, ist das in etwa so, als würde man bei einer Fahrt auf der Autobahn versuchen auszusteigen“, vergleicht der Wetterforscher. Man kann sich ungefähr vorstellen, welches Gefühl das in der Magengegend auslöst. Glücklicherweise finde bei solchem Wetter keine Führung statt. Man könnte dabei wohl kaum den Wein genießen, bei dem man zum Abschluss Christian Müller Löcher in den Bauch fragen kann.
Anmeldung
Zum „Klimagipfel“ anmelden kann man sich unter www.maikammer.de. Preis: 23 Euro.