Kreis Bad Duerkheim Gut schlecht sehen
Als hätte man einen Stein durch eine Scheibe geschmissen. So beschreibt Ulrike Becker-Possler den Tag, an dem sich ein Loch in ihrer zentralen Netzhaut, der Makula, bildete. „Das war der 14. September 2005, um 14:30 Uhr“, sagt die Lambsheimerin. Seit diesem Tag ist ihr Sehvermögen stark eingeschränkt. „Ich habe quasi eine permanente Spider-App“, beschreibt die 64-Jährige ihr Krankheitsbild zeitgemäß. Um Menschen wie Becker-Possler soll es beim „Spaziergang mit anderen Augen“ gehen, den der Blinden- und Sehbehindertenbund Pfalz (BSB) anlässlich des bundesweiten Sehbehindertentags organisiert. „Für Blinde gibt es den ’Tag des weißen Stocks’ am 15. Oktober, heute sollen jedoch die Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen im Mittelpunkt stehen“, erklärt mir der Vorsitzende des BSB Pfalz, Wilhelm Licktau, Donnerstag am Treffpunkt in Wachenheim. „Wir sind also die, die ziemlich gut schlecht sehen“, fügt seine Begleiterin Rita Banholzer lachend hinzu. Der Plan ist, von Wachenheim durch die Weinberge zu einem Gasthaus in Forst zu wandern, das Besondere dabei: Jeder Teilnehmer bekommt drei Simulationsbrillen ausgehändigt, die jeweils die Symptome einer anderen Augenerkrankung darstellen sollen. Die gut schlecht sehende Banholzer leidet an diabetischer Retinopathie, bei der sich durch die Zuckerkrankheit krankhafte Blutgefäße auf der Netzhaut und dem Glaskörper bilden. Diese bei der Erkrankung auftretenden Eintrübungen simuliert die erste Brille, die ich aufsetze. Das Muster auf den Gläsern erinnert an das Fell eines Dalmatiners. Frau Banholzers launiger Spruch ergibt plötzlich Sinn: Ich sehe schlecht, aber vergleichsweise gut. Neben den Eintrübungen erscheint die Welt zwar unscharf, aber erkennbar. Im Vergleich zu wirklich Erkrankten kann ich jedoch durch eine einfache Kopfdrehung an den Flecken vorbeilinsen, der Schwierigkeitsgrad bleibt also überschaubar. Wie biegen auf den Feldweg zwischen den Weinfeldern ein. Die zweite Brille simuliert ein Sehrestvermögen von zehn Prozent. Das ist nur unwesentlich mehr als die vier Prozent auf dem verbleibenden rechten Auge von Roselinde Cherf aus Kaiserslautern, die neben mir läuft. „Ich wünsche mir, dass die Leute im Alltag ein bisschen mehr auf uns aufpassen“, wünscht sich die 62-Jährige, der nach einer Tumorerkrankung in der Kindheit das linke Auge entfernt wurde. Ich setze die Brille auf und verstehe, was sie meint: Die Welt verschwimmt zu einer trüben Suppe aus Farben und Formen, nicht einmal meine eigenen Hände kann ich erkennen. In diesem Zustand anderen Menschen auf der Straße auszuweichen, ist unmöglich. Ich kann kaum erkennen, ob sie sich auf mich zu bewegen oder entfernen. Forsch marschiere ich los und verstauche mir sogleich den Fuß an der Kante des plötzlich sehr breit wirkenden Betonwegs. Jemand reicht mir einen Weißen Langstock, im Volksmund als Blindenstock bekannt. Nach einer kurzen Einführung („Immer vor das Bein schwingen, das gerade hinten ist“) geht es ein wenig trittsicherer weiter. Ein paar Minuten versucht mein Gehirn noch verzweifelt, das bunte Aquarell vor meinen Augen zu interpretieren. Dann gibt es auf. Dafür nehme ich plötzlich eine Vielzahl von Gerüchen wahr, die wohl sonst nur „unter ferner liefen...“ registriert werden. Ich rieche feuchte, von der Sonne erwärmte Erde. Ich rieche den warmen Beton auf dem ich laufe, das Haarspray einer Mitläuferin und das Waschmittel meines Pullovers („So riecht also Weichspüler?“). Auch meine Ohren scheinen plötzlich feiner, wacher zu sein. Ohne die störende Ablenkung optischer Reize kann ich sogar Gesprächen folgen, die vorne in der Gruppe geführt werden, dazu singen mindestens fünf verschiedene Vogelarten, ein großes Insekt umkurvt brummend meinen Kopf und auf der etwas entfernten L516 surren, bröppeln und brüllen unterschiedliche Verbrennungsmotoren. Natürlich habe ich nicht mal so eben die geschärften Sinne eines von Geburt an blinden Menschen erworben. Doch das „mit anderen Augen sehen“, dass der BSB-Kreisdelegierte Alexander Wendt mit seiner Wanderung verdeutlichen möchte, habe ich verstanden. „Ich mag das Wort ’Sehbehinderung’ nicht. Wir sind nicht behindert, wir sehen nur anders. Jeder auf seine Weise“, sagt Wendt. „Viele meinen automatisch, nur weil man schlecht sieht, sei man auch blöd“, bekräftigt Roselinde Cherf. Wir nähern uns Forst und ich wechsele zur dritten Brille, die die typischen Auswirkungen der Altersbedingten Makula-Degeneration (AMD) simuliert. Zusätzlich zur Trübung hat sie zwei große graue Flecken in der Mitte des Glases und jetzt sehe ich wirklich: Nichts. Leicht schwindelig ertaste ich mit dem Blindenstock den Untergrund vor mir. Als sich von hinten ein Auto nähert und sich an der Gruppe vorbeischlängelt, mache ich mich gerade wie ein Erdmännchen. Stehe ich weit genug links? Sieht mich der Fahrer? Ich weiß es nicht und hoffe auf das Beste. Stolpernd und ein bisschen mogelnd schaffe ich es in das Ausflugslokal. Hier hat der BSB, der sich als Selbsthilfeorganisation versteht, Alltagshilfen ausgestellt, etwa eine sprechende Armbanduhr. Auch ein Ratgeber für den richtigen Umgang mit sehbehinderten Menschen liegt aus. Ich lese Roselinde die dort als „goldene Regel“ festgehaltene Handlungsanweisung vor: „Fragen Sie einen sehbehinderten Menschen, ob Sie ihm helfen können, bevor Sie etwas tun – aus Respekt vor ihm und seiner persönlichen Freiheit.“ Sie strahlt. „Genau das ist es! Und ein wenig mehr Rücksicht!“. Das sehe ich auch so.