Kreis Bad Duerkheim „Es herrschte Chaos“
Der 28. Juli 1948 ist ein Mittwoch. Es ist ein heißer Sommertag. Das Thermometer zeigt in Ludwigshafen fast 40 Grad an. Am Willersinnweiher suchen Schüler Abkühlung im Wasser. Wer arbeitet, schwitzt in der Gluthitze und sehnt den Feierabend herbei. Doch um 15.43 Uhr ist es vorbei mit der Normalität. Gewaltige Explosionen erschüttern die Stadt und versetzen ihre Einwohner in Angst und Schrecken. Kilometerweit ist ein Knall zu hören. Ein riesiger Rauchpilz steigt über der BASF in den Himmel. Die Werksuhren bleiben stehen. Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand weiß: Im Ludwigshafener Chemiewerk hat sich die schwerste Katastrophe der Nachkriegszeit ereignet. Ein Kesselwagen mit rund 30 Tonnen Dimethylether ist explodiert. Der Wagen stand seit 5.45 Uhr auf einem Gleis im Werksteil Süd nicht weit vom Hauptverwaltungsgebäude entfernt. Eine internationale Untersuchungskommission kommt später zu dem Schluss, dass mehrere Umstände zur Katastrophe geführt haben: Das Volumen des Kesselwagens war geringer, als auf dem amtlichen Schild angegeben. Deshalb wurde der Kesselwagen vermutlich über seine Kapazität gefüllt. Eine Schweißnaht war nicht ganz dicht. Nach zehn Stunden in der Hitze verflüchtigte sich das hochentzündliche Gas durch einen Riss, mischte sich mit der Luft und explodierte. Der Kesselwagen stürzte um, noch mehr Gas wurde freigesetzt, das sich entzündete und mit großer Wucht explodierte. Die Explosionen legen in Sekundenschnelle weite Teile des Werkteils Süd in Schutt und Asche. In den angrenzenden Ludwigshafener Stadtteilen Friesenheim und Nord brechen Häuser durch die Druckwelle zusammen. Im restlichen Stadtgebiet und auch in Mannheim zerbersten Fensterscheiben, teils werden Türen aus ihren Rahmen gerissen. Es ist das zweitgrößte BASF-Unglück nach der Explosion eines Düngemittelsilos im Oppauer Werk im September 1921, das bis heute als schlimmste Katastrophe der deutschen Industriegeschichte gilt. Den Helfern und Rettungsmannschaften, die von überall her an den Unglücksort eilen, bietet sich ein Bild des Schreckens: Rauchwolken, lodernde Feuer, Trümmer – dazwischen Tote und Verletzte, die schreien oder blutüberströmt aus zerstörten Gebäuden wanken. „Es herrschte Chaos“, erinnerte sich Zeitzeuge Gerd Hasslinger, damals 20-jähriger Polizist in Ludwigshafen, beim 65. Jahrestag . „Es war schwer zu helfen, da anfangs immer noch kleinere Explosionen erfolgten. Viele Opfer waren verschüttet oder eingeklemmt“, berichtete der Zeitzeuge. Der Kesselwagen sei aufgerissen gewesen, die Zentimeter dicken Stahlwände geborsten. Viele Gebäude seien einfach verschwunden gewesen. Leichen wurden in eine Fabrikhalle in den Hemshof gebracht, notdürftig abgedeckt, die meisten bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, erinnerte sich der Polizist. Am Unglückstag sind rund 1000 Feuerwehrleute aus der Region im Einsatz. Französische und amerikanische Besatzungstruppen rücken mit schwerem Gerät an. Ein Amerikaner verhinderte womöglich noch Schlimmeres. Sergeant William McKee setzt sich kurzentschlossen in einen Raupenschlepper und zieht weitere Waggons aus der Gefahrenzone. Auf dem Werksgelände werden provisorische Verbandsplätze eingerichtet. Die Krankenhäuser sind schnell überfüllt. Angehörige von Anilinern kommen zum Werk und suchen nach Verwandten. Erst im Laufe der nächsten Tage offenbart sich das ganze Ausmaß der Katastrophe: 207 Menschen sind umgekommen – darunter auch Anwohner und Passanten. Von einigen Opfern findet man nur noch Leichenteile oder gar nichts mehr. 3818 Verletzte werden registriert, darunter 500 Schwerverletzte. Etwa ein Fünftel der Verwundeten hat sich bei der Explosion außerhalb des Werks befunden. Der Sachschaden wird später auf etwa 80 Millionen Mark beziffert. Über 7000 Anwesen außerhalb des Werks sind beschädigt. Das Unglück hat die vom Krieg ohnehin schwer gezeichnete Industriestadt hart getroffen. In der ganzen Welt wird über die Katastrophe berichtet – sogar in Australien. Mehrere Zehntausend Ludwigshafener verabschieden sich am 2. August 1948 mit einem Staatsakt auf dem Marktplatz (heute Klüberplatz) und einer Trauerfeier auf dem Hauptfriedhof von den Opfern. Die Gebeine der meisten Toten finden dort auf einem Ehrenfeld ihre letzte Ruhestätte. info Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD) und BASF-Vorstandsvorsitzender Martin Brudermüller legen zum Gedenken an die Verstorbenen des Kesselwagenunglücks heute, 11 Uhr, auf dem Hauptfriedhof und um 11.30 Uhr auf dem Friedhof Friesenheim Kränze nieder.