Hassloch
Elf stachelige Einzelgänger in Igelstation
Sie sehen für die meisten Leute einfach „niedlich“ aus. Ob sie nun eingerollt im Laubhaufen liegen oder im Herbst lautstark über den Hof stapfen. Doch wenn Menschen den nachtaktiven Igel ungehindert beobachten können, vor allem bei Tageslicht, zeigt sich die Lage völlig anders: Mit hoher Wahrscheinlichkeit stimmt dann gesundheitlich etwas nicht mit dem stacheligen Gesellen.
„Der Igel ist eben ein echtes Wildtier“, betont Klaus Hoffmann deswegen. Der Vorsitzende und Initiator des 1991 gegründeten 1. Tierschutzverein Haßloch und Umgebung hat mit seinem Team über 20 Jahre Erfahrung in der Igelstation gesammelt. Er weiß: „Ein herumirrender Igel, auch noch im Hellen, hat ein Problem.“ In Lüftungs- oder Lichtschächten endet mancher Igelausflug mit einer sturzbedingten Verletzung. Zu viel Hitze, aber auch Kälte kann ein weiterer Faktor sein, der Igel in Nöte bringt.
Nachwuchs zweimal im Jahr
Wegen des Klimawandels bekommen Igel laut Hoffmann oft zweimal im Jahr Nachwuchs. Das ist aber nicht so gut für die Population, wie es sich vielleicht anhört, denn: „So spät schaffen die es bis zum Winterschlaf nicht mehr auf ein gutes Gewicht.“ 500 Gramm oder mehr müssten das schon sein. Anstelle der Körpertemperatur von 36 Grad Celsius bringt es der Igel in diesem Zustand nur noch auf vier bis sechs Grad – er hat aber keine echte Chance, wenn er schon mit Untergewicht in den mehrmonatigen Winterschlaf fällt.
In der Igelstation verhindert deswegen eine Raumtemperatur von 20 Grad Celsius gewollt den natürlichen Vorgang, damit die Fundigel keinen Winterschlaf halten, sondern sich ihren „Winterspeck“ nachträglich anfuttern. 250 Gramm Körpergewicht sind schon wenig, aber die kleinsten Igelkinder wurden mit nur jeweils 60 Gramm gefunden. Oft wird die Igelmutter vom Auto überfahren, die Jungen bleiben hilflos zurück. Ihre Überlebenschancen sind laut Hoffmann unterschiedlich: „Bei so einem geringen Ausgangsgewicht wird es eng.“
Gekochte Eier eine Delikatesse
Ungefähr 50 Gramm Zunahme pro Woche in der Igelstation, das ist für die stacheligen Patienten ein realistisches Ziel. Trocken- oder Nassfutter für Katzen und Hunde vertragen auch Igel. Gekochte Eier sind eine echte Delikatesse. Spezialnahrung gibt es natürlich auch – aber die ist laut Hoffmann „sehr, sehr teuer“. Überhaupt bewirkt die Igelstation keine eigenen Einnahmen, weil die kleinen Patienten keine Haustiere für die Vermittlung sind, sondern wieder ausgewildert werden.
Trotzdem haben die Haßlocher ihre Igelstation in den vergangenen Monaten aufwendig auf Vordermann gebracht, obwohl wegen der Corona-Pandemie viele Spendengelder wegen ausgefallener Feste fehlen. Geräumige Boxen für die stacheligen Einzelgänger wurden neu gebaut. „Einstreu“ in Form von langen Papierschnipseln ist wichtig, damit die Igel ein angemessenes Schlafnest daraus bauen können.
Heizkissen in jeder Box
Elf Igel statt nur acht oder neun haben jetzt im 40 Quadratmeter großen Raum Platz. Die Steckdosen sind so gesetzt, dass Heizkissen in jeder Box zugänglich sind. Immer wieder benötigtes Material wie Zeckenzangen ist griffbereit in großen Schubladen untergebracht. Wenn es Frühjahr wird und damit langsam in Richtung Abschied geht, campieren die Igel noch eine Weile im beschützten Außengelände, bis sie eines Tages für immer ins Grüne verschwinden. Für Hoffmann ist das der Moment, in dem die Helfer wissen: „Der hat's geschafft.“
Ausgewachsene Tiere bekommen jeden Abend Futter. Igelsäuglinge müssen alle vier Stunden von Helfern zu Hause weiterversorgt werden. Zwei hauptamtliche Mitarbeiter, zwei 450-Euro-Kräfte und um die zehn Ehrenamtliche sind für das derzeit für Besucher geschlossene Tierheim im Füllerweg in coronakonformen Schichten im Einsatz, Tierärzte bei Bedarf. Lange wurden um die 40 Igel pro Jahr in der Haßlocher Igelstation versorgt. 2020 waren es 67. „Es gibt immer mehr Anfragen“, sagt Hoffmann. Der 75-Jährige wird seit drei Monaten von Tierheimleiterin Nicole Fützenreiter unterstützt. „Und wenn mal kein Stationsplatz frei ist“, betont er, „geben wir am Telefon Tipps, damit die Leute den Igeln selbst helfen können.“
Info und Kontakt
- Tierschutzverein Haßloch, Telefon 06324/4944; www.tierschutzverein-hassloch.de.
- Spendenkonto: 1. Tierschutzverein Haßloch und Umgebung (Sparkasse Rhein-Haardt): IBAN DE25 5465 1240 0001 0108 00. Futterspenden für die Igel (etwa Hunde- und Katzenfutter) und Patenschaften sind nach Absprache möglich.