Kreis Bad Duerkheim Ein Bahnhof am Rande der Stadt

Eine historische Luftaufnahme vom neuen Hauptbahnhof und dem Gelände des alten Kopfbahnhofs (links oben), auf dem bis 1979 das R
Eine historische Luftaufnahme vom neuen Hauptbahnhof und dem Gelände des alten Kopfbahnhofs (links oben), auf dem bis 1979 das Rathaus und das Einkaufscenter entstanden. Im Vordergrund verläuft heute die Hochstraße Nord, nur die Südtrasse war damals schon fertig.

Der Stolz war dem Ludwigshafener Oberbürgermeister Werner Ludwig (SPD) anzumerken, als er die Gäste aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zum Festakt zur Eröffnung des neuen Ludwigshafener Hauptbahnhofs begrüßte. Werner Ludwig hatte allen Grund zur Freude, denn der neue Durchgangsbahnhof ersetzte den alten 1847 eröffneten Kopfbahnhof, der wie ein Keil die Stadt in Süd und Nord spaltete. Die neue Anlage galt als „Wunderwerk der Technik“. Auf die Begeisterung über den „modernsten Bahnhof Europas“, den die Bevölkerung am 30. und 31. Mai 1969 bestaunen durfte, folgte schon nach wenigen Jahren Ernüchterung. Im August 1984 schrieb Ludwig an den Präsidenten der Bundesbahndirektion Karlsruhe einen Brandbrief, in dem er feststellte: „Auch die Stadt Ludwigshafen hat viele Baulichkeiten zu unterhalten, auch die Stadt Ludwigshafen muss sparen, kürzen und rationalisieren, aber Sie werden kein öffentliches Gebäude in Ludwigshafen finden, das in so kurzer Zeit so heruntergekommen ist.“ Die Erwartungen in der Stadt waren groß, weil mit der Inbetriebnahme des neuen Hauptbahnhofs im Juni 1969 endlich zum Abschluss kam, was seit Anfang des 20. Jahrhunderts in Ludwigshafen geplant war, aber immer wieder verschoben werden musste. Erst 1962 einigten sich Stadt und Bundesbahn, die Bahnhofsverlegung in Angriff zu nehmen. Über 190 Millionen Mark – das entspricht heute rund 700 Millionen Euro – flossen allein aus der Stadtkasse in das Projekt. Mit dem Umzug des Bahnhofs verbanden sich große Hoffnungen: „Wenn Bundesverkehrsminister Leber ... dem ersten Zug symbolisch das Startsignal gibt, so bedeutet dies für die 175.000 Einwohner zählende Chemiestadt gleichsam freie Fahrt in eine neue städtebauliche Zukunft“, war damals in der Presse zu lesen. Um 0.49 Uhr am 1. Juni 1969 verließ der erste fahrplanmäßige Zug den neuen Ludwigshafener Hauptbahnhof. Es war der D 49 von Saarbrücken nach München. Kritik, dass der neue Bahnhof zugunsten Mannheims vom Fernverkehr abgehängt würde, wurde nicht gleich bestätigt. Die Zahl der Fernzüge mit Halt in Ludwigshafen stieg 1969 zunächst an, ging aber schon wenige Jahre später nach und nach zurück. In den 1980er-Jahren büßte der Hauptbahnhof seine Bedeutung als Fernverkehrshalt ein. Vor zehn Jahren gab es immerhin noch fünf IC/EC-Verbindungen täglich, heute ist es nur noch eine, morgens der EC 217 von Saarbrücken über München nach Graz. Mit der Streichung der überregionalen Zugverbindungen schränkte die Deutsche Bundesbahn auch den Service und den Unterhalt des ehemaligen Prestigeobjektes in Ludwigshafen ein. Die eingangs zitierte Klage von Oberbürgermeister Ludwig war die Reaktion auf den unansehnlichen Zustand, der sich seitdem grundsätzlich nicht wieder verbessert hat. Außerhalb des Berufs- und Schülerverkehrs, vor allem abends und am Wochenende erwartet Fahrgäste auf den weitläufigen Anlagen gähnende Lehre. Und dass es dort eine „DB Information“ gibt, in der freundliche Mitarbeiter täglich von morgens bis abends „für Auskünfte zur Verfügung“ stehen, aber keine Fahrscheine verkaufen, dürfte bei einem Bahnhof dieser Größe einmalig sein. Auch die großen Hoffnungen für die „städtebauliche Zukunft“ der Stadt wurden durch die Bahnhofsverlegung nicht erfüllt. Der Anschluss des jenseits der Innenstadt gelegenen Bahnhofs an die City ist nicht gelungen. Mit der Station „Ludwigshafen Mitte“ entstand 2003 ein neuer Bahnhof im Zentrum. Auf dem Gelände der alten Kopfstation und ihrer weitläufigen Anlagen wurde 1979 das Rathaus mit dem Einkaufscenter eröffnet. Das übrige Areal wurde jedoch nicht erschlossen. Davon zeugt auch die großzügige Haltestelle „Danziger Platz“, die nie Bedeutung erlangte und mit der Stilllegung der Tunnelstrecke zwischen Hauptbahnhof und Rathaus funktionslos wurde. Der geplante Abriss der Hochstraße Nord und der Bau der ebenerdigen Stadtstraße ist mit dem Projekt „City West“ verbunden. Mit ihm soll verwirklicht werden, was nach 1969 nicht gelang – die Innenstadt zu erweitern. Falls dies gelänge, könnten sich daraus Perspektiven ergeben, dem Hauptbahnhof neues Leben einzuhauchen. Der Autor Josef Kaiser (54) ist ein Ludwigshafener Historiker, Autor und Verleger, der zur Stadtentwicklung und Bahngeschichte einige Bücher veröffentlicht hat.

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