Interview
Depression: Wie sie behandelt wird und was vorsorglich hilft
Herr Stallknecht, Sie leiten gemeinsam mit Volker Draschka die Privatklinik für psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie, die sich seit zehn Jahren im Koeth-Wanscheid’schen Schloss in Dirmstein befindet. Teilen Sie meinen Eindruck, dass heute im Alltag und in den Medien viel mehr über psychische Leiden gesprochen wird als vor Jahrzehnten?
Die Zahlen bezüglich psychischer Erkrankungen steigen ständig und sie sind laut der Deutschen Rentenversicherung mit mehr als 40 Prozent der häufigste Grund für die Frühberentung. In den vergangenen 20 Jahren gab es eine Zunahme von Erwerbsminderungsrenten aufgrund psychischer Leiden von ebenfalls mehr als 40 Prozent. Auch im ambulanten Bereich steigen die Diagnosezahlen kontinuierlich – von 33,4 Prozent 2012 auf 37,3 Prozent 2023.
Auf welche Formen psychischer Erkrankung treffen Sie in der Schlossparkklinik am häufigsten?
Am häufigsten sind Depressionen und Angsterkrankungen, und bei den äußeren Belastungsfaktoren sind es Trennung, Scheidung, Tod sowie Konflikte und Überforderung am Arbeitsplatz.
Was ist mit Klimawandel, Wirtschaftskrise, Kriegsgefahr?
Ich habe noch nicht erlebt, dass jemand deswegen hierherkommt. Aber sicher können diese Krisen die Symptome einer seelischen Erkrankung verstärken.
Gibt es für die steigenden Fallzahlen eine Erklärung?
Da kann man die Frage stellen: Hat es wirklich zugenommen, oder wird es einfach häufiger diagnostiziert? Die Depression ist heute ja auch nicht mehr so stigmatisiert. Das Wissen darum und die Akzeptanz haben zugenommen, sicher auch deshalb, weil sich etliche Prominente geoutet haben. Heute gilt die Depression als eine Erkrankung wie jede andere, das war vor zehn bis 20 Jahren noch ganz anders. Auch hat die Scheu davor, dem Arbeitgeber den Grund für einen Klinikaufenthalt zu erklären, abgenommen.
Was sind die häufigsten Gründe, warum Menschen eine Depression entwickeln?
Es gilt eigentlich immer noch das Vulnerabilitäts-Stress-Modell. Das gibt Aufschluss über die Verletzlichkeit eines Menschen und die damit zusammenhängende Anfälligkeit für eine psychische Erkrankung. Es kann eine genetische Disposition vorliegen, also eine Bereitschaft, bei vermehrtem Stress wie etwa Trauer mit einer Depression zu reagieren. Des Weiteren können kindliche Traumata wie Erfahrungen von Gewalt, sexuellem Missbrauch oder emotionaler Vernachlässigung eine Rolle spielen. Der dritte Punkt ist emotionale Belastung, beispielsweise wegen Trennung, Tod, Arbeitslosigkeit, Geldsorgen.
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Wie kann man einer Depression vorbeugen?
Es gibt einige Faktoren für Resilienz, das heißt für die psychische Widerstandsfähigkeit eines Menschen. Soziale Beziehungen zum Beispiel sind wichtig und eine ausgewogene, gesunde Ernährung. Da ist in den vergangenen Jahren das Mikrobiom in den Vordergrund getreten, diese enge Verbindung zwischen Darm und Gehirn. Aber das ist hochkomplex. Wie das alles genau funktioniert, weiß man noch nicht, da steht die Medizin noch am Anfang.
Was erwartet einen Patienten, wenn er wegen einer Depression in die Schlossparkklinik kommt?
Den Anfang macht ein Aufnahmegespräch mit einem Psychiater, dann wird dem Patienten ein Bezugstherapeut zugewiesen, bei dem er pro Woche drei Einzelgespräche á 50 Minuten hat. Er wird auch allgemeinmedizinisch untersucht. Das Therapieangebot besteht aus mehreren Modulen: Einzelpsychotherapie, Teilnahme an Gesprächsgruppen wie zum Beispiel Depressionsgruppe oder Angstgruppe und ergänzende Verfahren wie unter anderem Kunst-, Musik-, Bewegungs- und Sporttherapie, Yoga, Achtsamkeitstraining, Sandspieltherapie, therapeutisches Bogenschießen und Physiotherapie.
Welche Rolle spielen Medikamente?
Im Vordergrund stehen bei uns die psychotherapeutischen Behandlungen, falls notwendig behandeln wir zusätzlich mit Antidepressiva.
Kommen wir noch mal auf das Allgemeinwissen über die Depression zurück. Gibt es da eventuell auch eine Überdiagnose von psychischen Erkrankungen?
Da muss man in der Tat aufpassen. Zu viel Aufklärung birgt die Gefahr, dass der eigene Fokus aufs Negative wandert. Dass man dem Morgen, als man gegrübelt hat und keine Lust hatte aufzustehen, mehr Bedeutung gibt als dem Rest des Tages, an dem man alles erfolgreich bewältigt hat.
Welche vorbeugenden Ratschläge können Sie Menschen geben, die in einem stressigen Berufsleben stecken?
Ich empfehle körperliche Bewegung als Stressausgleich, eine gute Ernährung, soziale Beziehungen, ausreichend Schlaf, wenig Alkohol, nicht rauchen, und versuchen, sein Leben selbst zu gestalten. Ein bisschen Stress gehört aber immer dazu.
Und wenn es einem dann doch seelisch schlecht geht?
Dann sollte man mutig sein und sich Hilfe holen. Das sollte heute nicht mehr schambesetzt sein.
