Kreis Bad Duerkheim Bahnkreischen: Ursachen sind jetzt klar
wird zwar noch einige Zeit mit dem Quietschen der Lint-Züge im Bahnhofs-Umfeld leben müssen. Aber: Die Bahn hat die Existenz des „Phänomens Kurvenkreischen“ bestätigt. Und ein Spezialist für Lärm im Schienenverkehr hat erstmals die tatsächlichen Ursachen für das hochfrequente Quietschen aufgezeigt. Diese neuen Gesichtspunkte liefern ein Antwortschreiben der DB Regio an den nachfragenden SPD-Bundestagsabgeordneten Gustav Herzog und ein von der Stadtverwaltung um Bürgermeister Klaus Wagner (CDU) initiiertes Treffen. Teilgenommen hatten neben Vertretern der Stadt und der für die Züge zuständigen DB Regio, auch deren Techniker, Herzog und dessen CDU-Kollege Johannes Steiniger sowie Zuglärmgegner aus Grünstadt und Freinsheim. Und vor allem Professor Markus Hecht von der Technischen Universität Berlin. Der Sachverständige ist Berater des Bundestags in Sachen Schienenverkehr. Hecht habe in dem Vortrag in Grünstadt die Nachteile der neuen, seit Anfang 2016 in der Region eingesetzten Lint-Zugreihe offen dargelegt, berichtet Bürgermeister Wagner im Nachgang des Treffens. Bei der Suche nach den technischen Ursachen für das Kreischen der Züge müssen die Protagonisten nicht mehr wie bislang im Trüben fischen. Die nun bekannten Fakten legen den Schluss nahe, dass der Zughersteller Alstom offenbar Technik zurückgefahren hat, um die von der Bahn geforderten Produktionskosten einzusparen: auch auf die Gefahr hin, dass die neuen Modelle lauter sind als die Vorgänger. Entscheidend für den Kunden Bahn war, dass die Fahrzeuge die EU-weit geltenden Grenzwerte erfüllen. Das tut die aktuelle Lint-Baureihe und ist damit für den Betrieb uneingeschränkt zugelassen. So paradox es klingt: Die weiter entwickelten Modelle sind technisch gesehen wohl ein Rückschritt. So sind zwei Aspekte beim Lärm der neuen Lint-Züge zu beachten, wie Hecht in seinem Referat erwähnt hat: „Kurvenkreischen und Bremsenquietschen“. Das Bremsenquietschen sei hier vernachlässigt, da es in Grünstadt das kleinere Übel darstellt. Nur so viel: Beim andernorts kritisierten Bremsenlärm könnte der Sinterbelag Abhilfe schaffen. Für den Regionalverkehr ist das zu teuer. Und die EU-Grenzwerte werden ja auch eingehalten. Das für uns interessantere„Phänomen Kurvenkreischen“ resultiert aus der Unfähigkeit der neuen Lintzüge, enge Gleisbögen, wie die in Grünstadt, bei Trockenheit so zu durchfahren, dass nicht Metall auf Metall reibt, heißt es in einem Schreiben der Bahn. Denn die Räder auf der gemeinsamen Achse legen auf der Innen- und Außenseite des Kurvenbogens unterschiedliche Wege zurück. Da die beiden Räder über eine Achse starr (ohne teurere Gelenke) verbunden sind, kann nur ein Rad der Achse optimal über das Gleis abrollen, das andere hat zusätzliche Berührungspunkte. Zudem lastet im Vergleich zu den Vorgängern mehr Gewicht auf den Achsen. Damit wird das metallische Reiben von Rad auf Gleis verstärkt, das Kurvenkreischen entsteht. Hinzu komme ein hochfrequentes Pfeifen, da die Räder durch die falsche Belastung in Schwingung geraten, erklärte Hecht. Wie könnte man das Quietschen verhindern oder zumindest lindern? Utopisch sind die wirksamsten (aber auch teuersten) Methoden, wie der Austausch der neuen Lint-Züge. Ebenfalls kein Thema ist die Ausweitung der Gleisbögen, weil der Radius in Grünstadt schon enorm vergrößert werden müsste. Dass die Züge langsamer fahren, bringt auch nichts. Das haben auch Tests auf der Grünstadter Strecke bewiesen. Bleiben zur Quietsch-Linderung noch Schmieren der Schienen und Dämpfen der Räder. Da hätten die Vertreter der Bahn Regio beim Treffen aber schon abgewunken, informierte Bürgermeister Wagner auf Anfrage: Allein die Installierung einer Laufflächenschmierung koste pro Gleis mindestens 240.000 Euro; hinzu kämen jährlich etwa 10.000 Euro Unterhaltskosten. Gäb’s das Phänomen Kurvenkreischen nur in Grünstadt, bestünde vielleicht eine Chance. Das Phänomen gibt es aber überall da, wo der neue Lint über enge Gleisbögen fährt. Mit Grünstadt einen Präzedenzfall schaffen, will die Bahn offensichtlich aber auf gar keinen Fall. Höchstens – die Kommune beteiligt sich an den Kosten. Dieser DB-Vorschlag musste ja kommen. Bei allem Verständnis für die Zuglärmgeschädigten macht Wagner deutlich: „Wir sehen nicht ein, dass wir die Kosteneinsparungen der Bahn bei den neuen Zügen mit den Steuern der Bürger, die teilweise unter dem Zuglärm leiden müssen, auffangen sollen.“ Wagner – übrigens selbst „Terrassengriller mit störender Zugkreisch-Beilage“ – glaubt derzeit nicht an eine baldige Lösung. Juristischen Schritte seien momentan auch nicht sinnvoll. Denn der Rechtsweg würde ein sehr, sehr langwieriger sein – mit ungewissem Ausgang. Immerhin: Die Ursachen für das, zu den üblichen Bahngeräuschen kommende Quietschen und Pfeifen der neuen Lint-Züge – und die Existenz des Kurvenkreischens überhaupt – werden nun von allen Seiten anerkannt. „Wenigstens mal ein erster Schritt“, sagt Wagner. Weiteres Fazit: „Die Teilnehmer sehen die Notwendigkeit für eine weitere Besprechung.“ Diese ist Mitte September. Ob dann der nächste Schritt folgt?