Deidesheim RHEINPFALZ Plus Artikel Arbeitspensum „kaum zu bewältigen“

Esther Voigt liebt ihre Arbeit, aber sie hadert mit den Rahmenbedingungen.
Esther Voigt liebt ihre Arbeit, aber sie hadert mit den Rahmenbedingungen.

15 Jahre hat die Meckenheimerin Esther Voigt als freiberufliche Reha-Sporttrainerin ihr Geld verdient. Wegen der Pandemie kehrte die examinierte Pflegefachfrau wieder in ihren ursprünglichen Beruf zurück. Doch die Bedingungen in der Pflege empfindet sie als frustrierend.

„Ich mache meinen Beruf mit Herzblut“, erzählt Esther Voigt. Es wirkt überzeugend, wenn die examinierte Pflegefachfrau von ihrem Alltag im Deidesheimer Caritas-Altenzentrum berichtet: von den Bewohnern, von der Arbeit im Team, von der Heimleitung. Daran gebe es nichts auszusetzen, im Gegenteil, „das Haus wird sehr gut geführt“ und „ist sehr entgegenkommend“, sagt sie. Was die Meckenheimerin umtreibt, sind die Bedingungen, unter der die Pflege schon seit Jahren ächzt: Zu wenig Personal arbeitet für zu wenig Geld. „Hier“, so Voigt, müssten endlich politische Entscheidungen gefällt werden“.

Dabei wäre „das Finanzielle“ – sprich die Bezahlung – für sie nicht das größte Problem, erzählt die 57-jährige Fachkraft. Vielmehr brauche es eine Aufstockung des Pflegepersonals. Der Personalschlüssel variiere dabei je nach Bundesland. Dieser richte sich in der Regel nach „Anzahl der Bewohner und deren Pflegegrad“, berichtet Voigt. Doch hier würde eindeutig zu niedrig angesetzt, denn viele Pflegekräfte fühlten sich „ausgenutzt und überfordert“. Die Folgen, so Voigt, seien massive Überstunden und gesundheitliche Probleme bis hin zum Burnout: „Viele Kolleginnen kommen zur Arbeit, obwohl sie krank sind“. Sie wünsche sich deshalb eine bundesweit einheitliche Regelung, die auch gleichzeitig beim Stellenschlüssel höher ansetzt.

„Körperlich schwere Arbeit“

Voigt ist mit ihrer Einschätzung nicht allein. Es seien in erster Linie die Rahmenbedingungen, die junge Leute davon abhielten, in die Pflege zu gehen, sagt Verena Renner, Einrichtungsleiterin im Caritas-Altenzentrum. Darüber hinaus habe die Arbeit eine bessere Bezahlung verdient. „Das ist körperlich schwere Arbeit mit hoher Verantwortung und einem hohen gesellschaftlichen Wert“, betont Renner.

Ob die Pandemie etwas bewirkt habe? Esther Voigt winkt ab. Zwar hätten sie alle einen Bonus erhalten, doch an der Situation habe sich nichts geändert. Die Pflegefachfrau fühlt sich in ihrem Berufsstand auch viel zu wenig in der Öffentlichkeit vertreten. Zwar gibt es in Rheinland-Pfalz bereits seit fünf Jahren eine Pflegekammer, an die Voigt auch Beiträge bezahlt. Doch bis jetzt sei noch nichts geschehen, was zu einer Verbesserung der Lage geführt habe.

Oft sei es nach Dienstende „schwierig, abzuschalten“, so Voigt, und nicht selten würde sie sich an ihren freien Tagen telefonisch auf der Arbeit vergewissern, ob auch alles geklappt habe, weil das Pensum kaum zu bewältigen sei. Eine optimale Betreuung umfasse eben nicht nur die pflegerische und medizinische Versorgung, sondern auch Zuwendung und Zeit für Gespräche, zum Zuhören.

Pflegekammer fordert 4000 Euro Mindestgehalt

Auch Verena Renner ist skeptisch, was die Zukunft der Pflege angeht. Die jüngste Pflegereform, die voraussichtlich noch im Juni vom Bundestag beschlossen werden soll, werde „nicht viel bringen“, glaubt sie. „Das müsste nachhaltiger sein.“ Die Pflegekammer Rheinland-Pfalz ist ebenfalls der Meinung, dass der Entwurf nicht ausreichend ist. Gefordert wird von der Organisation eine „gut finanzierte Pflegereform“, eine „gerechte Lohnstruktur“ und ein Mindesteinstiegsgehalt von 4000 Euro im Monat. Der Reformentwurf sieht unter anderem einen bundeseinheitlichen Personalschlüssel sowie eine Bezahlung der Pflegekräfte nach Tarif (ab September 2022) vor.

„Bleib noch ein bisschen“, habe eine alte Dame sie letztens gebeten, erzählt Voigt. Es sei schwer, in so einem Fall zu sagen, dass sie eigentlich schon längst beim nächsten Bewohner sein müsste. Renner sieht in diesem Punkt den Hauptgrund dafür, dass der Anteil der Pflegekräfte, die von Burnout betroffen sind, so hoch ist. „Wenn ich in meiner Arbeit einen hohen ethischen Anspruch an mich selbst habe, aber nicht die Zeit habe, dem gerecht zu werden, dann erwächst daraus eine sehr hohe Belastung.“

Voigt wünscht sich, dass „die Menschen, die auf politischer Ebene die Entscheidungen treffen, einmal in der Praxis mitarbeiten“. Vier Wochen in der Pflege, gerne in ihrer Abteilung. Und trotz alledem lässt sich die Pflegefachkraft nicht entmutigen. Sie möchte auch Menschen, die aus der Pflege ausgestiegen sind, motivieren, wieder zu beginnen. Ob Teilzeit oder Vollzeit – „alles ist möglich“.

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