Karlsruhe Zeitreise vor der Kulisse der zwei Türme

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Wenn eine 25-Jährige vor großem Auditorium Stein und Bein schwört, dass sie noch Jungfrau ist, dann ist eine mögliche Erklärung dafür, dass man sich gerade auf einem Mittelaltermarkt befindet. Es ist schließlich ein ziemlich finsterer schwarzer Ritter, der von der jungen „Braut“ aus dem Publikum auf dem Spectaculum in Philippsburg das „ius primae noctis“, das Recht der ersten Nacht für den Lehnsherren, einfordert.

Da ist es wohl besser, sich in sein Schicksal zu ergeben und mitzuspielen. Drei Tage lang wurde die Gewanne Pfählmorgen über Pfingsten wieder zum mittelalterlichen Erlebnispark. Nicht nur der Anblick der Zeltstadt vor dem Hintergrund der beiden Kühltürme des Kernkraftwerks Philippsburg, von den Beschickern in der Diktion von Tolkiens Fantasy-Saga „Der Herr der Ringe“ nur „Die zwei Türme“ genannt, ist speziell. Auf dem Markt mit rund 70 Ständen und Heerlagern, der von der Gruppe „Historica Vagantis“ aus Enkenbach-Alsenborn veranstaltet wird, gibt es auch besonders viel zum Selbstmachen. Wer mag, kann Stockbrot übers offene Feuer halten oder bei „Gunnar von Bifröst“ sein eigenes Schwert bauen. Die sieben Jahre alte Leila aus Gundersheim bei Alzey ist gerade dabei. „Einen Bogen hab ich schon gemacht“, erzählt sie, während sie gemeinsam mit Gunnar, der aus Schwanheim in der Südwestpfalz kommt, ein passendes Holzstück mit ein paar Hammerschlägen in den Schraubstock einspannt. Dann wird gemeinsam gesägt und gefeilt, bis die Schwertform zu erkennen ist. Mit Holzleim darf Leila den Griff ans Schwert kleben. Noch von beiden Seiten ein silberner Nagel zum Fixieren, und fertig ist das Spielzeug für Leila. „Sie will nichts Gekauftes, will alles selbst machen“, erzählt ihr Papa. Selbstgemachtes ist auch bei einem der Heerlager zu entdecken: Mit CNC-Lasertechnik hat „Wernher V. von Nievenhausen“, der seinen richtigen Namen nicht verraten will, Mobiliar im Stil der Spätgotik hergestellt: ein mit Fellen drapiertes Himmelbett. Verkaufen will er es nicht, schätzt den Wert aber auf rund 5000 Euro. GER, DÜW, LD, NW, SP, HD, KA: Das sind die Nummernschilder, die sich am Samstag am häufigsten auf dem Parkplatz finden. Heinrich Rutz zum Beispiel kommt aus Ruppertsberg im Kreis Bad Dürkheim. Sein 24-jähriger Sohn feiert hier mit seinen Freunden seinen Geburtstag. „Wir gehen öfter mal zu Mittelaltermärkten“, berichtet Rutz. „In Philippsburg waren wir zuletzt vor drei Jahren.“ „Tjalf der Wikinger“ alias Christian Gallus hat den Philippsburger Markt zusammen mit seiner Frau Angela organisiert. Es ist der Größte von insgesamt sechs bis acht Märkten, die „Historica Vagantis“ seinen Worten zufolge jedes Jahr ausrichtet. Zweimal im Jahr gehe die Truppe auch ins lothringische Bitche. Dort biete die Zitadelle einmal im Sommer und einmal im Herbst die passende, leicht gruselige Kulisse für das Marktgeschehen. Während sich das Mittelalterlich Phantasie Spectaculum (MPS), das unter anderem einmal jährlich in Karlsruhe und Speyer Station macht, „auf das Bespielen der Riesenplätze“ spezialisiert habe, kann „Historica Vagantis“ laut Gallus von den mittleren bis kleinen Märkten leben. Was alles hinter einer solchen Veranstaltung steckt, könnten die Besucher nicht sehen, meint er: Vorgespräche mit Stadtverantwortlichen, das Bereitstellen von Sanitäranlagen und Parkplätzen – all das sei viel Arbeit. Bei 38 bis 39 Grad, wie sie im Vorjahr in Philippsburg geherrscht hätten, habe sich all das nicht gelohnt, blickt er zurück. In diesem Jahr habe das Wetter besser mitgespielt. (ast) Info —In der Region gibt es noch einige Mittelaltermärkte in den kommenden Monaten: 12. bis 14. Juni beim Germersheimer Festungsfest, 18. bis 20. Juli beim Reichsstadtfest in Bruchsal, 24. bis 26. Juli beim Richard-Löwenherz-Fest in Annweiler, 29. bis 30. August beim Mittelalterlichen Phantasie-Spectaculum in Speyer, 26. und 27. September beim Mittelalterlichen Burgfest in Bad Dürkheim. —Einen Überblick gibt es im Internet unter www.mittelalterkalender.info.

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