Karlsruhe RHEINPFALZ Plus Artikel Stolpersteine in Karlsruhe werden weiterhin gepflegt

Gunter Demnig war in den letzten Jahren mehrmals in Kalsruhe, um Stolpersteine zu verlegen.
Gunter Demnig war in den letzten Jahren mehrmals in Kalsruhe, um Stolpersteine zu verlegen. Archivfotos(2): Stj

Die letzte Verlegung eines Stolpersteins war im Jahr 2017. Danach gingen die Stadt und der Künstler Gunter Demnig getrennte Wege. Wie steht es aktuell um die Stolpersteine?

Erst zum Jahreswechsel wurde der in Hessen beheimatete Künstler Gunter Demnig für die Verlegung von zwei weiteren „Stolpersteinen“ gewürdigt, verlegt einen Tag vor Silvester in der Innenstadt von Memmingen im Allgäu. 75.000 solche Steine verlegte Demnig inzwischen in den vergangenen 23 Jahren. Auch in Karlsruhe gibt es knapp 300 Stolpersteine. Diese bleiben wichtig im Stadtbild und werden auch weiterhin gepflegt. Die Zusammenarbeit mit Demnig freilich wurde bereits im Mai 2017 beendet - und daran wird sich nach derzeitigem Stand auch nichts ändern.

Stolpersteine erinnern an die NS-Opfer in der Stadt

Wohl mehr als zwei Dutzend Mal war der in Berlin geborene, und inzwischen 72-jährige Künstler in der Fächerstadt zugange. Einen Spachtel, etwas Betonmasse, einen Hammer und die Steine: Mehr braucht es dabei nicht, um an das Schicksal von Menschen zu erinnern, die in der NS-Zeit zu Tode kamen. Eingeprägt sind die Namen der Opfer an der Kopfseite der Messingplatten. „Die Stolpersteine haben einen hohen Stellenwert in der vielfältigen und umfassenden Erinnerungsarbeit und Gedenkkultur der Stadt Karlsruhe“, sagt Susanne Asche, die Leiterin des städtischen Kulturamtes. Es berühre sie „immer wieder auch persönlich, vor einem Haus zu stehen und die Namen und Lebensdaten von ermordeten Menschen auf den Steinen zu lesen“. Diese hätten zudem hohen Stellenwert auch „für die Menschen in der Stadt“. Dokumentiert sind die verlegten Steine seit 2005 auf der Webseite des „Fördervereins Karlsruher Stadtgeschichte“. Und obwohl es viel Engagement für die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus – und bis vor einiger Zeit auch einen eigenen „Arbeitskreis Stolpersteine“ gab: im Mai 2017 kam es zum offenen Bruch.

Es gab Spannungen zwischen Gruppe und Künstler

Seit 2013 waren die Spannungen zwischen Demnig und der Koordinierungsgruppe angewachsen. „Wir haben die Zusammenarbeit mit Gunter Demnig eingestellt – mit Zustimmung von Kulturamtsleiterin Susanne Asche und Oberbürgermeister Frank Mentrup“, erinnert sich Rüdiger Homberg, seinerzeit in der Koordinierungsgruppe tätig. Die Hauptkritik lautete: Demnig habe aus dem Kunstobjekt inzwischen „ein sehr lukratives Geschäftsmodell gemacht“. Dies hatte der frühere Stadtrat Hans-Jürgen Vogt, als der Sprecher der Koordinierungsgruppe im Mai 2017 auch in einem Schreiben an das Kulturamt thematisiert. Bis 2013 noch wurden in Karlsruhe ausschließlich Steine für ermordete Opfer der NS-Gewaltherrschaft verlegt. Dies sei im Sinne von Demnigs Ziel geschehen, an die Menschen zu erinnern, „denen die Nazis nicht nur das Leben nahmen, sondern deren Existenz sie auslöschen wollten“, ließ Vogt damals wissen.

Rund 300 Stolpersteine wurden in Karlsruhe verlegt

Der 30 Jahre lang im Stadtrat wirkende Vogt, der im Mai vergangenen Jahres verstorben war, hatte sich als profunder Kenner Israels und Palästinas zeitlebens für diesen Teil der Karlsruher Stadtgeschichte eingesetzt. Für die Verlegung 2014 drängte Gunter Demnig dann erstmals darauf, Stolpersteine „für jeweils ganze jüdische Familien, Überlebende eingeschlossen“, zu verlegen. Und wollte Stolpersteine auch für Angehörige und etwa für Nazi-Opfer durchsetzen, deren Tod nicht unmittelbar mit dem Terror in Verbindung gebracht werden kann. „Das konnten und wollten wir nicht hinnehmen“, sagt im Rückblick auch Rüdiger Homberg. 296 Steine waren zum Zeitpunkt der „Kündigung“ in Karlsruhe verlegt worden, zuzüglich „ein Nachzügler“, wie es der frühere Stadthistoriker Manfred Koch nennt – in der Summe als 297. Nach der letzten offiziellen Verlegung vom 17. April 2017 war nur noch ein „Stolperstein“, der wegen der Bauarbeiten in der Ettlingerstraße schon 2013 hätte verlegt werden sollen in den Gehweg eingearbeitet worden.

Steinverlegungen in der Stadt schon seit März 2005

Begonnen hatten die Aktionen zur Erinnerung an die insbesondere jüdischen Opfer am 18. März 2005 mit der Verlegung der ersten elf Stolpersteine. Allein im August und am 9. November des folgenden Jahres 2006 wurden weitere 53 Steine verlegt. Ende 2013 wurden zudem elf Steine für verfolgte Mitglieder des damaligen Badischen Landtags vor dem Ständehaus verlegt, unter anderem für den 1934 in Kislau ermordeten SPD-Politiker Ludwig Marum – einer dieser Steine am Eingang, für einen Freiburger Abgeordneten, wurde später aber wieder entfernt. Zeitgleich wurden zwei Steine am Eingang des Badischen Staatstheaters platziert: in Erinnerung an die Sängerin Lilly Jankelowitz, ermordet 1944, und den Schauspieler Paul Gemmeke, gestorben 1937 – der auch am Wohnort Weststadt geehrt wurde. Auch für Fußballnationalspieler Julius Hirsch, ermordet gegen Kriegsende in Auschwitz, wurde 2006 ein Stein verlegt.

Stolpersteine werden auch heute noch gepflegt

Bestrebungen, weitere Steine zu verlegen, gibt es nach Kenntnis von Stadthistoriker Manfred Koch derzeit nicht. Um die Stolpersteine kümmere sich mit den jährlichen Putzaktionen der Verein „Gegen Vergessen – für Demokratie“, sagt er. Für „eine Überwachung“ des Bestandes sorge zudem das Tiefbauamt, als auch das Stadtarchiv. Für Susanne Asche, die Kulturamtsleiterin, lebt diese Form der Erinnerungskultur vor allem vom Engagement der Ehrenamtlichen. Ein kleines Türchen bleibt für sie offen: „Sollte sich erneut ein Kreis von Ehrenamtlichen finden, die die Stolpersteinverlegung betreuen wollen, müssen die von Günter Demnig verlangten Bedingungen für die Verlegung mit der Kommunalpolitik nochmals diskutiert und beschlossen werden“, sagt sie. Der erst kürzlich mit seinem Atelier von Köln nach Hessen übersiedelte Künstler, der die ersten Verlegungen 1996 startete, bleibt dagegen weiter aktiv: Laut den Angaben auf seiner Webseite mit Verlegungsaktionen bald schon in der näheren Umgebung, nämlich am 4. März in Pforzheim und in Baden-Baden.

Fast 300 Stolpersteine sind im Karlsruher Stadtbild zu finden.
Fast 300 Stolpersteine sind im Karlsruher Stadtbild zu finden.
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