Graben-Neudorf Kunst, die aus der Tiefe kommt
Vom Erdmittelalter, als die Saurier gerade anfingen, die Erde zu bevölkern, bis zum Beginn der Neuzeit hat Götze die Erde auf Leinwand gebracht – und das ist wörtlich gemeint. Nicht Pinsel und Farbe sind seine Arbeitsmittel. Aus der Bohrung zum Geothermiekraftwerk wurde aus jeder Schicht Erde in sein Atelier geschickt. In einem speziellen Verfahren, Terragrafie genannt, wird die Erde gereinigt, aufgeschlämmt und bis zur gewünschten Konsistenz getrocknet. „Dann trage ich die Erde auf die Leinwand auf und das ist der Moment, in dem auch ich zum ersten Mal sehe, wie das Bild geworden ist“, erzählt Götze bei der Ausstellungseröffnung. „Faszinierend“, findet Bernd Metzger aus Graben die Ausstellung und seine Frau Ilsetraud ergänzt: „Sehr interessant und mal was anderes“.
Teil eines Gesamtwerkes
Rötlich, grau oder gelblich, mit Einsprengseln oder leicht marmoriert sind die Erdgemälde auf den quadratischen Bildern – alle im gleichen Format. „Das gibt Aufschluss über die Klimaänderungen“, erklärt Geologe Ulrich Lotz. Rot sei immer ein Hinweis auf trockenes, wüstenartiges Klima. „Das Eisen im Boden oxidiert, daher die rote Farbe. Wird es feuchter, reduziert das Eisen und es entstehen gelb-grünliche bis graue Böden. Kommt dann noch Faulschlamm dazu wird es grau bis schwarz“, so Lotz.
Das Bild, das den oberen Buntsandstein aus dem Trias zeigt, stammt aus 3790 Meter Tiefe und ist damit das wohl tiefste Kunstwerk der Welt. Der Buntsandstein ist etwa 243 Millionen Jahre alt und der gleiche, auf dem das Heidelberger Schloss steht. „Die Verwerfungen sind gewaltig. Da könnte man den Montblanc drin verstecken“, veranschaulicht Lotz die Dimensionen.
Nicht das einzige Projekt dieser Art, das Götze seit 1989 geschaffen hat. „Als ich 1988 nach München kam, traf ich auf ganz unterschiedliche Kunst. Aber alles was ich machte, gab es irgendwie schon. Also musste ich mir was Neues ausdenken“, erzählt Götze von den Anfängen seiner Erdbilder, die sich nach und nach zu einem Gesamtwerk entwickeln. Das erste Bild entstand übrigens aus Erde des Englischen Gartens in München. Da stand er eines Tages und die Idee habe ihn wie einen Blitz getroffen, so Götze. Weltweit hat Götze Erde von verschiedenen Orten gesammelt und zu Kunst gemacht. Er war in Afrika und am Amazonas, am Stromboli, auf Gletschern oder hat Erde vom Todesstreifen an der Berliner Mauer gesammelt. „Die Bilder haben immer eine besondere Bedeutung, sei es historisch oder beispielsweise auch religiös“, sagt Götze.
Bei einem Atelierbesuch sah der Chef der deutschen Erdwärme solche Bilder aus anderen Projekten „und da war die Idee naheliegend, dies mit den Erden aus unserer Bohrung zu machen“, so Herbert Pohl. Dem Künstler gefiel die Idee und so kam das Projekt zustande. Bislang hatte er nur Bilder von den Erden an der Oberfläche gemacht. So weit in die Tiefe zu gehen, war auch für ihn ein neuer und spannender Ansatz. „Wir können den Graben-Neudorfern und anderen Besuchern zeigen, worauf ihre Füße stehen“, freut sich der Leiter des Museums Guido Herzog.
Noch zweimal kann man in die Erdgeschichte eintauchen. An den beiden Sonntagen, 18. Juni und 2. Juli, kann „Die Tiefe“ von 14 bis 17 Uhr besichtigt werden.