Karlsruhe
Ich bau’ mir ein Haus ...
Von Peter Lustigs Hippie-Bauwagen aus der Kindersendung „Löwenzahn“ bis hin zum modernen Trendobjekt. Der Kult um das Tiny House treibt hierzulande immer wildere und exklusivere Blüten. Entsprechend groß war der Andrang beim „Tiny House Festival“ in der Messe Karlsruhe. Doch längst nicht alle Besucher waren von der Leistungsschau begeistert.„Die Entwicklung zum Luxus Tiny House widerspricht dem, was wir eigentlich wollen“, sagt Ulli Buch. Gemeinsam mit Heide Stellmacher ist er für die Messe extra aus Ulm angereist. Dort möchten die beiden mit Gleichgesinnten eine Tiny House-Community gründen. Heute möchten sie sich inspirieren lassen. Buch ist Archtiekt und Stellmacher beschäftigt sich schon seit Jahren mit Gemeinschaftlichem Wohnen. „Es geht mir um das Schonen von Ressourcen und Nachhaltigkeit, ich brauche keinen Luxus“, sagt sie. Hier sei ihr alles zu viel, „mehr als 40.000 Euro würde ich auch nicht ausgeben wollen“. Buch geht einen Schritt weiter: „Die Leute nehmen die Idee des minimalistischen Wohnens gar nicht ernst. Und trotzdem habe ich hier noch nichts gesehen, wo ein Mensch tatsächlich länger drin wohnen kann.“
Der Trend geht zur Flucht
Der Trend scheint ohnehin in Richtung Flucht zu gehen: VW-Busse sind längst teure Kult-Objekte und die Wohnmobilbranche meldet seit Jahren immer bessere Zahlen. Und wenn man schon unterwegs ist, dann möchte der Mensch es doch so bequem wie möglich haben. Natürlich gibt der Lifestyle auch das Thema „Weniger ist mehr“ vor – aber „preiswert“ muss nun auch wieder nicht sein. In Karlsruhe ist daher viel Hochwertiges zu sehen. Ob in Iglu-, Bauhaus- oder Schwedenhausoptik. Die Aussteller bewerben ihre Produkte als „Wohnmaschine“ oder „Traumhaus“, die Materialien sind oft „biologisch“ und „nachhaltig“, „individuelle Fertigung“ ist sowieso Standard. Und wenn bei einem Modell noch ein wenig Eigeninitiative gefordert ist, wird schon mal gebruddelt: „Hier muss Du noch zum Baumark“, wie ein Mann zu seiner Frau beim Verlassen eines eigentlich ganz schicken Modells sagt. Immerhin: Überall bilden sich Menschenschlangen, auch weil es drinnen so intim zugeht wie in einem Linienbus im Berufsverkehr.
Aus München angereist
Lena und Florian sind um sechs in München losgefahren. Die Studenten „wollen uns eines selbst bauen“ und interessieren sich jetzt für Detaillösungen. Und ganz grundsätzlich, „wie es sich auf so engem Raum anfühlt. Bisher waren wir noch in keinem drin und haben sie nur von außen angesehen.“ Der Mietwahnsinn in München sei ein großes Argument, sagt Florian. Sie planen mit 20.000 Euro. Florian: „Ich habe es erarbeitet, nicht geerbt!“ In München schielen sie auf Zwischennutzungsprojekte, wenn Flächen vor einer Neubebauung leerstehen. Lena „geht es um eine große WG“. Kontakte seien geknüpft, inzwischen sei man schon eine größere Gruppe. Die meisten sind mittleren Alters, „wir sind die Jüngsten“.
Klein wohnen, weniger arbeiten müssen
Auch das junge Pärchen Tom und Nele aus Karlsruhe schaut sich um. Nele kennt die Tiny Houses aus den USA und findet die hiesigen Modelle „nicht so toll, sie wirken so deutsch“. Tom wiederum findet die Häuschen sehr teuer. Mit 50.000 Euro aufwärts hatte er nicht gerechnet. Nele: „Wenn ich demnächst Geld investiere, dann in ein Tiny House. Dann müsste ich später nicht so viel arbeiten, 500 Euro im Monat reichen mir. Und wenn ich es selbst baue, dann kostet das nicht mehr als 20.000“, sagt Nele. Sie hat sich schon einmal einen alten Bauwagen hergerichtet und weiß, wovon sie spricht. Felix ist eigentlich Zimmermann und arbeitet inzwischen ab und an für einen Hersteller von Tiny Houses. Er hat sich seines selbst gebaut, es steht auf einem Pferdehof in der Schweiz und kostete ihn 10.000 Euro. „Ich muss natürlich Einbußen hinnehmen und das liegt nicht jedem“, sagt er. Aber er sieht auch „keinen Sinn darin, fünf, sechs Tage in der Woche 12 Stunden zu arbeiten – für Geld, das man nicht ausgeben kann.“
Alle hier haben irgendwie gute Absichten. Doch Fehler im System des richtigen Lebens finden sich halt immer. Selbst Ulli Buch ist mit sich noch längst nicht im Reinen, wenn es um Nachhaltigkeit geht. Er geht von 1000 Quadratmetern für sieben Menschen aus, inklusive Anbauflächen und einem Auslauf für Hühner: „Das entspricht einem Flächenbedarf von fünf Reihenhäusern.“ In diesem Moment klingen die Tiny Houses plötzlich auch wieder riesengroß.