Karlsruhe „Geht auch im Silicon Wingert“
«Neustadt.» Tino Latzko ist kein Typ von der Stange. Der 41-jährige Geschäftsführer der überregional erfolgreichen Produktionsfirma Screenday will mit seinen Partnern eine Keimzelle für kreative Köpfe schaffen. Und zwar unbedingt in Neustadt – denn Berlin, Frankfurt oder Köln sind für Latzko kein Thema. Steffen Gall sprach mit ihm über Konventionen, Tattoos und Standortvorteile.
Kommt darauf an, in welcher Jahreszeit wir uns befinden (lacht). Ich versuche, mich ganz bewusst nicht zu verstellen. Die Präsentation habe ich „uff Pälzisch“ gehalten, da alles andere aufgesetzt gewirkt hätte. Nur so hatte ich das Gefühl, dass unser Herzblut für dieses Projekt auch bei den Leuten ankommt. Sie haben mir vor längerer Zeit mal von einem Ihrer ersten großen Termine berichtet: viele Anzug- und Schlipsträger, Sie mittendrin mit Shorts und Flip-Flops. Erzählen Sie doch mal, wie das war. Hm, das ist schon so rund 15 Jahre her, noch vor Screenday-Zeiten bei einem meiner ersten und größten Kunden. Es war Sommer. Ich musste ein paar DVDs beim Marketingleiter der Firma abgeben. Nun schlenderte ich mit Flip-Flops und Boardshorts an seinem Büro vorbei, um ihm diese geschwind auszuhändigen. Der Zufall wollte es so, dass er kurz vor einem Meeting mit der Geschäftsführung stand, in dem es um TV in HD ging. Ich sollte spontan etwas Aufklärungsarbeit leisten. Ich dachte noch, vielleicht bin ich etwas overdressed – und zehn Minuten später stand ich mit meinen Boardshorts vor der Geschäftsführung, die mich zuerst recht fragend gemustert hat. Doch am Ende hatte ich vermutlich nicht den schlechtesten Eindruck hinterlassen. Zumindest darf ich noch heute, rund 15 Jahre später, viele Projekte mit ihnen umsetzen. Haben Sie Bedenken, mit Ihrer unkonventionellen Art anzuecken? Tatsächlich bin ich der Meinung, dass meine Art gar nicht so unkonventionell ist. Deshalb versteh ich die Frage nicht (lacht). Auffällig sind auch Ihre Tätowierungen. Dieser Tage wurde über eine Umfrage für das Magazin „Fit for Fun“ berichtet, nach der 43 Prozent der Deutschen Tattoos für einen Karrierekiller halten ... Was für eine Umfrage war das? Ich finde es immer noch sehr traurig, dass in unserem Land so stark bewertet wird. Ich weiß nicht, warum es wichtig ist, ob ich ein Hemd oder ein Metallica-Shirt anhabe. Es ist doch wichtig, was für ein Charakter vor mir steht und was der drauf hat. Wenn sich Leute bei uns bewerben, ist es mir völlig egal, wie das Outfit des Bewerbers aussieht – außer vielleicht, er hat ein Bayern-Trikot an (lacht). Hauptsache, der Charakter, die Motivation und das Können stimmen. Tatsächlich glaube ich, dass das Tattoothema gar keins mehr ist. Vom Kellermeister, Fußballer, Sternekoch, Banker unterhalb der Kutte – es sind immer mehr tätowiert. Zurück zur „CoFactory“: Bei der Präsentation haben Sie für folgenden Spruch viele Lacher geerntet: „Die letzte signifikante Neuerung, die nach Neustadt gekommen ist, war wohl das Farbfernsehen. Es wird Zeit, dass mal wieder was Abgefahrenes kommt.“ Ist das so? Auf meinem Script stand was anderes, war wohl die Aufregung (lacht). Damit zum Ausdruck bringen wollte ich, dass man nicht unbedingt im Silicon Valley ein Start-up gründen muss, um durchzustarten. Wenn man mutig und angstfrei die Dinge angeht, reicht es auch, wenn man sein Office im „Silicon Wingert“ hat, um erfolgreich zu sein. Uns wurde schon oft gesagt, warum geht ihr denn nicht nach Berlin oder zumindest Frankfurt oder Köln, da würdet ihr besser hinpassen und die besseren Aufträge und Netzwerke auftreiben. Und warum ist das kein Thema für Sie? Zum Ersten passen wir ganz genau da hin, wo wir sind, und zum anderen kann ich mir nicht vorstellen, dass es einen besseren Ort zum Leben gibt als hier in Neustadt. Und da ich nicht hier wegwill, haben wir beschlossen, dass wir die Welt hierher holen müssen. So einfach ist das (lacht). Und zum Glück bin ich nicht der einzige Local, der so denkt. Was können wir verlieren? Nichts. Wenn wir alle so zusammenarbeiten, wie ich das am Montag des Öfteren wiederholt habe, können wir nur gewinnen. Und bis wann soll Leben in die alte Papierfabrik einziehen? Na ja, wenn die Fenster dicht sind, stell ich mein Notebook rein (lacht). Nein, ernsthaft: Wir sind gerade fleißig dabei, die Roadmap für das Projekt auszuarbeiten, hierzu haben wir in den nächsten Wochen ein paar tolle und spannende Gespräche. Bei denen ich ohne Bedenken in Flip-Flops und Boardshorts auftauchen darf.