Kulturzentrum Kammgarn RHEINPFALZ Plus Artikel Zwei Bands zeigen, dass der Punk nicht tot ist

Die Sängerin Sam von The Pill trieb das Publikum an.
Die Sängerin Sam von The Pill trieb das Publikum an.

Der gute, alte Punk – mittlerweile vielfach gediehen und zugleich auch schon wieder an den Anfängen orientiert – wirkt in hörenswerter Form bis heute nach. Zwei gute Beispiele dafür waren am Freitag im Cotton Club der Kaiserslauterer Kammgarn zu erleben.

Viel los war zwar nicht im Cotton Club – es lag wohl auch an dem abschreckenden Dauerregen. Auf die von Anfang an gute Stimmung im Saal hatte das aber kaum Einfluss. Dafür sorgte schon das aus Frankfurt stammende Punk-Trio Suspectre. Sänger und Gitarrist Flo, Bassist und Sänger Markus und die für den eigentlichen Drummer Felix eingesprungene Schlagzeugerin Tilli ließen es, wenn auch nur für eine halbe Stunde, schon als Vorband richtig krachen.

Schnell, laut und kurz: So wie die ursprünglichen Punk-Hits waren, präsentierten die drei mit der Kraft eines Quartetts ihre – durchweg selbst geschriebenen – modernen Punktitel über, soweit unter dieser Prämisse verständlich, punkige Gefühlswelten und gesellschaftliches Aufbegehren. Ein großer, aber höchst bemerkenswerter Unterschied zu damals: Unter der rauen Oberfläche flossen wohlgeordnete kompositorische und spieltechnische Kräfte, denen man zur Entstehungszeit vor Jahrzehnten mit voller Absicht wenig Beachtung schenkte.

Mehr als nur die drei Akkorde

Das war bei der Hauptband des Abends dann genauso. Mit mehr als nur den berühmt-berüchtigten drei Akkorden, mit denen frühe Punkmusiker ihre Titel herunterrissen, und auch mit deutlich mehr kompositorischer Substanz unter der nunmehr vordergründig wild bewegten, rauen, schnoddrigen Oberfläche fegte die ebenfalls aus Frankfurt stammende Punkband The Pill über die Bühne.

Die solide Basis bildeten dabei die beiden Gitarristen Philipp und Tobias, der Bassist Jan und nicht zuletzt der Schlagzeuger Sascha, der mit seinem schnellen, aber dennoch ungemein vielschichtigen und präzisen Spiel mit am meisten zu leisten hatte an diesem Abend. Den vokalen Überbau gestaltete die Sängerin Sam. Was für eine Persönlichkeit! Mal erwartungsgemäß stimmlich explodierend, hin und wieder aber auch quasi sub-punkig mit melodietragender Emotion trieb sie insbesondere in Titeln wie „Bitter Pill“ und „Complex“ aus dem brandneuen Band-Album „Hollywood Smile“ alles voran, was in einem solchen Konzert nur geht: die Stücke an sich, die Stimmung im Cotton Club, letztlich auch sich selbst. Da tanzte sie dann locker über die Bühne, ging in die Knie, mischte sich auch mal unters Publikum, trieb dieses an.

Transfer ins 21. Jahrhundert

Das war Entertainment pur und Punk modern. Die Band beachtet und verehrt die musikalische und historische Quelle des Punk aus den 1970er Jahren, präsentiert den Stil letztendlich aber mit viel Erfahrung und noch mehr Enthusiasmus in sauber modernisierter Form, der sich im Cotton Club so anhörte wie einer ihrer Titel eben auch heißt: komplex nämlich. Das klang keineswegs zusammengepresst, sondern durchaus angenehm.

Die Wirkung blieb bei den Konzertbesuchern aus mehreren Generationen nicht aus. Spätestens nach Sams Aufforderung „Ich will Bewegung sehen!“ ging vor der Bühne buchstäblich „der Punk ab“, wurde – wenn auch in zurückhaltender Form – sogar Pogo getanzt. Einziger Kritikpunkt am Konzertabend: Er war wie auch der stiltypische Punk-Titel an sich recht kurz. Da hätte man, auch in seliger Erinnerung an Punkband-Auftritte längst vergangener Tage im Lautrer JUZ etwa, gerne noch mehr gehört.

Gute Stimmung – auch nach dem Konzert

Immerhin gab’s zwei ordentliche Zugaben mit Stücken vom schon in Arbeit befindlichen nächsten The-Pills-Album und eine auch noch nach dem Auftritt anhaltende gute Stimmung mit netten Gesprächen und Selfies mit den Musikern. Es war bei aller Kürze tatsächlich ein wenig mehr als „nur“ ein simples Konzert. Tot ist der Punk definitiv nicht.

x