Kaiserslautern Zur Sache: Tag drei blickt in Zukunft und Vergangenheit

Drei Lesungen von drei Autoren – aus München, Brüssel und Bielefeld – hielt Tag drei des Literaturfestivals bereit. Von künstlichen Intelligenzen über eine vernetzte Gesellschaft der Zukunft bis hin zu tragischen Überlebenskämpfen im Nachkriegsdeutschland bot der Donnerstag eine breite Palette an Themen.
Los ging es um 14 Uhr in der Buchhandlung Thalia mit einem – wie es der Loewe-Verlag bezeichnet – „atmosphärischen Thriller über künstliche Intelligenz, computerdatenbasierte Zukunftsprognosen versehen mit einem Schuss ,Westworld’“. Die Geschichte des Jugendromans „God’s Kitchen“ von der Münchener Filmemacherin und Autorin Margit Ruile handelt von Chi, einem Roboter, der bis zu den „langen Wimpern an den Lidern der mandelförmigen Augen“ einem menschlichen Kind nachempfunden wurde. An dessen Programmierung ist auch die 19-jährige Psychologie-Studentin Celine beteiligt, während ihres Praktikums am Institut für künstliche Intelligenz. Celine hat eine besondere Gabe: Sie kann in die Zukunft sehen. Mithilfe von Chi will Celine ihre Fähigkeiten besser verstehen und herausfinden, wie Hellsichtigkeit funktioniert und diese Erkenntnisse auf den Roboter übertragen. Obwohl Celine weiß, dass Chi nur eine Maschine ist, baut sie eine Beziehung zu ihr auf. Doch als es zu ungeklärten Todesfällen am Institut kommt, ist das Projekt in Gefahr. Im Publikum, bestehend aus Schülerinnen und Schülern der 8E des Hohenstaufen-Gymnasiums, herrschte gebannte Stille. Die Jugendlichen folgten der Geschichte so genau, dass die Fragen im Anschluss zu einer interessanten Auseinandersetzung über Konzept, Nutzen und Zukunftspotential von künstlicher Intelligenz wurden. Über künstliche Intelligenzen ging die Reise am Abend weiter zu einem einfallsreichen Sci-Fi-Thriller, der die digitalen Mächte, denen wir heute ausgesetzt sind, auslotet und weiterdenkt. Davon handelt „Zernetzt“ von Anselm Rodenhausen. Und der Autor weiß, wovon er schreibt. Der Jurist, spezialisiert auf Kartellrecht in der Technologiebranche, hat jahrelang Netzwerkbetreiber und Tech-Unternehmen beraten. Mittlerweile habe er „die Seiten gewechselt“, arbeitet für die EU in Brüssel und ist für die Förderung von künstlichen Intelligenzen und den digitalen Binnenmarkt zuständig. Rodenhausen wuchs am Bodensee auf und besuchte Kaiserslautern zum ersten Mal, wie er berichtete. „Ich freue mich, hier zu sein. Zum einen, weil ich sehr interessant finde, was die TU im Bereich Digitalisierung und soziale Netzwerke macht, zum anderen, weil es das erste Literaturfestival für mich ist.“ Dass er bei seiner Premiere ausgerechnet in der Technischen Universität lesen durfte, passte demnach perfekt. Ein Studiengang in Kaiserslautern fesselte Rodenhausens ganz besonders: Sozio-Informatik, eine wissenschaftliche Schnittstelle in der Beziehung zwischen Mensch, Gesellschaft und Software. Genau darum geht es nämlich in seinem Roman: Wie verändern Technologien den Menschen und die Gesellschaft? In seiner „utopischen fiktionalen Welt“ haben die Europäer in Sachen digitaler Technologie die Oberhand gewonnen – vor Amerika und China. Im Zentrum der Geschichte steht ein junger Unternehmensberater namens Philipp, der von Berlin zu einem Forschungsaufenthalt nach Oxford reist. Dort schlittert er in ein Projekt hinein, das Gehirnströme ausliest, Gedanken speichert und Menschen durch sogenannte elektronische „Sekretäre“ miteinander vernetzt. Von digitalem Futurismus ging es mit der Lesung von Mechtild Borrmann zurück in eine nicht minder gefährliche und – leider – reale Vergangenheit. Die Spiegel-Bestseller-Autorin („Trümmerkind“) kam mit ihrem neuen Werk „Grenzgänger“ in die Thalia-Buchhandlung und brachte Licht in ein düsteres Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte: das Leben von Heimkindern in den 50er und 60er Jahren. Die Geschichte dreht sich um die Familie Schöning an der deutsch-belgischen Grenze, die sich mit Kaffee-Schmuggel über Wasser hält. Die Schwester der 17-jährigen Henni wird bei einer Schmuggel-Aktion erschossen, Henni kommt in eine Besserungsanstalt, ihre jüngeren Geschwister, die sie versorgt hatte, in ein Heim. Die Geschichte entwickelte sich aus einem Besuch auf dem Flohmark, wo Borrmann ein altes Album mit Familienfotos und den dazugehörigen Daten, Namen und Anlässen fand. Sie stellte sich die Frage, was hinter den Bildern steckte und verknüpfte jedes mit einer aufwühlenden und doch herzerwärmenden Geschichte.
