Kaiserslautern Zur Sache: Ach, Deutschland! Ach, Europa! Politische Bücher des Herbstes

Das wohl meist diskutierte politische Buch des Herbstes hat uns selbst zum Thema. „Die neuen Deutschen. Ein Land vor seiner Zukunft“ heißt es (Rowohlt, 19,95 Euro), ein Ehepaar hat es geschrieben: der Politikwissenschaftler Herfried Münkler, populär geworden durch seine Abhandlungen zu Krieg und Frieden, und seine Frau Marina, ihres Zeichens Literaturwissenschaftlerin. Ihr Thema sind die Flüchtlinge und ob Deutschland sie integrieren kann. Die Münklers glauben: ja. Mit einer Einschränkung: Die Deutschen müssen ein Bild ihrer selbst entwerfen und klären, was Deutschsein heißt. Ohne ein Narrativ, das Orientierung schafft, kann eine kulturell vielfältige Gesellschaft nicht gedeihen. Was ist deutsch, werden die Münklers auf der Buchmesse dauernd gefragt, und sie nennen fünf Merkmale: Arbeit, um für sich und die Familie sorgen zu können; Bildung als Schlüssel zum Aufstieg; Teilhabe an gesellschaftlichen Aktionen; religiöse Toleranz; das Recht, seinen Partner und seine Lebensform eigenständig zu wählen. Halten sich alle daran, so glauben die Münklers, können die Fremden gute neue Deutsche werden. Niklas Frank ist pessimistischer, was die deutsche Zukunft angeht. Er ist Journalist und Buchautor – und jüngster Sohn von Hans Frank, dem Generalgouverneur des von Hitler-Deutschland besetzten Polen. Niklas Frank ist eines der wenigen Kinder führender Nazis, die mit den Eltern radikal brachen, ohne die Geschichte zu beschweigen. Für sein Buch mit dem Titel „Dunkle Seele, feiges Maul“ (Dietz, ab 31. Oktober) hat Frank Entnazifizierungs-Akten durchstöbert und 170 Geschichten aufgeschrieben. Sein bitteres Fazit: Viele kleine Funktionsträger hielten das Regime bis zur Niederlage am Laufen und passten sich nach dem 8. Mai 1945 nur äußerlich der neue Herrschaftsform an. „Das größte Wunder ist für mich, dass aus diesem Sumpf aus Lug und Trug eine Demokratie erwachsen ist“, sagt Frank und schränkt ein: „Eine Schönwetter-Demokratie, die ihre Bewährungsprobe noch nicht bestanden hat. Ich hab’ Angst, wie’s weitergeht.“ Wie aber geht’s mit Europa weiter? Auch da scheiden sich die Geister auf der Buchmesse. Ian Kershaw, der brillante Hitler-Biograf, stellt sein Buch „Höllensturz“ (DVA, 34,99 Euro) vor, das sich mit dem Niedergang Europas zwischen 1914 und 1949 beschäftigt. Steht dem alten Kontinent angesichts von Euro- und Flüchtlingskrise ein neuer Höllensturz bevor, Mister Kershaw? Weise schüttelt der Forscher aus Brexit-Land den Kopf. „Wir leben in einem Kontinent von Demokratien, in Zivilgesellschaften; wir haben in den vergangenen 70 Jahren gelernt, in Krisen miteinander zu reden.“ Nicht zuletzt: Deutschland liebe den Frieden so sehr. Der Wiener Journalist Paul Lendvai hat die erste politische Biografie über einen Mann geschrieben, der Europas Zerstörer werden könnte. In „Orbáns Ungarn“ (Kremayr & Scheriau, 24 Euro) schildert er den ungarischen Regierungschef als kalten Typen, der alles dafür tun würde, um an der Macht zu bleiben. „Ungarn ist keine Diktatur, es ist aber ein durch und durch korruptes Land“, sagt Lendvai der RHEINPFALZ und empfiehlt den Europapolitikern, zu kontrollieren, wohin das Geld aus Brüssel strömt.