Rodenbach
Zum zehnten Mal „International Acoustic Guitar Night“
Was man aus der keltischen Musiktradition alles herleiten kann, demonstrierte der Waliser Dylan Fowler schon in der dritten Rodenbacher „Guitar Night“ 2013. Auch diesmal bestach der Multi-Instrumentalist mit walisischer Landschaftsmalerei in Tönen, die nach Wind und Meer klangen. Verschattete Idylle und pralles Sonnenlicht, atmosphärisch dichte Poesie und unfassbare Klangfülle ergossen sich mit selbstverständlichster Leichtigkeit aufs Publikum.
Fowler zeigte sich als Minimalist, der keine energetischen Ausbrüche brauchte, um auf sich aufmerksam zu machen. Gleichwohl enthielt er dem Publikum nichts an mikrotonalen Spannungselementen, an farbigem Tasten, an virtuos vorgetragenen Gimmicks vor. Riesenbeifall schon gleich zu Beginn.
Jimi Hendrix akustisch
Allein schon bei der Ankündigung des Belgiers Jacques Stotzem prasselte Applaus auf. Er gilt als einer der Fingerstyle-Gitarristen mit dem abwechslungsreichsten Stil und zeigte eine unglaubliche gitarristische Bandbreite. Bei Stücken wie „Twenty one“ oder dem Jimi-Hendrix-Klassiker „Purple Haze“ baute er durch den Kontrast zwischen den Fingerpickings und einzelnen, lange ausgehaltenen Tönen eine enorme Spannung auf. Virtuos nutzte er den gesamten Klangkörper seines Instruments. Er arbeitete mit Flageolett-Effekten; spielte die Gitarre perkussiv, indem er die Saiten manipulierte; nutzte sogar Griffunsauberkeiten zur Klangerzeugung.
Das Hendrix-Stück übertrug er auf die akustische Gitarre. Jazziges traf auf Fusion-orientiertes Legato-Spiel und heftigste Rock-Sounds. Ohne Probleme verstand es Stotzem, bei rasanten Tremoli das Griffbrett in magischem Tempo abzumessen. Nicht fünf, sondern 15 Finger schienen auf den Saiten zu picken, zu zirpen, zu röhren.
Verinnerlichte Landschaftsbilder
Verfolgt man die Gemälde Mark Rothkos zu ihrer ursprünglichen Intention zurück, wird man erstaunt feststellen, dass sie überhaupt nicht abstrakt sind, sondern extrem verinnerlichte Landschaftsbilder, Träumereien über dem Horizont. Ähnlich verhielt es sich bei Nathasja van Rosse. Was die Niederländerin bis zum höchsten Grad der Abstraktion modifizierte, entsprang einer höchst romantischen Seele.
Beleg hierfür waren ihre Eigenkompositionen wie „Old Lovely“ und „Bubbles“ oder die „Regen-Etüde“ von Luise Walker: sehr persönliche Fantasien, herrliche Melodien, die so sanft waren wie Flügel eines Schmetterlings, aber auch Töne, die herunterprasselten wie Regentropfen. Dabei ließ die Gitarristin Zwischenräume, Platz zur Imagination: Felder, auf denen sich der Hörer mit eigenen Intuitionen mühelos einklinken konnte.
Begeisterter Schlussapplaus
Meisterlich virtuos wie jedes Jahr schließlich Peter Finger, Verlagsleiter und Initiator der „Guitar Night“. Er vereinigte in seinem Spiel die perfekte Harmonie von Virtuosität, Musikalität und Komposition. Grenzenlos war wieder sein musikalischer Kosmos. Mit faszinierendem Fingerstyle brachte er die Saiten regelrecht zum Singen. Sein Spiel bestach durch durchdachte Dynamik, lyrisch singendes Vibrato und Kontraste zwischen samtweichem und knallhartem Anschlag.
Als er mit der Schlaghand und der Greifhand zugleich Fingerpicking spielte und explosive Riffs hervorzauberte, schien das Publikum vor Begeisterung fast nicht zu halten. Das alles mit großer Sensibilität und einer Vielfalt von Klangerzeugungstechniken. Das Beste kam dann zum Schluss, als alle vier Virtuosen zusammen Fleetwood Macs „Albatros“ und den Beatles-Klassiker „Norwegian Wood“ spielten und ein Netz aus tausend Fäden und Tönen erzeugten. Begeisterter Applaus in Rodenbach.