Kaiserslautern
Youtuberin Mai Thi Nguyen-Kim online in der TU
Die Chemikerin lehnte 2017 ein „attraktives Angebot“ als Laborleiterin bei der BASF ab und entschied sich - zum Unverständnis ihrer Familie – für eine Laufbahn als Journalistin. Sie hätte nie damit gerechnet, dass ein globales Virus ihr innerhalb eines Jahres Ruhm und Millionen von Internet-„Followern“ einbringen würde. Gleichzeitig konfrontierte es sie mit Wissenschaftsskeptikern, Fakten-Leugnern und Verschwörungstheoretikern.
Öl ins Verschwörungs-Feuer
Fakten, Erkenntnisse, Wirklichkeit – darum dreht sich die Wissenschaft seit ihrem Anbeginn. Diese Kernaspekte feuerten den öffentlichen Diskurs an. Das Jahr 2020 hat zweifellos kräftig Öl ins Feuer gegossen. Die einst zurückhaltenden Wissenschaftler wurden mit einem Ruck ins Rampenlicht gezerrt. Zu den „Popstars“ des Wissenschaftssektors auf Youtube gehört die deutsch-vietnamesische Wissenschaftsjournalistin, Fernsehmoderatorin und Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim. Seit Juni 2020 ist sie Mitglied im Senat der Max-Planck-Gesellschaft, ihr Youtube-Kanal zählt aktuell 1,19 Millionen Abonnenten.
Doch neben den vielen Erfolgen und Auszeichnungen muss sich die 33-Jährige auch tagtäglich einer herben Realität stellen: Halbwahrheiten, Verschwörungstheorien und „Fake News“ beherrschen die öffentliche Debatte um die Pandemie. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden mit Laien-Meinungen auf eine Stufe gestellt, alternative Theorien gegen fundiert belegte Tatsachen gesetzt. Internet-„Recherchen“ auf zwielichtigen Seiten scheinen ein jahrelanges Studium und Expertise zu ersetzen.
Der kleinste Nenner
Mit ihrem neuen Buch versucht Nguyen-Kim den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden. „Wenn man sich nicht auf irgendwas einigen kann, dann macht es auch keinen Sinn mehr, zu streiten“, sagt sie. Ihre Themen sind neben Corona das Verhältnis von Politik und Wissenschaft, gleiche Bezahlung der Geschlechter, Homöopathie und Alternative Medizin, Impfpflicht und Pharmaindustrie, die Erblichkeit von Intelligenz sowie die Skepsis über den Klimawandel.
Sie will jedoch „nicht zur Kontroverse weiter beitragen oder Stellung beziehen“, sondern nach Möglichkeit das Gegenteil erreichen: „Hitze herausnehmen und Grautöne einbringen“ in die akute Schwarzweiß-Malerei. So nutzte sie ihren zweistündigen Online-Besuch in Kaiserslautern zum „interaktiven Austausch“ mit den Zuschauern und beantwortete die von TU-Präsident Arnd Poetzsch-Heffter vorgelesenen Fragen – ehrlich, faktisch, versöhnlich.
Nguyen-Kim erklärte in ihrer sachlich-sympathischen Art, worüber sich nicht streiten lässt und worauf wir uns alle einigen können. Sie offenbarte, dass der wissenschaftliche Konsens nicht etwa eine Umfrage und Abstimmung unter Wissenschaftlern bedeutet, sondern „aus der Mehrheit der Daten“ entsteht. Und sie zeigte auf, wo sich berechtigte persönliche Meinungen einem „Reality-Check“ ergeben sollten. „Jeder von uns – das muss man anerkennen – hat bestimmte Vorurteile, Einstellungen oder Haltungen“, sagte sie klar. Nicht das Hinterfragen wissenschaftlicher Thesen sei der Kern allen Übels, sondern die aktuelle Debattenkultur.
Überprüfung der Tatsachen
„Man merkt, dass Zuspitzungen und Empörung sich besonders gut teilen und zu vielen Diskussionen führen“, beobachtet die Internet-Aktivistin. „,Fake News’ – dieser Begriff, der uns nicht mehr verlassen wird – ist ein ernsthaftes Problem unseres aktuellen Informationszeitalters. Dass es Nachrichten und Informationen gibt, die bewusst in die Irre führen, die bewusst falsch sind und die auch politisch eingesetzt werden.“
Pauschalisierungen hasst Mai Thi Nguyen-Kim eigentlich. Aber eine traute sie sich an diesem Abend: „Je länger man sich mit einem wissenschaftlichen Thema beschäftigt, desto differenzierter und kontroverser wird es zwangsläufig. Aber meistens stellt man fest, dass man gar nicht so weit weg ist von der Gegenmeinung.“