Kaiserslautern „Wir wohnen im vergessenen Dorf...“
„Wir sind hier im vergessenen Dorf“: Walter Braunbach erntet beifälliges Nicken, als er Erlenbach am Rande des Geschehens ortet, den Stadtteil als abgehängt betrachtet. „Erlenbach ist weit, weit hinten. Wir haben keine Lobby“, formulierte es Christa Feid. Und Braunbach präzisiert noch: In Sachen Infrastruktur liege so einiges im Argen. Gaststätte? Mittlerweile Fehlanzeige, außer dem Sportheim sei da nichts mehr. Geschäfte? Nichts. „Erlenbach ist inzwischen zum reinen ,Schlafort’ geworden“, fasst Rainer Schmuel das Dilemma zusammen. Und Karl-Heinz Dippold kann die negative Entwicklung, von der gestern gleich mehrere Bürger sprachen, auch belegen: „Wir haben in den letzten 20 Jahren rund zehn Prozent der Bevölkerung verloren“, sagt der ehemalige Ortsvorsteher. „Uns ziehen hier die Leute weg. Weil sie müssen. Vor allem deshalb, weil es hier keine Bauplätze mehr gibt. Es fehlen einfach die Grundstücke.“ Braunbach erhärtete die These vom vergessenen Dorf mit bröckelnder Infrastruktur am Beispiel der Theo-Barth-Halle: Seit vier Jahren werde dort gewerkelt – oder eben auch nicht. Der Vergleich mit dem Berliner Hauptstadtflughafen fand Beifall: „So kann’s durchaus kommen.“ Auch Fritz Wagner bemängelte, dass die Gaststätte leer stehe, eigentlich verloren sei. Kaum denkbar, dass sich da nach der Fertigstellung „irgendwann mal“ ein neuer Pächter etablieren könne. „Außen hui, innen pfui“, beschrieb Jürgen Korn den Zustand der Halle. Der Eingangsbereich sei nicht vorzeigbar. „Man muss sich vorstellen: Wenn man da Gäste empfängt... Das kann man doch wirklich keinem zumuten“, klagt Korn die Zustände an, die sich trotz der nun schon Jahre andauernden Sanierungsphase nicht geändert hätten. „Wir mussten mit dem Gesangverein bei der Prunksitzung einen Klowagen aufstellen“, nennt Korn den unrühmlichen Höhepunkt des Improvisationstheaters in und rund um die Mehrzweckhalle. Jörg Klamroth, Vorsitzender des Orgelbauvereins, verliert in Bezug auf die Endlos-Renovierung der Theo-Barth-Halle ebenfalls langsam die Geduld. Das berichtete er gestern. Denn nachdem er vor einigen Wochen die Nachricht erhalten habe, dass die Halle nach den Sommerferien fertig gestellt sein solle, habe der Orgelbauverein gemeinsam mit den weiteren örtlichen Vereinen eine große Eröffnungsgala geplant. „Die Grundschüler sollten ein Musical aufführen, vor den Sommerferien ging es mit den Proben los, sie haben Rollen gekriegt. Dass es jetzt doch wieder abgeblasen wird, ist für ganz Erlenbach ein großer Frust“, sagt er. Gerade für die Kinder sei dies eine Katastrophe, die Organisatoren wollen sich laut Klamroth bemühen, das Stück in anderem Rahmen doch noch auf die Bühne zu bringen, „damit nicht alles umsonst war“. Und ein späterer Termin für die Gala? „Ich habe ehrlich gesagt keine Lust mehr und befürchte, dass das nichts mehr wird“, erklärt er. Völlig unverständlich findet Klamroth, dass Arbeiten wie der Trockenbau erst im Juni ausgeschrieben wurden, „und dann wundert sich die Stadt, dass sie niemanden finden“. Ein immer wieder diskutiertes Thema sind die vielen von Unkraut, Disteln und anderen Pflanzen überwucherten Gehwege, Treppenaufgänge und der wenig gepflegte Eingang zum Friedhof. Kurt Rümling stört die Situation im Osterberg beispielsweise gewaltig: „Früher hat dort das Grünflächenamt immer wieder die Böschung gemäht, aber mittlerweile wachsen die Brennnesseln in die Straße hinein“, sagt er. Mit Fotos hat Heribert Korn auch die Situation am neuen Feuerwehrhaus dokumentiert. Die Fläche daneben sei extra neu angelegt worden, eine Sitzgruppe stehe dort für ein Päuschen, doch seit einiger Zeit werde auch dort nicht mehr gemäht. Teilweise habe das Unkraut so hoch gestanden, dass nicht einmal mehr die vorhandene Bank mit Tisch zu sehen gewesen sei. „Genauso sieht es auch am alten Schulhaus und Richtung Kindergarten aus. Dort ist schon seit Jahren ein Schild mit dem Hinweis auf Plattenschäden aufgestellt“, sagt Korn. Verändert habe sich an der Situation aber dennoch nichts. Er führt dies auf die mangelnde Personalausstattung bei entsprechenden Stellen zurück: „Früher wurden dafür auch die Ein-Euro-Jobber eingesetzt, die könnte man doch auch jetzt wieder einbinden“, meint er. Christa Feid hat im Welchental die gleichen Zustände bemerkt: „Das Unkraut wächst überall.“ Über die zunehmende Verschmutzung in Erlenbach hat sich auch Volker Nickel schon seine Gedanken gemacht: „Es nimmt niemand mehr einen Besen in die Hand, das wird immer schlimmer“, sagt er. Helga Zepp und Edeltraud Henrich können die Liste der Ecken, die von Unkraut nur so überwuchern, noch erweitern: Der Treppenaufgang zwischen Ring- und Bergstraße wachse unter anderem mit Dornen zu, schildern die beiden Frauen. Jürgen Korn prangerte ebenfalls die Zustände in manchen Ecken Erlenbachs an – und legte Bilder zum Beweis vor. Da würden aus den Räumen eines Anwesens in der Erlenbacher Straße Möbel aus den Fenstern gefeuert. Den Sperrmüll-Berg hatte der Bürger fotografiert. Gestern lag der unansehnliche Haufen noch immer. „Keiner kümmert sich drum“, kommentierte Korn die Umtriebe. Übel sehe es auch beim Treppenweg aus, der zum Kindergarten führe. „Wenn’s noch einmal regnet und das Unkraut Wasser kriegt, geht dort gar nichts mehr“, prophezeite Jürgen Korn. Während das Problem beim Sperrmüll-Berg wohl darin liege, dass es sich um Privatgelände handele und in erster Linie der Hauseigentümer gefragt sei, so müsse im Falle des öffentlichen Wegs die Stadtverwaltung für Abhilfe sorgen. Gleiches gilt für einen Schulweg, der zur Grundschule führt. Auch der sei nicht gut zugänglich – wie Werner Schwarz gestern beklagte. Der Bachlauf gleich daneben, der habe voller Schotter gelegen. „Bis jetzt ein Trupp angerückt ist, um den Schotter aus dem Bach zu schaufeln.“ Widersinnigerweise aber habe der Arbeitstrupp den Schotter in ein Biotop hineingeschaufelt. „Unglaublich“, findet Schwarz. Immerhin habe man im Rathaus auf eine Beschwerde hin diesmal gleich reagiert. Gestern sei erneut ein Trupp angerückt und habe das Biotop von Schotter befreit. Doch die Erlenbacher wissen die Vorzüge des Ortes auch durchaus zu schätzen, wie Karsten Glöser deutlich macht: „Ich wohne seit fünf Jahren hier und finde es gut, dass es sowohl stadtnah, aber auch dörflich ist. Außerdem genieße ich die ausgezeichnete Busverbindung und den Turmschlag der Uhr, der beruhigend auf mich wirkt“, erzählt er. Auch Clemens Wehrle findet die „Lebensqualität richtig schön hoch“, „die Entschleunigung, die man hier erleben kann, ist toll und in zwei Kilometern ist man am nächsten Supermarkt“. Uwe Haak, Heike Metz und Ute Dilger beschäftigt dagegen die Parksituation in der Weiherstraße. „Wir haben dort Probleme ohne Ende, die Leute parken wo sie wollen, die Müllabfuhr kommt nicht durch“, erklärt Haak. Das Ordnungsamt habe zwar hin und wieder kontrolliert, doch das habe die Lage nicht beruhigt: „Viele Leute von außerhalb parken dort und fahren dann mit den Bussen in die Stadt“, haben die Anwohner bemerkt. Diese Parkplätze fehlten ihnen für die eigenen Autos. Dabei sei am Ende der Straße eine Fläche, die sich aus Sicht der drei durchaus als Parkplatz eignen würde: „Da war früher mal ein Spielplatz, der wurde jetzt zum Park umgestaltet“, sagt Metz. „Das ist ein Dreckloch“, bekräftigt Dilger. Hundebesitzer würden dort ihre Vierbeiner ausführen, die Hinterlassenschaft bleibe liegen. „Wenn das ein Parkplatz wäre, hätte die Stadt auch keine Probleme mehr, die Fläche zu pflegen“, sind sich alle einig. Doch auch in anderen Straßen sei die Parksituation schwierig, außerdem hielten sich nur die wenigsten an die absoluten Halteverbote, erklärte Christa Feid, die aber auch das entsprechende Schild an der Ecke Welchental/Weiherstraße gerne um einige Meter nach vorne versetzt sehen würde, um dort einen besseren Verkehrsfluss für abbiegende Autos zu schaffen. Ein weiteres Dauerbrennerthema sei das Nichteinhalten der Tempo-Zonen in Erlenbach. Das machen Ursula Feil, Karsten Glöser, Andrea Kühn und Maria Feth deutlich: Egal ob es sich dabei um die Weiherstraße, das Welchental, um den Verkehr auf der Hauptstraße durch den Ort oder in Richtung Gersweilerhof, handele: „Da wird richtig gerast“, sagte Andrea Kühn mit Blick auf die Bergstraße „und in der Straße ist der Kindergarten“. Die Erlenbacher sprachen sich für häufigere Kontrollen in stark frequentierten Bereichen, etwa an beiden Ortseingängen, aus. Ortsvorsteher Fritz Henrich erklärte daraufhin, dass der Ortsbeirat auf eigene Kosten vier Geschwindigkeitsmesstafeln angeschafft habe: Sie hängen an der Schule, dem Kindergarten, am Gersweiler Hof und nahe des Friedhofs. Nachbesserungsbedarf sieht Hans-Albert Laier auch nach wie vor beim Radweg zwischen Otterbach und Otterberg: „Das ist ein ganz kritisches Eck, da rasen sie wie verrückt“, erklärt er mit Blick auf die Überquerung der Landesstraße 389. „Vielleicht würde eine Verkehrsinsel helfen“, meint er. Rainer Schmuel lud sogar umgehend zur kleinen Rundfahrt ein, um ein Bild von der Verkehrslage sowie der Hindernisse zu machen, mit denen Autofahrer zu kämpfen hätten. Die steile Erlenbacher Straße sei auf der einen Seite völlig zugeparkt – mit der Folge, dass sich kaum Lücken böten, in die Fahrer mal kurz einscheren könnten, um Gegenverkehr passieren zu lassen. „Da könnten Markierungen Abhilfe schaffen“, regt Schmuel an. Nicht viel anders sieht es in der Parallelstraße aus, die am Kindergarten vorbei zum Friedhof führt. Auch dort komme es bei regem Verkehr zum Chaos, weil keine Autos aneinander vorbei kämen. Brächten Eltern ihre Kleinen zum Kindergarten, verschärfte dies die Situation noch. Schlimm sei der Durchgangsverkehr: Da nutzten Autofahrer von Otterberg her Erlenbach als Abkürzung, um in die Stadt zu gelangen. Und dafür seien die Straßen nun wahrlich nicht ausgelegt. Gerade mit Blick auf die Verkehrsdichte und die unbefriedigende Parksituation in der Erlenbacher Straße hatte übrigens Karl-Heinz Dippold gestern auch ein dickes Lob parat: Das richtete er an „all die Fahrer der Müllfahrzeuge und der Busse.“ Was die dort leisteten, sei klasse, aller Ehren wert. „Man muss sich wundern, dass sich die Busfahrer nicht weigern, sich hier durchzuquälen“, sagte Dippold. Von ungleich größerer Bedeutung als Dreckecken – weil mit teils hohen materiellen Schäden verbunden – ist die Hochwassergefahr. Auf Wassermassen, die sich von Morlautern ihren Weg nach Erlenbach bahnen, wussten Walter Braunbach und Werner Schwarz zu berichten. Sie führten auch zum Waldrand zwischen den beiden Stadtteilen: Am „Krehberg“ sei es wiederholt nach schwerem Regen zu Überschwemmungen gekommen. „Wir hatten die dritte Flut in nur zwei Jahren.“ Abhilfe leisten die Nachbarn nach Kräften selbst: „Wir wuchten schon mal die Senkkästen mit Gewalt heraus. Die sind von Schlamm und Geröll verstopft“, sagte Braunbach und berichtet von einem Nachbarn, der einen Wasserschaden von 50.000 Euro zu verkraften habe. Der Regen spüle den Feldweg aus, Rohre lägen mittlerweile offen, der Weg sei gar nicht mehr nutzbar, verweisen beide. Bach und die Kanalabläufe seien verstopft: „Da muss doch etwas passieren“ hoffen beide, dass Erlenbach nicht auch bei Hochwasserschutzkonzepten, die die Stadtverwaltung erstellen wolle, nicht „das vergessene Dorf“ bleibe.