Kaiserslautern Windel voll, Bauch leer
Zum zweiten Mal gastierte der Musiker und Komiker Kalle Pohl auf Initiative des Kunstgriff-Teams im Lautrer Wirtshaus im Bahnheim. Eher schwach war die Besucherresonanz, trotz der hohen Popularität des 1951 in Düren geborenen und in Merzenich in NRW aufgewachsenen Allrounders.
Spannende Dreh- und Textbücher schreibt auch das Leben selbst: So studierte der ehemalige Polizeihauptwachtmeister Pohl klassische Gitarre in Köln und machte sich auch als Verfasser von Gitarren-Unterrichtswerken einen Namen. Von 1985 bis 1996 schrieb er Kabaretttexte unter anderem für Harald Schmidt und Gaby Köster, moderierte Radio-Kabarettsendungen im WDR und ist seitdem als Komiker einem breiten Fernsehpublikum bekannt. Als Schauspieler reüssierte der Tausendsassa bei der Komödie Düsseldorf und tourt seit 2007 auch mit diversen Soloprogrammen durch die Lande – so wie am Samstag mit „Selfi in Delfi.“ Kalle Pohl hat ein ausgeprägtes Gespür für die Auswüchse und Widersprüche seiner Zeit: So thematisiert er Schrittmesser und Pulszähler in Fitnessstudios, intelligent selbstarbeitende Haushaltsgeräte, die sogar miteinander vernetzt sein könnten, so seine Vision, und prangert einige Tonlagen schriller und deutlicher auch die soziale Schieflage an. So seien frei nach George Orwell in der Demokratie alle gleich, manche aber gleicher. Kalle Pohl reißt viele diskussionswürdige Themen wie Kindergeld, Kinderhort oder Bildungspolitik an, bringt Sketche mit nachgespielten Dialogen – etwa im Wartezimmer des Hausarztes – und kann mit verstellter Stimme verschiedene imaginäre Personen imitieren. Eines seiner Lieblingsthemen ist die technische Entfremdung im Alltag, die Menschen sieht er vernetzt, verkabelt und verstrickt. In diesem Zusammenhang konnte er mit einer nachgespielten Szene beim Fachhändler punkten, in der ein Kunde lediglich ein Scatkabel kaufen wollte, aber gleich mit einem ganzen „Park“ von Elektronik und absurder Fachsprache konfrontiert wurde. Oder er bringt Kuriositäten mittels App unter die Leut’: Jungen Paaren wird eine entsprechende Baby-App empfohlen, die kurz und bündig angibt „Windel voll, Bauch leer.“ Und was Kalle Pohl sich nicht auszusprechen traut, das legt er seinem berüchtigten fiktiven Vetter Hein Spack in den Mund. Zu seiner ohnehin ausdrucksstarken Gestik und Mimik spielt er auch noch ansprechend Akkordeon, singt dazu in einer skurrilen Mischung aus Chanson und Rap in einem unverkennbar eigenen Stil originelle, witzige Texte. Kurz: Mit seiner komödiantischen Ader, seinen vielfältigen Talenten und Fähigkeiten hätte der mit jahrzehntelanger Bühnenerfahrung ausgestattete Entertainer, Comedian und Alleinunterhalter die idealen Voraussetzungen für geistreiche Soloprogramme. Als Manko erwies sich jedoch, dass er oftmals Themenkomplexe nur anreißt, nicht in die Tiefe geht und sprunghaft und ohne erkennbaren roten Faden fahrig wechselt. Weniger an Themenbereichen und mehr Tiefgang wäre anzuraten. Vielmehr liegen Pohls Stärken im Aufspüren von Zwiespältigkeiten, etwa bei einem Lied über provozierte und dann wieder verpönte Männerreaktionen in einer übersexualisierten Gesellschaft. Großartig auch die Auflistung von Spezialitäten einer Käsetheke im Discounter – allerdings auf skurrile Weise in einer Art Opernparodie vertont. Gut kam auch der Anflug von Selbstironie an, der zur Abrechnung mit Stand-up-Comedy führte. Ob er ahnt, dass er zu dieser Zunft auch gehört?