Kulturzentrum Kammgarn
Wilhelmine singt, wie Selbstbewusstsein geht
So etwas kommt in dieser Dichte und Form nicht allzu häufig vor. Schon der Support-Auftakt am Freitagabend in der Kammgarn war bemerkenswert. Singer-Songwriterin Mele und ihr souverän begleitender Multiinstrumentalist und Sänger Karl sorgten mit inhaltlich nachdenklichen, musikalisch aber gut ins Ohr und bisweilen auch in die Beine gehenden deutschsprachigen Titeln wie „Bitte küss mich“ und „Nach Hause“ für eine angenehm gespannte Atmosphäre. Positiv waren auch die das Publikum direkt ansprechenden unterhaltsamen Ansagen. Hier merkte man der Musikerin ihre schon preisgekrönte Tätigkeit als Moderatorin deutlich an.
Noch intensiver wurden Stimmung und Lieder mit dem in eine vergleichbare Richtung gehenden Auftritt von Wilhelmine. Schon ihr erster Titel, „Nie wieder wegrennen“, zeigte tiefe Emotionalität, zeugte von den vielfältigen und nicht immer angenehmen Erfahrungen, die die junge Frau in ihrem Leben schon machen musste und die sie – inklusive den persönlichen Schlussfolgerungen daraus – in ihren Liedern verarbeitet.
Lesbische Liebe
Die offen lesbisch lebende Künstlerin überzeugte mit unter die Haut gehenden Texten, etwa über tiefe Beziehungen und große Enttäuschungen, über Menschen, die ihr wichtig waren und sind, über Gedanken und Erkenntnisse, die ihr helfen, ihren ganz eigenen Wert und ganz sich selbst zu finden.
Manchmal wirkte Wilhelmine auf der Bühne trotz ihrer ausdrucksstarken Präsenz, die sie insbesondere ihrer Stimme verdankt, geradezu zart und zerbrechlich. Tatsächlich aber ist die Musikerin – was jede durchdachte Textzeile ihrer Lieder beweist – eine ungeheuer starke Frau mit großer Persönlichkeit.
Sie geht hinunter in den Saal
So präsentierte sie von ihrem aktuellen Album „Meere“ den erwähnten Konzert-Opener, dazu passionierte Lieder wie „Paula“ (über eine bewunderte Jugendfreundin Wilhelmines), zusammen mit Vorband-Kollegin Mele das Selbstwertgefühl thematisierende „Vergleiche“ und nicht zuletzt das schon im Titel Beklemmung andeutende, besonders eindringlich interpretierte „Keine Luft“.
Eine starke Künstlerin hat auch eine starke Bindung zu ihrem Publikum. Um ihm physisch nahe zu sein, verließ Wilhelmine während des Konzerts einmal für längere Zeit die Bühne, bahnte sich durch die gedrängte Menge hindurch einen Weg in den hinteren Club-Bereich, wo sie dann neben den Mischpulten erhöht stehend und gut sichtbar für alle Umstehenden ihre Lieder sang.
Ehre für Rosalind Franklin
Eines davon, „Rosalind“ (über die jung verstorbene, für ihre wichtigen DNA-Forschungen zu Lebzeiten kaum gewürdigte Biochemikerin Rosalind Franklin), geriet zu einem textlichen und interpretatorischen Höhepunkt. So aufgestellt war Wilhelmine extrem nah bei ihren Fans. Das war gut überlegt, das war gelebte Publikumsnähe.
Währenddessen spielte Wilhelmines Band mit Gitarrist Dave, Keyboarderin Mya, Bassistin Asita und Schlagzeuger Leo den von der Sängerin selbst einmal so genannten „Selbstliebe-Pop“ stoisch und sicher tragend auf der jetzt im Hintergrund liegenden Bühne weiter. Die Leute sind halt gut, ihr Gespür für Stimmungen und Aussagen in jeder Situation sicher, ihre musikalischen Leistungen sowieso verlässlich.
Das Publikum singt mit
Das Gesamtpaket bei diesem Konzert bis hin zu den Fan-Reaktionen stimmte im Cotton Club an diesem Abend ganz einfach. Das fast ausschließlich weibliche Publikum belohnte jeden Beitrag Wilhelmines mit frenetischem Applaus; zuvor schon sang man lange Lied-Passagen laut und auswendig mit, zum Teil sogar ganz ohne Mitwirkung der erstaunten Sängerin.
Große gegenseitige Bewunderung, große Fan-Bindung, große künstlerische Qualität – ein großes Konzert.