Stadtspaziergang
Wieso sich die Einwohner des Gersweilerhofs selbst als Städter sehen
Schon die Hinfahrt ist vor allem im Winter eine Herausforderung: Der Gersweiler Weg führt nicht nur raus aus der Stadt, es geht bergauf und bergab, unter der Autobahn hindurch, Eselsbach und Hagelgrund werden gequert. Dann, umgeben von Wald und Feldern, eine Ansammlung von Häusern. Fotograf Thomas Brenner wohnt seit 20 Jahren hier. Am Ochsenberg hat er nicht nur sein Studio, sondern ein paar Meter weiter auch sein Wohnhaus. „Ich wollte zuerst mit Freunden einen alten Bauernhof kaufen, dann habe ich mit einem befreundeten Architekten ein schmales Grundstück gekauft und bebaut“, erzählt er. Extrem steil sind die Grundstücke, die auf der linken Seite des Ochsenbergs liegen, mit Blickrichtung Stadt. Nicht einfach zu bebauen. Dafür gibt es einen weiten Blick auf Wald und Wiese, sogar ein kleines Stück der Autobahn ist zu sehen. „Als Arbeitsplatz ist es genial schön hier“, schwärmt der Fotograf. Auch schätzt er den dörflichen Charakter: Im Sommer spielen die Kinder auf der Straße, abends sitzen alle draußen und erzählen miteinander. Auf dem Wendeplatz am Ende des Ochsenbergs hat es auch schon spontane Feste gegeben.
Eine Siedlung im Umbruch
Eine Zeit lang hätten fast nur ältere Leute auf dem Gersweilerhof gewohnt, erzählt Brenner, jetzt sei die Siedlung ein bisschen im Umbruch. Auch einige Amerikaner wohnten hier – „es ist eine gute Mischung, jeder kennt jeden“. Was auffällt beim Gang durch die Straße am Ochsenberg ist die ganz unterschiedliche Bebauung. Die Häuser sind sehr individuell gestaltet, an jedem gibt es verschiedene Lösungen, um die Autos abzustellen – Platz ist hier Mangelware. Problematisch für die Kinder ist der Schulweg: Sie müssen entweder quer über den Acker oder entlang der Straße Im Gersweilerhof – und dort gibt es keinen Gehweg.
Vom Ochsenberg geht es zwischen zwei Häusern hindurch und einen Trampelpfad entlang – schon ist man auf dem Feld. Aus der Ferne ist der Lärm der Autobahn zu hören. „Ich weiß nicht, bei welchem Wetter und welchem Wind man mehr oder weniger hört“, schildert Brenner seine Bemühungen, der unterschiedlichen Lärmbelästigung auf den Grund zu gehen. An diesem grauen Wintertag ist ein stetiges Rauschen aus der Ferne zu vernehmen. Dafür wird man nach ein paar Metern Aufstieg mit einem schönen Ausblick belohnt. Der Betonweg zwischen Morlautern und Erlenbach ist ein beliebter Spazierweg. „An Silvester kommen ganze Scharen hierher, um sich das Feuerwerk anzugucken“, schildert Brenner. Dass er in zwei Minuten draußen in der Natur ist, nennt der Fotokünstler einen großen Vorteil. Die Felder hier haben schon als Fotomotiv gedient.
Betonweg ist beliebte Spazierstrecke
Die Aussage, dass sich der Betonweg großer Beliebtheit erfreut, bestätigt sich schnell: Der ehemalige RHEINPFALZ-Redakteur Peter Lenk und seine Frau Barbara sind gerade von Morlautern aus unterwegs. Kein Wunder, ist es doch Barbara Lenks Lieblingsstrecke: „Hier sieht es jeden Tag ein bisschen anders aus.“
Aus luftiger Höhe sind auch die drei Windräder zu sehen, die bei der Mülldeponie im Kapiteltal stehen. Sie sind so weit weg, dass man sie nicht hört. Vor ein paar Jahren war im Gespräch, Windräder auf dem Gersweiler Kopf zu bauen, mittlerweile hat sich das Thema aber erledigt.
Vorbei an einer eingezäunten Wiese mit Obstbäumen geht es zurück in Richtung Ochsenberg. Rechts zweigt ein Weg ab, der durch den Wald zur Waschmühle führt. Der Geruch von Holzfeuern begrüßt die Spaziergänger schon von weitem. Am Ende der Straße, kurz vor dem Wendeplatz, wird gerade ein Haus neu aufgebaut, das abgebrannt war. Ansonsten ist die Straße rechts und links dicht, Platz für Neubauten ist hier keiner mehr. Auf dem Weg Richtung Bushaltestelle an der Straße Im Gersweilerhof ist ein Senior gerade trotz winterlicher Temperaturen im gut gepflegten Garten zugange. Gesellschaft leisten ihm dabei seine Hühner.
Im Begegnungsverkehr geht’s eng zu
Nur ein paar Häuser sind es von der Abzweigung des Ochsenbergs hoch in Richtung Erlenbach. Die Straße ist nach wie vor steil, wenn Autos sich begegnen, müssen sie ausweichen, Poller sorgen an manchen Stellen für Abstand. Fritz Heinrich, der Ortsvorsteher von Erlenbach, erzählt im Gespräch mit der RHEINPFALZ, dass man seit Jahren um einen Bürgersteig in Richtung Erlenbach kämpfe – das werde „auf die lange Bank geschoben“, beklagt er. Problem sei, dass es auf dem Gersweilerhof sehr eng sei – mit Gehwegen werde es noch enger.
Sorgen bereitet vor allem der Durchgangsverkehr: Aus Otterberg und den umliegenden Gemeinden nehmen etliche Leute diese Abkürzung, um zu ihrer Arbeitsstelle in Kaiserslautern zu fahren. „Als an der Waschmühle gesperrt war, war es noch viel schlimmer“, betont Heinrich. Und es sei ja auch verständlich, dass jeder so schnell als möglich zur Arbeit und am Abend zurück wolle. Als Knackpunkt sieht er den Schwerlastverkehr an. Seit Jahren versuche man zu erreichen, dass der Gersweilerhof für Laster über 7,5 Tonnen gesperrt werde. Wer sieht, wie sich zwei normale Personenwagen aneinander vorbeiquetschen müssen, kann sich vorstellen, wie eng es erst mit Lastwagen wird. Die Straße auf den Gersweilerhof gibt es übrigens noch nicht allzu lange: Der Erlenbacher Ortsvorsteher erzählt, dass sie auf Wunsch der Höfer gebaut worden sei. Vorher sei es nur eine Forststraße gewesen.
Das Verhältnis zwischen Orts- und Stadtteil bezeichnet Henrich als gut. Auch wenn die Menschen vom Gersweilerhof manchmal darauf beharrten, dass sie „Städter“ seien – weil sie noch die Vorwahl von Kaiserslautern haben, während schon ein paar Meter weiter in Erlenbach eine zusätzliche Null gewählt werden muss ...
Untergegangen und wieder aufgebaut
Schon vor über 800 Jahren ist der Name Gersweilerhof in einer Urkunde erwähnt worden. Kaiser Otto IV. ließ 1195 dem Konvent zu Otterberg das Hofgut Erlenbach und das Dorf Gerswilre zukommen. Laut Historiker Gerhard Westenburger soll der Name auf einen Adligen namens Gerin zurückgehen. Der Leininger Graf verkaufte das Dorf Gerswilre 1217 dem Kloster Otterberg. Nach der Reformation wechselte der Hof seine Besitzer. Erbschaftsstreitereien und der Dreißigjährige Krieg bedeuteten den Untergang des Dörfchens. Nach dem Ende der kurpfälzischen Herrschaft 1797 wurden Erlenbach und der Gersweilerhof der Bürgermeisterei Kaiserslautern im Departement Donnersberg zugeordnet.
Als die Pfalz 1816 zum Königreich Bayern kam, wurden Erlenbach und der Gersweilerhof dem Landkreis Kaiserslautern und der Bürgermeisterei Otterberg zugeschlagen. Die Entwicklung des Gersweilerhofs zu einer Annexe von Erlenbach begann Mitte des 19. Jahrhunderts. Ihre Selbstständigkeit erreichten beide 1904. Bis 1969 blieb Erlenbach eine eigenständige Gemeinde, wurde dann im Zuge der Verwaltungsreform zum Stadtteil von Kaiserslautern. Anfang des vergangenen Jahrhunderts wurden Mauerreste einer früheren Befestigung des Gersweilerhofs gefunden.
Stadtspaziergang
Die Zeiten von Lockdown und Homeoffice haben viele Menschen zum Spazierengehen animiert. Nicht nur der Pfälzerwald, auch die unmittelbare Umgebung hat einiges zu bieten – man muss nur näher hinschauen. In der Serie „Stadtspaziergang“ besuchen wir besondere Gebiete in Kaiserslautern.