Kaiserslautern Wiedersehen auf der Bühne

91-86512623.jpg

Sie kamen mit einem Schlauchboot in Griechenland an und verteilten am Strand CDs an Touristen. Die Band „Khebez Dawle“ machte ihre Flucht zu einer Europa-Tour. Am Samstagabend stand die syrische Poprock-Band im Cotton Club der Kaiserslauterer Kammgarn auf der Bühne und schlug eine musikalische Brücke zwischen Orient und Okzident. Vorher aber sorgte die Lautrer Band „Shaian“ für Furore.

Ein unheimlich spannender Abend. Das Leben schreibt die unglaublichsten Geschichten. Als die vier Musiker von „Khebez Dawle“ am Samstagabend die Kammgarn betraten, fiel ihnen der syrische Tontechniker Komay El Chouti, der seit mehreren Monaten in Kaiserslautern arbeitet und selbst Flüchtling ist, in die Arme. In Syrien hatten die Musiker vor ihrer Flucht im Tonstudio miteinander gearbeitet. Der Zuhörer fand in der Musik des Quartetts einen Geist, den er bei Techno und Disco schon lange vermisst: ursprüngliche Authentizität und von Herzen kommende Spielfreude. Damit wurde die Gruppe schlagartig in Europa bekannt. Stilistisch erinnert sie ein wenig an den psychedelischen Rock von Pink Floyd, die das ganze Arsenal der elektronischen Sinustöne erschloss. Im Gepäck hatten sie ihre CD. Den Titel „Government Bread“ beginnt der Schlagzeuger Mazen Shouman mit äußerst differenziertem Drumming, während Hikmant Quassar auf der Gitarre und Mohamed Bazz auf dem Bass einen Dauerton fabrizierten. Mit für europäische Ohren monotonem, orientalisch klingendem Gesang hob der Sänger Anas Maghrebi an. Seine Stimme war unverwechselbar und ausdrucksvoll. Die Musik hatte eine unglaubliche Dynamik und steigerte sich zu immenser Intensität und Dichte. Quassar drosch in die Saiten, während Bazz seinem Instrument psychedelische Slidetöne entlockte. Schwebetöne von Gitarre und Synthesizer verstärkten die Musik zu einem wahren Tropengewitter. Knallhart agierte Shouman auf dem Schlagzeug, dass es klang wie Gewehrschüsse. Er wirbelte wie ein Wirbelwind, bis sich die ungeraden Rhythmen überlagerten und zusammen mit den rasant vibrierenden Sounds des Gitarristen nahezu hypnotisierende Wirkung erzielten. „Brot des Staates“, so der Name der Band übersetzt, transportierte aber mit ihrer Musik eine hochpolitische Botschaft, denn ihre Mission ist ein freies Syrien. Vorher musizierte die neue Lautrer Band mit dem Namen „Shaian“, die ebenfalls aus Flüchtlingen zusammengesetzt ist und deren Initiatoren Michael Halberstadt und Dagmar Kern sind – ein einmaliges Projekt in Rheinland-Pfalz. Mittlerweile können sich die elf Musiker vor Aufträgen kaum mehr retten. Namensgeberin ist die erst neunjährige Shaian aus Indonesien, die mit ihrer wunderbaren Stimme das erste Lied vortragen durfte. Den Mix der Kulturen vervollständigten Anggana aus Indonesien, Mohamed aus Tunesien, Behzud, Amis und Sam aus dem Iran sowie Tofan und Youmes aus Afghanistan mit Songs aus ihren Länder. Dazu begleiteten sie rasant auf Gitarren, Cajon, Djembe, Tambour und Oud. Besonders begeistern konnte der Rapper mit seinem zungenakrobatischen Gesang und die aus Indonesien stammende Vina mit ihrer engelsgleichen Stimme. Michael Halberstadt an der Gitarre, Dagmar Kern als Hintergrundsängerin sowie Michael Lakatos mit raffinierten Schlagfolgen am Schlagzeug vervollständigten die Band. |flk

x