Kaiserslautern Wieder mal Zeit für Zipfelmützen

Acht Jahre hat sich die polnisch-niederschlesische Stadt Wroclaw (Breslau) darauf vorbereitet, europäische Kulturhauptstadt 2016 zu werden. Kurz vor den Eröffnungsfeiern am 15. und 16. Januar ist die Atmosphäre zwischen der Odermetropole und der Hauptstadt Warschau angespannt.
Derzeit trägt man in Wroclaw noch keine Zipfelmützen. Einst waren sie das Symbol gegen das kommunistische Regime. Sympathisanten der politisch-künstlerischen Protestbewegung „Orange Alternative“, der hiesigen Variante von Solidarnosc, zeigten damit ihre Verachtung für die Warschauer KP-Regierung. Zur Erinnerung an die polnische Hochburg des Widerstands stehen überall in der Innenstadt Zwerge in verschiedensten Posen. Vielen von ihnen haftet etwas Subversives an. Aber auch heute ist die Stimmung zwischen der Oder-Metropole und der Hauptstadt an der Weichsel wieder arg angespannt. Während die neue rechtsnationale Regierung in Windeseile die EU-Symbole aus ihrem Amtssitz verbannte, möchte das frühere Breslau als Kulturhauptstadt 2016 Europa mit offenen Armen empfangen. Spätestens, seit Kulturminister Piotr Glinski kürzlich versuchte, Elfriede Jelineks Theaterstück „Das Mädchen und der Tod“ wegen angeblicher pornografischer Szenen abzusetzen, und „Rosenkranz-Kreuzzügler für das Vaterland“ und andere national-katholische Fundis den Theaterzugang zeitweise versperrten, ist der Widerstandsgeist neu erwacht. Eine Massendemonstration gegen die PiS von Jaroslaw Kaczynski hat es in Breslau bereits gegeben, und nicht wenige meinen, es sei jetzt wieder an der Zeit, die Zipfelmützen aufzusetzen. Aus der Solidarnosc-Bewegung stammt auch Rafal Dutkiewicz, der Oberbürgermeister der Stadt. „Wroclaw hatte schon viele Namen,“ sagt der Rathauschef. In seiner über 1000-jährigen Geschichte stand die Stadt unter böhmischer, polnischer, österreichischer, preußischer und wieder polnischer Verwaltung. Dass Breslau einst eine der wichtigsten Städte im deutschen Kulturraum war, sieht man ihr noch heute an – spätestens am zentralen Marktplatz (Rynek) mit seinen schmucken Bürgerhäusern, angelegt nach „Magdeburger Recht“, wonach von jeder Ecke des Platzes zwei Straßen wegführen. Was man auf den ersten Blick aber nicht erkennt: die Oderstadt, so der seit 13 Jahren amtierende Stadtchef, „ist eine der wenigen Großstädte der Welt, in der die Bevölkerung zu 100 Prozent ausgetauscht wurde.“ In Europa ist dies sogar historisch einmalig für einen Ort dieser Größenordnung: Rund 630.000 Menschen wohnten dort 1939, etwas mehr als ein Prozent waren Polen. Dann folgte nach dem Untergang des NS-Staates eine Doppelvertreibung. Die Deutschen mussten westwärts ziehen, während aus dem Osten Polen in die zu 75 Prozent zerstörte Stadt kamen. Was der jeweilige Heimatverlust für die Menschen in und aus Breslau bedeutete, hat Ulrike Draesner in ihrem herausragenden Roman „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“ beispielhaft beschrieben. Die neuen Bewohner Wroclaws waren selbst vertrieben worden; der Großteil stammte aus Lemberg, heute Ukraine, das damals Stalins Sowjetreich zugeschlagen worden war. Das Universitätspersonal der einstigen galizischen Hauptstadt bildete nach dem Krieg die Keimzelle der Uni Wroclaw. Heute befinden sich unter den gut 650.000 Einwohnern 140.000 Studenten, die der wiedererwachten Altstadt viele Impulse geben. Jeder dritte Einwohner ist unter 35 Jahre alt. Das sei auch ein Grund dafür, heißt es im Rathaus, „dass Breslau anders tickt als der Rest des Landes.“ 2016 wird die europäische Hauptstadt der Vertreibung Kulturhauptstadt des Kontinents, gemeinsam mit dem spanischen San Sebastian. Für die Odermetropole ist dies die zweite Chance, ihre ungünstige Randlage zu überwinden. Die erste, den EU-Beitritt Polens, hat die Kommune mit ihrer weit entwickelten Wirtschaft genutzt: Von 2004 bis heute sank die Arbeitslosigkeit von 13,5 auf vier Prozent. Jetzt hofft Dutkiewicz, dass die über 300 Projekte und Veranstaltungen sowie viele internationale Gäste dazu beitragen, dass Breslau auch verkehrstechnisch besser angebunden wird – im Osten wie im Westen. Denn noch immer sind die Wege in die jeweils rund 350 Kilometer entfernten Hauptstädte Warschau und Berlin recht unbequem. In den 30er Jahren verband der „Fliegende Schlesier“ Berlin mit Breslau auf dem Schienenweg in zwei Stunden und 34 Minuten. Heute verkehren auf dieser Strecke nur bummelnde Regionalzüge. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) will sich verstärkt um eine Verbesserung der grenzüberschreitenden Bahnverbindungen einsetzen. Der Polen-Koordinator der Bundesregierung wirbt für den Besuch Wroclaws – erst recht, seit dem die neue Ministerpräsidentin Beata Szydlo auf strikte Abgrenzung nicht nur bei der Aufnahme von Flüchtlingen, sondern auch gegenüber der EU setzt. „In dieser Stadt kommt beispielhaft zum Ausdruck, wie umfassend die Versöhnung zwischen Polen und Deutschen inzwischen gelungen ist.“ Tatsächlich ist inzwischen vieles selbstverständlich geworden – sogar „Breslau“, wie der fließend Deutsch sprechende OB seine Stadt nennt. Unter den Kommunisten stand der Name noch auf dem Index. 25 Jahre später wirbt die Stadt mit ihren zehn Nobelpreisträgern wie Theodor Mommsen und Gerhart Hauptmann. „Die Geschichte, die mit dem deutschen Kulturraum verbunden ist, haben wir angenommen“, sagt Dutkiewicz. Er erinnert an den Breslauer Kardinal Boleslaw Kominek, der im Hirtenbrief der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder 1965 formulierte: „Wir vergeben und bitten um Vergebung“ – was damals den Beginn der deutsch-polnischen Verständigung und Versöhnung einleitete. Krzysztof Ruchniewicz, Direktor des Willy-Brandt-Zentrums für Deutschland- und Europastudien der Universität Breslau, sieht derzeit keine Gefahr, dass sich daran etwas ändern könnte. Die starken Bürgerproteste gegen die Warschauer Regierung sind eher ein „guter Prozess“ für die Demokratie. „Diese Demonstrationen zeigen, dass die zivile Gesellschaft doch in Polen sehr stark ist und dass das vielleicht auch ein ganz notwendiges Korrektiv für die nächsten Schritte der polnischen Regierung ist.“ Ab Mitte Januar drängt die Kulturhauptstadt Wroclaw in die Mitte Europas. Immerhin rund 50 Millionen Euro umfasst der Etat, zu dem viele nachhaltige Projekte wie eine Philharmonie und neue Museen wie das Oppenheim-Haus nahe des grandiosen Marktplatzes gehören. Dutkiewicz hofft, dass das Dreifache vor Ort bleiben wird. Auch in dieser Hinsicht will Wroclaw dem alten Breslau näher kommen. Das war einst die reichste Stadt Preußens, weitaus wohlhabender als Berlin.