Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Wie sicher sind die Bahnstrecken im Landkreis Kaiserslautern?

Drei Menschen sterben bei dem Zugunglück im oberschwäbischen Riedlingen am 27. Juli. Auslöser ist ein Erdrutsch, verursacht durc
Drei Menschen sterben bei dem Zugunglück im oberschwäbischen Riedlingen am 27. Juli. Auslöser ist ein Erdrutsch, verursacht durch Regenfälle.

Am Abend des 27. Juli entgleist nach einem Erdrutsch bei Riedlingen ein Zug, drei Menschen sterben. Ist ein solches Unglück auch im Landkreis Kaiserslautern möglich?

Als der RE 55 von den Gleisen springt, ist es 18.10 Uhr, ein Sonntagabend. Der Regionalexpress fährt in Richtung Ulm, es hat geschüttet wie aus Kübeln an diesem 27. Juli – was dem Zug nahe der oberschwäbischen Kleinstadt Riedlingen zum Verhängnis wird. Mit Tempo 80 rast er auf Höhe des Ortsteils Zell geradewegs in eine Schlammlawine, nachdem sich diese ein paar Minuten vorher von der Böschung gewälzt hatte. Mindestens zwei Waggons entgleisen, heißt es später in den Pressemeldungen. Bei dem Unfall sterben drei Menschen, rund 50 weitere werden zum Teil schwer verletzt. Wie die Ermittler am nächsten Morgen erklären, sollen die kräftigen Regenfälle den Hangrutsch verursacht haben. Deutschlandweit wirft das Unglück deshalb die Frage auf, wie es um die Sicherheit der Bahnstrecken bestellt ist, wenn sich Massen von Geröll, Schlamm und Morast in Gang setzen – und wo diese Gefahr überhaupt droht. Auch im Landkreis Kaiserslautern.

Dass in der Region ein nicht zu unterschätzendes Risiko von Erd- und Gesteinsrutschungen in der Nähe der Schienen besteht, gerade im Pfälzerwald, das zeigt das Geoportal des Eisenbahn-Bundesamts (EBA). Es lässt erkennen, auf welchen Abschnitten gravitative Bewegungen möglich sind – als Folge von Starkregen. Und die beklemmende Antwort lautet: auf den meisten.

Gefährdungen auf fast allen Gleisen im Kreis denkbar

Wie die Karten des EBA offenbaren, scheint vor allem die Linie zwischen Hochspeyer und Neustadt betroffen. Niederschläge könnten demnach entlang der ganzen Strecke sogenannte Hangmuren auslösen – also Gemische aus Boden, Geröll und Wasser, die sich abwärts auf die Gleise schieben. Auch im Osten der Stadt, zwischen Kaiserslautern und Pirmasens, auf Höhe der Erzhütten sowie bei Fischbach sind solche Schlammlawinen nicht ausgeschlossen. Dazu herrscht auf fast allen Verbindungen im Landkreis, besonders denen im Pfälzerwald, eine punktuelle Gefahr von Murgängen, die ins Tal rauschen. Von reißenden Strömen aus Wasser, Gestein und Dreck. Flächenhafte Erdrutsche hingegen drohen laut EBA lediglich in der Nähe von Sembach, Fischbach und Hochspeyer (Alsenztalbahn) sowie in mehreren Passagen zwischen Hohenecken und Steinalben (Kaiserslautern-Pirmasens). Beinahe keine Risiken nach Regenfällen weist das Geoportal für das Lautertal aus.

Und das alles heißt jetzt genau? Dass Zugpassagiere ständig mit der Angst reisen müssen, hier von absackenden Boden- und Geröllmassen getroffen zu werden?

Zumindest lässt sich eine Gefahrenlage laut EBA nicht leugnen. Auf RHEINPFALZ-Anfrage schreibt ein Sprecher des Eisenbahn-Bundesamtes in diesem Zusammenhang von „potenziellen Gefährdungen“. Nach „auslösenden Faktoren“ wie zum Beispiel Starkregen seien Rutschungen, die das Schienennetz erreichen, an den markierten Orten denkbar – was natürlich nicht bedeute, dass es „zwangsläufig“ zu ebendiesen kommt. Und „erst recht nicht, dass an allen betroffenen Hängen und Gerinnen gleichzeitig Ereignisse auftreten werden“. Nach Angaben des EBA zeigt die Karte also sämtliche Teilstrecken, auf denen Böschungsrutsche, Hangmuren oder Murgänge nicht ausgeschlossen werden können. Unklar allerdings sei deren Wahrscheinlichkeit, heißt es. Entwickelt worden ist das Geoportal des Bundes im Rahmen wissenschaftlicher Projekte. Zu Grunde liegen den Karten geologische Modellierungen und Datensätze – keine Vor-Ort-Analysen. Als Auslöser der Naturphänomene hätten die Forscher jeweils heftigen Regen vorausgesetzt, schildert die Behörde.

Für Sicherheit der Strecken ist die DB verantwortlich

So weit zum Gefährdungspotenzial. Was die EBA-Seite ebenfalls nicht preisgibt: eine Einschätzung, wie wahrscheinlich ein Zugunglück ist, etwa bei Schopp oder Frankenstein, sobald die Erdmassen in Bewegung geraten. Wie das Bundesamt betont, werden „bestehende Schutzmaßnahmen und dadurch gesicherte Bereiche“ in den Modellierungen nämlich nicht berücksichtigt. Um Gefahren also ernsthaft beurteilen zu können, so das EBA, müssten die Hänge fotografiert und Studien veranlasst werden. Der Aufwand wäre immens.

Und was sagt die Deutsche Bahn (DB) zu den Dutzenden Kilometern im Landkreis Kaiserslautern, auf denen Hangmuren, Murgänge und Erdrutsche drohen? Immerhin ist sie es, die die Verantwortung trägt für die Sicherheit der Strecken, genauer: ihre Instandhaltungstochter, die DB InfraGo. Gegenüber der RHEINPFALZ teilt der Konzern mit, die Gleise „nach festgelegten strengen Regularien und vorgeschriebenen Fristen“ zu inspizieren und zu warten. Eine „lückenlose Rund-um-die-Uhr-Überwachung“ sei bei 33.000 Kilometern Schienen nicht machbar, heißt es – dennoch würden regelmäßig Inspektoren, Messfahrzeuge und Drohnen eingesetzt. Zudem verweist die DB auf die zunehmenden Wetterextreme, die Hangrutschungen begünstigen. Aller Vorbereitungen zum Trotz werde es auch künftig „zu großen Auswirkungen kommen“, warnt sie. Klar aber ist: Nach der geltenden Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung (EBO) muss die DB alle nötigen Maßnahmen ergreifen, um Gefährdungen zu beherrschen – und um die Züge zu schützen.

Im Juni 1988 stirbt bei Hochspeyer eine junge Frau

Welche genauen Vorkehrungen die Bahn daher im Kreis Kaiserslautern trifft, das konnte sie auf Nachfrage der Redaktion vorerst nicht beantworten. Wie werden die Passagen gesichert? Ist der Schutz noch ausreichend? Und wie oft wird kontrolliert, gerade nach dem tödlichen Drama in Riedlingen? Per Mail versichert die DB, die geforderten Auskünfte nachzureichen. Dass das Risiko einer verheerenden Schlammlawine auch im Landkreis nicht zu verharmlosen ist, das jedenfalls dokumentiert eine lange zurückliegende Tragödie.

Es ist der 28. Juni 1988, als gewaltige Regenfälle einen Erdrutsch am Heiligenberg-Tunnel verursachen, knapp einen Kilometer westlich von Hochspeyer. Eine 150 Jahre alte Stützmauer bricht, Gesteine stürzen auf die Gleise. Mit 75 Kilometern pro Stunde prallt ein Güterzug auf die Brocken – ehe ihn kurz darauf ein D-Zug streift, der aus entgegengesetzter Richtung anrauscht. Beide Loks entgleisen, eine junge Frau aus Enkenbach-Alsenborn stirbt, 19 Menschen werden verletzt. Noch heute gilt das Bahnunglück vom Heiligenberg-Tunnel als eines der schwersten in der Geschichte von Rheinland-Pfalz.

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