Kaiserslautern Wie „Miss Ungarn“ zur Talmi-Titanin wurde
Ein Husar(inn)enritt ist zu Ende gegangen, ein grell schimmernder Fixstern am Firmament der Unterhaltungsindustrie erloschen. Zsa Zsa Gabor, die US-amerikanische Film- und Selbstdarstellerin ungarischen Geblüts, erlag wenige Wochen vor ihrem 100. Geburtstag nach langem Siechtum in Los Angeles einem Herzversagen.
Die Todesnachricht wirkt irritierend profan nach einer Biografie, die sich so pittoresk nur in der grellbunt-glitzernden US-Unterhaltungsindustrie oder aber im Märchenbuch denken lässt. Denn alles schien künstlich zu sein an dieser strahlend schönen Frau, die nicht nur von der Göttin Venus gesegnet, sondern überdies von Merkur mit einem untrüglichen Geschäftssinn ausgestattet worden war. Sie war – natürlich! – die Tochter eines Budapester Gardeoffiziers, wurde natürlich im Jugendalter zur „Miss Ungarn“ gekürt, natürlich von keinem Geringeren als Richard Tauber für die Bühne entdeckt und natürlich gefreit von einem – in diesem Fall türkischen – Diplomaten. Kaum war diese Ehe geschieden, zog sie in die kalifornische Kino-Kapitale Hollywood. In den Nachschlagewerken wird die capricenreich-champagnerselige Czardasfürstin als Filmschauspielerin verzeichnet. Aber hat auch nur ein einziger ihrer Filme die Zeitläufte überdauert? Zwar spielte sie die Maler-Muse in John Hustons Farbenorgie „Moulin Rouge“ (1952) und eine Nachtclubbesitzerin in Orson Welles’ „Zeichen des Bösen“ (1958). Im Übrigen aber figurierte Zsa Zsa Gabor in allererster Linie als Zsa Zsa Gabor. Jahrzehnte bevor es dafür Bezeichnungen wie „It-Girl“ oder „Partymädchen“ gab, erhob sie Selbstinszenierung und Selbstvermarktung zur Kunstform. Begleitet vom Fanfarenklang für die ikonografisch überhöhte Talmi-Titanin, angefeuert vom Trommelwirbel für die ganz auf Eigenwerbung ausgerichtete, egozentrisch-egomanische Erotikerin – so machte Zsa Zsa Gabor aus sich die Meisterdarstellerin melodramatisch ausgebreiteter Herz-Schmerz-Geschichten, deren unverhohlene Orientierung an Geld und Geschmeide der sexuellen Selbstbestimmung eine völlig neue Note verlieh. Ihr zweite, kaum fünf Jahre währende Ehe mit dem Hotelier Conrad Hilton machte sie für immer reich. Sechs weitere Gatten und mindestens ebenso viele Hochzeiten folgten, von der Klatschpresse nicht minder sorgfältig protokolliert wie ihre Liebschaften, Seitensprünge, Affären, Skandale, Beleidigungsklagen und ostentativ zur Schau getragene Gier nach Luxus, Schmuck und Publizität. Ehemann Nr. 8 war ein per bezahlter Adoption zu Adel gekommener Bankkaufmann (!) aus dem Kreis Bad Kreuznach. Glamour, Geltungsdrang und Geschäftstüchtigkeit hatten schon die Kurtisanen galanterer Epochen erfolgreich zu vereinen gewusst, ebenso die alte k.u.k. Formel „Felix Austria nube“. Sie selbst gab ihren erwartungsgemäß offenherzigen Memoiren den Titel „One Lifetime Is Not Enough“ (Eine Lebensspanne reicht nicht aus). Und schon 1961 setzte sie ans Ende einer „Geschichte meines Lebens“ den Satz: „Wer weiß in diesem unseren Leben, was wirklich wahr ist und was bezaubernder Schein?“