Kaiserslautern „Wie lebende Knochengestelle“

Eine Hungersnot in unserer Region? Daran denkt im Moment wohl kaum jemand. Ein Blick in die Geschichte zeigt jedoch, dass unsere Vorfahren durchaus Hunger litten. Zu Beginn des 14. und Mitte des 15. Jahrhunderts wird von einer Hungersnot in weiten Teilen Europas berichtet. Vor genau 200 Jahren sorgte ein Vulkanausbruch in Indonesien für „das Jahr ohne Sommer“ mit katastrophalen Folgen für unseren Kontinent. Auch in der Pfalz waren Auswirkungen zu spüren. Westpfälzer, die heute leben, können nur schwer nachvollziehen, welche Faktoren außer Krieg und Unwetter in früherer Zeit die Ernteerträge maßgebend beeinflusst haben. Nicht nur der Feldfrevel, also das Stehlen von Feldfrüchten, den viele aus Verzweiflung und purer Not begangen haben, trug dazu bei. Auch „das wachsende Schädlingswesen“ wurde ab Mitte des 18. Jahrhunderts zu einer großen Plage. So schreibt Werner Weidmann in „Streiflichter durch die Wirtschaftsgeschichte von Stadt- und Landkreis Kaiserslautern“: „Um die Mitte des 18. Jahrhunderts muss die Heuschrecke verheerende Schäden angerichtet haben, und zwar sollen unübersehbare Schwärme, ,den Himmel verdüsternd‘, vom Südosten her eingeflogen sein.“ Unmittelbar danach hatte man sich mit anderen „Feldschädlingen herumzuschlagen, wie mit Raben, Dohlen, Spatzen, Mäusen, Ratten, Wieseln, Mardern, Maulwürfen. (...) Den schlimmsten Schaden haben jahrzehntelang die Mäuse angerichtet“. Die folgenschwerste Notzeit im 19. Jahrhundert beschreibt Ludwig Dahl in seiner 1908 erschienenen Landstuhler Stadtchronik als „Hungerjahre von 1850 bis 1855“. „Infolge anhaltenden Regens missriet die Ernte in mehreren Jahren.“ Roland Paul präzisiert die Beschreibung jener Phase in einer Abhandlung in „125 Jahre Landstuhler Sparkassen- und Wirtschaftsgeschichte“: Missernten und Hungersnöte, die dadurch entstandene Knappheit der Lebensmittel beziehungsweise die Teuerung, insbesondere 1846/47 und 1854, nahmen in der Westpfalz so bedrohliche Formen an, dass das Landcommissariat Homburg bereits 1846 den Landkreis zum Notstandsgebiet erklären musste. In allen Gemeinden schnellten die Ausgaben der Lokalarmenpflege in die Höhe. In Landstuhl wurde damals eine „Suppenanstalt eingerichtet, um die Hungernden zu versorgen“. Für viele Ältere ist „die schlechte“, oder „die hungrige Zeit“ noch in nachhaltiger Erinnerung. Gemeint sind damit die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Schon während des Krieges wurden Lebensmittelkarten ausgegeben, die zugeteilten Mengen pro Kopf waren allerdings noch ausreichend. Nach dem Krieg änderte sich dies jedoch dramatisch. Die nahezu zerstörte Infrastruktur, ein trockener, heißer Sommer 1946 und einer der kältesten Winter des 20. Jahrhunderts von November 1946 bis März 1947 brachten eine Notzeit, die allein in Deutschland mehrere 100.000 Menschen das Leben kostete. Insgesamt, so schätzen Historiker, sollen die „Hungerjahre“ rund zwei Millionen Menschenleben ausgelöscht haben. Hans Schlichting, in Landstuhl geboren und aufgewachsen, war bei Kriegsende acht Jahre alt. Der ehemalige Sonderschullehrer erinnert sich noch gut an die rationierten Lebensmittel, die es nur auf zugeteilten Lebensmittelkarten gab, an wöchentliche Aushänge, auf denen die aktuell erhältlichen Waren verzeichnet waren und an Differenzierungen des zugrundegelegten Kalorienbedarfs für Kinder, ältere Menschen, Funktionäre oder Schwerarbeiter. „Die meisten Kinder sahen zu dieser Zeit aus wie lebende Knochengestelle“, berichtet er. „Viele Menschen versuchten, sich durch ,hamstern‘ Lebensmittel zu verschaffen; sie gingen zu Fuß oder fuhren mit dem Fahrrad in Bauerndörfer, gingen von Hof zu Hof, um Lebensmittel gegen mitgebrachte Wertgegenstände zu tauschen .“ Das wird auch in der Ortschronik von Oberarnbach beschrieben, einem Dorf auf der Sickingerhöhe, der einstigen „Kornkammer der Pfalz“. „Überall waren Menschenmassen als ,Hamsterer‘ unterwegs, um sich bei den Bauern im Tauschgeschäft einige Lebensmittel einzuhandeln… Sobald die Bauern einen Kartoffelacker abgeerntet hatten, stürzten sich die wartenden Menschen mit Hacken darauf, um das, was noch zurückgeblieben war, in Eile zu ,stoppeln‘.“