Kaiserslautern
Wie die Landesgartenschau vor 20 Jahren Kaiserslautern verändert hat
Verdammt lang her, der 20. April 2000. Betreiben Sie mal ein bisschen Nostalgiekino.
Es war ein glücklicher Tag. Trotz größter Hektik sind wir auf den Punkt fertig geworden. Am Abend vor der Eröffnung lärmten noch die Baumaschinen auf dem Gelände. Dann kamen die vielen Menschen zur Eröffnungsveranstaltung, Deutsche, Amerikaner, der Ministerpräsident. Die Usafe-Band hat gespielt. Und dann sind wir alle zum ersten Mal über das Gelände gegangen und die Kinder haben die Spielplätze erobert.
Wie sah es damals an der Lauterstraße aus, bevor die blühende Landschaft kam?
Das ganze Areal war schwer heruntergekommen. Wir mussten unten im Park eine alte Tankstelle abreißen. In den alten Hallen der Kammgarnspinnerei und auf dem Gelände drumherum hatte sich seit dem Krieg nicht viel verändert. Da war viel Verfall. Mehr Ruinen als Gebäude.
Wie wichtig war die Freilegung der Lauter?
Das war eine großartige Idee und hat dem Park erst seine „Seele“ gegeben.
Sie sind mit dafür verantwortlich, dass der Kaiserberg heute ein Paradies ist.
Ja, der Kaiserberg hat eine wunderbare Lage. Im Rückblick hat er maßgeblich dazu beigetragen, dass die Landesgartenschau zu einem großen Erfolg wurde. Das war ein verwildertes Freizeitgelände, da war alles zugewachsen, als wir anfingen. Während der Landesgartenschau gab es dort sogar einen kleinen Bauernhof. Einmal musste ich am Abend mit dem heutigen OB Klaus Weichel ausgebüxte Hühner einfangen. Gut, dass das keiner fotografiert hat.
Wo ist heute ihr Lieblingsplatz auf dem Gelände?
Tatsächlich immer noch auf dem Kaiserberg. Da habe ich jeden Abend mitten auf der Wiese in der Dämmerung gesessen, meine Gedanken schweifen lassen. Ich habe übers Gelände geschaut und fand es einfach nur schön.
Ist das Ihre schönste Erinnerung?
Nein, das sind die Bilder mit vielen fröhlichen Menschen, die aus dem ganzen Land nach Kaiserslautern kamen. Am Ende waren es über eine Million Besucher. Die Stimmung war immer klasse, es waren tolle Tage, auch wenn das Wetter mal nicht so mitgespielt hat. Die Konzerte und Veranstaltungen mit dem SWR und der Rheinpfalz – wunderbar! Und ganz persönlich: die Taufe meiner Tochter Jana im Biblischen Garten auf dem Kaiserberg. Heute ist sie Studentin an der TU.
Gab es Probleme, Pannen?
Klar. Anfangs lief die Gastronomie nicht, wir hatten da gar keine Erfahrung. Und dann die Skateranlage. Wir waren kurz davor, sie wieder zu schließen. In der ersten Woche gab es täglich mehrere Arm- und Beinbrüche. Dann hat uns ein Sanitäter gesagt, das müsse sich einspielen, die Jungs müssten ihre Erfahrungen sammeln. Genauso war es. Nach einer Woche war Ruhe.
Was war die größte Herausforderung?
Wir hatten nur zwei Jahre Zeit, die Schau auf die Beine zu stellen. Ich bin im Sommer 1998 nach Kaiserslautern gekommen. Das war alles schon sehr knapp, die ganzen Gewerke zu koordinieren. Und dann noch die Werbung zu organisieren, das riesige Veranstaltungsprogramm auf die Beine zu stellen. Eine wichtige Attraktion war auch die FCK-Ausstellung in einer der Kammgarn-Hallen.
Daran erinnere ich mich gar nicht.
Doch. Dort wurde der Grundstock für das heutige FCK-Museum auf dem Betzenberg gelegt. Sogar der frühere Bundestrainer Jupp Derwall war da. Er hatte den DFB-Pokal mitgebracht. Aus Sicherheitsgründen musste ich ihn eine Nacht bei mir daheim in Alsenz aufbewahren.
Wie wichtig war die Landesgartenschau für die Stadtentwicklung?
Sie war zentral, hat den großen Anstoß gegeben, dass sich die Stadt nach vorne entwickelt. Mit ihr ist eine ganz andere Stimmung aufgekommen, dann kam der Autobahnausbau, die Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2006, es wurde endgültig klar, dass Kaiserslautern mehr zu bieten hat als nur Fußball.
Zuletzt haben Autoren wie Christian Baron und Arno Frank in Talkshows und Magazinen wieder heftig abgelästert über die Stadt. Ist das gerechtfertigt?
Überhaupt nicht. Kaiserslautern ist viel besser als das Bild, das auch von den Leuten hier vor Ort oft gezeichnet wird. Kaiserslautern ist eine sympathische Stadt, in der man sich noch kennt, die aber großstädtische Züge hat. Die Politik müsste diese Stärken besser verkaufen.
Sie waren die letzten Jahre als Vertreter des Wirtschaftsministeriums öfter da. Wie sehen Sie die Stadt heute?
Kaiserslautern ist in Sachen Forschung, Technologie und Innovation führend in Rheinland-Pfalz. Die Technische Universität gehört zu den Besten in ganz Deutschland, ist in vielen Bereichen weltweit an der Spitze. Daraus ließe sich mehr Kapital schlagen. Wobei mir als FCK-Fan angesichts der Zustände auf dem Betzenberg schon auch das Herz blutet. Der FCK ist und bleibt ja ein wichtiges Stück Kaiserslautern.
Was verbinden Sie ganz persönlich mit der Landesgartenschau? Sie sind ja Ende 2000 wieder in die Staatskanzlei berufen worden.
Es waren die schönsten Jahre meines Arbeitslebens. Wir konnten so viel gestalten, wir waren ein wunderbares Team mit Matthias Schmitt, der für die technischen Abläufe verantwortlich war, auch mit Thomas Zinßmeister, der damals Prokurist war – und all den anderen. Wir haben alle an einem Strang gezogen, wir haben oft sieben Tage lang gearbeitet, der Krankenstand war auf Null. Nie wieder habe ich bei der Arbeit eine solche Begeisterung erlebt.
Die Landesgartenschau ist ein Musterbeispiel für Konversion. Aktuell steht die Entwicklung des Pfaff-Geländes an. Können die Verantwortlichen von den Landesgartenschau-Machern lernen?
Die Entwicklung des Pfaff-Geländes ist meines Erachtens eine ganz gewaltige Managementaufgabe. Dafür braucht man eine ganz starke Organisation, die etwas voranbringen will und voranbringen darf. Die muss man arbeiten lassen, ohne ihr reinzufunken. Beim Aufbau der Landesgartenschau hat uns Oberbürgermeister Bernhard Deubig machen lassen. Auch wenn es in den Leitungen der städtischen Ämtern viele Bedenkenträger gab.
Wäre die Realisierung einer Landesgartenschau in knapp zwei Jahren heute so wiederholbar?
Es wäre deutlich schwieriger. Heute wollen ja alle möglichen Behörden mitreden und kontrollieren. Wir hatten mit Altlasten auf dem Gelände zu kämpfen, mit Kriegs- und Industrieschutt. Wir haben viele der alten Hallen der Kammgarnspinnerei für Ausstellungen genutzt. Das wäre allein schon aufgrund der Brandschutzauflagen so heute nicht mehr denkbar. Wobei wir für vieles auch gekämpft haben. Ich erinnere mich an die Diskussionen um den alten Westbahnhof. Der sollte abgerissen werden. Heute bin ich bei jedem Besuch dankbar, dass er noch steht und es dort Gastronomie gibt.
Sie waren von Anfang an dafür, dass etwas von der Landesgartenschau bleibt. Sind Sie zufrieden mit dem heutigen Gelände zwischen Kaiserberg und Neumühlepark?
Auf jeden Fall. Am Anfang war das ja ein schreckliches Hin und Her. Dann wurde mit der Übernahme der Gartenschau durch die Lebenshilfe eine richtig gute Lösung gefunden. Und dass die Hochschule jetzt aufs Kammgarn-Gelände gezogen ist, das sehe ich immer wieder mit großer Freude. Es war ein beispielhaftes Stück Stadtentwicklung.
Zur Person
Joe Weingarten (58) war Geschäftsführer der Landesgartenschau. Der promovierte Verwaltungswissenschaftler lebt in Alsenz. Er war Referent in der Staatskanzlei, bevor er 1998 zwischen Kaiserberg und Neumühlepark die Regie übernahm. Von 2010 bis 2019 war er Leiter der Abteilung Innovation, Technologie und Digitalisierung im Wirtschaftsministerium Rheinland-Pfalz. Im November 2019 rückte er für die SPD-Abgeordnete Andrea Nahles in den Deutschen Bundestag nach.