Wasserball
Wie dem ukrainischen Torwart Illia Dmytriiev der Sport geholfen hat anzukommen
„Wo ist Illia?“ Die Wasserballer des Kaiserslauterer SK haben sich im Eingangsbereich des Freizeitbades Monte Mare versammelt und immer wieder lugt einer nach draußen. Gleich ist Training und ihr Torwart fehlt noch. Da fährt der Bus aus Dansenberg vor und ein groß gewachsener Rotschopf steigt aus. Grinsend und fröhlich schüttelt er allen die Hand. Der 19-Jährige freut sich aufs Training, aufs Wasser und auf die Menschen, die für ihn wie eine Familie geworden sind.
Wie ein Fisch im Wasser
Wasser ist Illias Element. „Meine Mutter hat mir erzählt, dass ich schon als ich zwei Wochen alt war im Wasser gewesen bin und mich gefühlt habe wie ein Fisch im Wasser.“ Bis er zehn, elf Jahre alt war, war der gebürtige Ukrainer ein begeisterter Schwimmer, bis seine Mutter ihn fragte, ob Schwimmen nicht zu langweilig sei und ob er nicht mal eine andere Sportart ausprobieren wolle: Wasserball. Die Wasserratte probierte es aus, fand es „spannend, interessant und es machte großen Spaß“. Er hatte seinen neuen Lieblingssport gefunden und trainierte ab sofort Wasserball. Mit seiner Mannschaft in Kiew spielte er Turniere, wurde immer besser. Dann kam der Krieg. Seine Mutter flüchtete mit ihm und seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Kyrylo in den Westen des Landes, „weit weg von Kiew“. „Wir telefonierten dann mit Freunden, versuchten herauszufinden, ob jemand im Ausland ist. Und es waren ein paar Leute in Kaiserslautern – sie wohnen jetzt noch hier.“ Nach drei Tagen in Tschechien machte sich die Familie auf den Weg in die Pfalz.
Illia Dmytriiev war 16, gestrandet in einem fremden Land, und vermisste Wasserball genauso wie sein kleiner Bruder, der mit ihm zusammen in Kiew gespielt hatte. Der große Bruder begab sich auf die Suche und fand heraus, dass es in Kaiserslautern eine Wasserballmannschaft gibt. Er telefonierte mit dem Trainer, damals noch auf Englisch. Inzwischen sind drei Jahre vergangen, Illia spricht fließend Deutsch. „Ich habe das damals in der Schule in der Ukraine gelernt, habe aber nie Deutsch gesprochen, weil keiner da war, mit dem ich Deutsch sprechen konnte“, erklärt er, warum er sich anfangs schwertat.
Der talentierte Neue
Der Ukrainer ging ins Jugendtraining der Wasserballer des KSK, trainierte eineinhalb Jahre später bereits bei der Herrenmannschaft mit. Dirk Feddeck, damals sein Trainer, heute sein Mitspieler, erinnert sich noch gut an die Anfänge Illias und seines Bruders. Er erkannte schnell das Talent des Neuzugangs. „Er hatte einen guten Schuss“, erinnert er sich. Dass der Neue auch im Tor recht gut war, stellte sich bald heraus. Und irgendwann wollte Illia „nur noch ins Tor“. Weil er so begabt war, nahmen Dirk Feddeck und sein Bruder Jens den Schüler vor zwei Jahren das erste Mal mit nach Ludwigshafen zum WSV Vorwärts. Ein- bis zweimal pro Woche fährt er jetzt mit zum Training und spielt nicht nur für das Regionalligateam des Kaiserslauterer SK, sondern seit dieser Saison auch für den WSV Vorwärts in der Zweiten Liga.
Illia Dmytriiev ist in Kaiserslautern angekommen. Der 19-Jährige besucht das Heinrich-Heine-Gymnasium, ebenso wie sein 17-jähriger Bruder. Er will an der Eliteschule des Sports sein Abitur machen, studieren. Momentan ist er in der zwölften Klasse, hat Sport als Leistungskurs und ist glücklich.
Wasserball, der Sport, den er seit acht Jahren betreibt, hat ihm geholfen, hier Fuß zu fassen und sich wohlzufühlen. „Ich fühle mich hier so frei, wie ich mich in der Ukraine gefühlt habe. Die Leute sind nett, sind nicht so nervös. Die Jugendlichen sind alle entspannt, sind zufrieden mit ihrem Leben.“ Wasserball in Deutschland ist anders, hat er festgestellt. „In der Ukraine ist eine Mannschaft eine Mannschaft. In Deutschland ist das wie eine Familie. Wir trainieren nicht nur zusammen, wir verbringen Zeit zusammen. Wir kucken zum Beispiel zusammen Fußball, grillen, fahren zusammen wo hin.
Die Sonderrolle im Tor
Dass sein Hobby zeitintensiv ist mit drei- bis viermal Training pro Woche plus Spiele am Wochenende macht ihm nichts aus. Illia Dmytriiev liebt Sport und „Aktivitäten jeder Art“. Er spielt Volleyball, Fußball – da natürlich im Tor – schwimmt gern. Was ihn an der Rolle im Tor reizt: „Wenn du ein guter Tormann bist, bist du der Halt der Mannschaft. Von dir ist der ganze Spielablauf abhängig. Du bist die Abwehr, musst den Kasten sauberhalten wie – das ist ein ukrainisches Sprichwort – die Augenwimpern das Auge schützen.“ Damit er das schafft, will er so viel wie möglich trainieren, regelmäßig in der Zweiten Liga spielen. „Er hat das Talent, hat lange Arme, bringt seine Gegner im Eins-gegen-eins zur Verzweiflung, hat ein gutes Stellungsspiel. Er hat Potenzial für mehr, auch für die Erste Liga“, sagt Dirk Feddeck. Und auch Karsten Schöniger, der KSK-Trainer, traut ihm noch viel zu. „Er ist jung. Mit 30 wird man im Wasserball erst richtig gut.“
Illia freut sich auf die Zeit und ist froh, dass sein Bruder kein Torwart, „sondern ein guter Feldspieler“ ist. „Das wäre sonst zu viel Konkurrenz“, sagt er und grinst, bevor er sich wieder ins Wasser stürzt, in sein Element, die Badekappe aufzieht und sich die Bälle um die Ohren feuern lässt. Er ärgert sich lautstark über jeden Treffer, den er kassiert, auch wenn’s nur im Training im Monte Mare ist. Schließlich will er seinen Kasten sauber halten, wie die Wimper das Auge schützt.
Hier der Bericht zum aktuellen Ligaspiel, bei dem Illia Dmytriiev und sein Bruder Kyrylo auftrumpften.