Kaiserslautern Wer ist ich?
Paul Auster wird heute 70. Das schönste Geschenk hat er sich selbst gemacht. Uns. Ein Roman dick wie ein Backstein, 1264 Seiten. Vier Bildungsromane in einem. Sein größtes Werk. „4 3 2 1“. Das Buch über die Frage, wie der Mensch wird, was er ist. Durch Bestimmung? Schicksal? Umstände? Erzählt wird die Geschichte eines Künstlers als junger Mann. Und vier mal anders. Toll.
Am Anfang steht eine Familienlegende, ein Witz eigentlich. Wie Isaac Reznikoff, gebürtig in Minsk, ein russischer Jude, am 1. Januar 1900 in New York anlandet. Auf Ellis Island, als Passagier eines Schiffs, es heißt „Kaiserin von China“. Ein Mit-Immigrant hat ihm empfohlen, sich statt Reznikoff Rockefeller zu nennen, „damit kannst du nichts falsch machen“. Aber wie er vor dem Mann von der Einwanderungsbehörde steht, so erschöpft, erinnert er sich nicht mehr daran. „Ich hob fargessen“, stammelt er. Auf Jiddisch. So geht das los mit Ichabod Ferguson und seiner Familie in Amerika. Und ganz am Ende seines tolstoiesken Romans kommt Paul Auster darauf zurück. Er ist ein vielbestaunter Star. Besonders in Europa. Der Erfinder illusionistischer Detektivgeschichten und Bestsellerautor einer Art von romantischem Realismus. Unvermittelt driften seine Bücher ins Surreale. Ein Held der Postmoderne ist Auster. Seine Romane „Die Erfindung der Einsamkeit“, „Die New York Trilogie“, „Mond über Manhattan“ kennt die halbe Welt. Untergründig und beständig sind sie von seiner Biografie tangiert, von Verweisen auf das eigene Leben. Auch jetzt wieder, in dem Roman eines Countdowns, „4 3 2 1“, seinem Hauptwerk, der Summe seines Schreibens, dem Buch, mit dem er verewigt werden will, wie Auster dem „Guardian“ verriet. Also ist alles aufgerufen, was seine Romane auch sonst unterströmt. Die Kindheit und Jugend als jüdischer Junge aus Newark, New Jersey, die Flucht aus der Enge der Provinz in die heiligen Hallen der Bibliothek, den Sakralraum Baseball-Feld. Die Leidenschaft für die Frauen, das unsterblich Verliebtsein , das Dichten und die liberalen Ansichten. Die Aufbruchszeiten, die jungen Jahre in Paris. Der Sex und der Tod. Die traurige, schöne, dramatische, tragische Musik des Zufalls, die Austers Werke wie eine Partitur bestimmt. Fast unmöglich auch, diese große amerikanische Erzählung und Mentalitätsgeschichte der 1950er- und 1960er-Jahre nicht als Folie der Jetzt- und Endzeit zu lesen, in der Auster aus Widerstandsgeist gegen Trump Präsident des Schriftstellerverbandes P.E.N. werden will. Alles eingefangen, der Mord an Martin Luther King, der Vietnamkrieg, die Bürgerrechtsbewegung, der Rassenwahn, die Kubakrise, der Berliner Mauerbau, der Prager Frühling, die Filme von Stan Laurel und Oliver Hardy. Einmal müssen weiße Mittelstandsjungs nach einem Basketballspiel vor einem Mob aus Schwarzen fliehen. Beinahe erschöpfend wird von den Studentenunruhen 1968 an der Columbia Universität erzählt, an denen Auster als dort Studierender teilnahm. Die Mondlandung ist nur in einem Halbsatz erwähnt. Als aber Kennedy erschossen wird, heißt es: „Der Mann der Zukunft ist tot.“ Es ist der 1. Januar 1970, sieben Jahrzehnte später als zu Beginn, auf Seite 1250 des Romans, als Auster auf den Anfang zurückkehrt und Rezinkoffs Schwiegertochter Rose ihrem Sohn Archibald Ferguson davon erzählt, wie sein Minsker Opa damals aus Vergesslichkeit Ichabond Ferguson wurde. Für den jungen (23) New Yorker Schriftsteller, relegierter Princeton-Stipendiat, Typ engagierter Intellektueller, als Schreiber manischer Autodidakt, als Gelegenheits-Anstreicher unterwegs, ist die schöne Anekdote Offenbarung. Wie doch alles, nicht nur die Namen von Großvätern, sich einem undurchsichtigen Schicksals-Roulette verdankt, geht ihm auf. Wie alles auch hätte anders verlaufen können. Und noch mal anders. Und nochmal. Und so weiter. Wie zum Wirklichen auch das gehört, was nie passierte. Wie dünn das Eis ist, auf dem der Mensch sich schlitternd bewegt. Wie zerbrechlich das Ich. Wie wird man der, der man ist? Durch das Leben? Wie prägt es einen, ob man in einem Kaff aufwächst, oder in Manhattan? Ob der Vater erfolgreicher Geschäftsmann oder kleiner Krämer ist? Oder ist das Selbst bloßen Zufall? Das sind die großen philosophischen, soziologischen, romantischen Fragen, die ihn umtreiben. Ferguson nimmt sich vor, einen Roman zu schreiben. Den, den man gerade gelesen hat. Auf den letzten Seiten lässt Auster ihn gleichsam den Bauplan schildern, nach dem er, Ferguson, vorgehen wird, das heißt, seinen eigenen. „Er würde drei andere Versionen seiner selbst erfinden“, lautet der, „deren Geschichten zusammen mit seiner eigenen erzählen (mehr oder weniger seiner eigenen, denn auch er selbst würde zu einer fiktionalisierten Version seiner selbst werden) und ein Buch über vier identische Menschen mit demselben Namen schreiben: Ferguson“. Das Muster gleicht einer unendlichen Geschichte im Spiegelkabinett. „4 3 2 1“, vier Jungs namens Ferguson, „Archie“, die „identisch, aber verschieden“ sind, vier Bildungsromane in einem, vier Künstler als junger Mann, vier Mal Hybris und Selbstkasteiung, vier Mal ein Ostküsten-Leben – Herkunft, Kindheit, Jugend, Studium, Berufseinstieg –, das durch andere Umstände und Zufälle je anders verläuft. Zum Beispiel. Sein Onkel setzt auf das Baseballteam der Giants, eine Außenseiterwette. Und das hat Folgen für den Rest der Familie. Er gewinnt und für seinen Vater, der mit seinen Brüdern ein Geschäft betreibt, wird das schwierig. Der Onkel verliert und hat die Mafia am Hals – der Vater wird darin verwickelt und stirbt. Die Mutter, auf sich allein gestellt, schwingt sich zur erfolgreichen Kunstfotografin auf. In der Version, in der es der Vater schafft, seinen kriminellen Bruder rechtzeitig los und reich zu werden, aber mutiert sie zur mutlosen Alkoholikerin. Sie lässt sich scheiden. Sohn und Vater entfremden sich. Der Vater stirbt mit 54 und hinterlässt ihm einen Batzen Geld. Der Sohn kündigt an, nach Paris zu gehen. Ähnlich ist es übrigens auch Paul Auster ergangen. Am 3. März 1947 jedenfalls, genau einen Monat nach Auster, kommen die Archibald Isaac Fergusons auf die Welt. Ihre Geschichten springen etwas später an. Aber schon mit sechs stellt der eine sich vor, „wie für ihn alles anders sein könnte, auch wenn er selbst immer derselbe bliebe.“ Und so nehmen die Dinge ihren Lauf. Anfangs ist das beim Lesen schwierig und sehr verwirrend, wenn die Geschichte, als Vorwarnung nur ein neues, titelloses Kapitel, immer wieder zurückruckt und bei gleichem Personal alles anders ist. Hektisch beginnt das Zurückblättern. Die alternativen Fakten verschwimmen. Doch dann setzt der Sog ein, der einem über die lange Strecke trägt, immer sicherer orientiert jetzt, welche der vier gleichen, aber unterschiedlichen Daseinsformen sich gerade entfaltet. Auster konstruiert klug und schreibt mit bewundernswert jugendlicher Verve. In eingängig mäandernden Sätzen, kongenial übersetzt von einem ganzen Team, weil nur ein halbes Jahr Zeit war. Der Roman ist in den USA und Deutschland gleichzeitig diese Woche erschienen. Ferguson zwei stirbt darin schon auf Seite 275. Bleiben drei Fergusons, denen wir tausend weitere Seiten folgen. Ganz zum Schluss ist nur noch Ferguson vier am Leben, der, der den Roman der drei anderen geschrieben hat, eben. Und seinen. Und den von Auster natürlich mit. Das Prinzip dürfte jetzt klar sein. Ein Archie verliert bei einem Autounfall zwei Finger. Einer liebt Puffs, die Männer und die Frauen. Mit 20 hat er seinen ersten Roman verfasst, in London einen Verleger gefunden. Er stirbt dort alsbald. Auf Lesereise. Ein Opfer des Linksverkehrs. „Die Götter“, heißt es, „sahen von ihrem Berg hinunter und zuckten die Achseln.“ Was alle miteinander verbindet, Archie eins bis vier, die wilde wie die brave Version, sie himmeln auf ihre Art Amy Schneiderman an. Ein jüdisches Mädchen aus New York, das als Sehnsuchtsfigur ihre Lebensläufe anschiebt. Und sie sind hübsche Jungs, begabt, dem Baseball verfallen, hingebungsvoll sex-, vor allem bildungsbesessen. Immer findet sich jemand – im Zweifelsfall eine Version von Tante Mildred, oder ein als Musikkritiker oder Biograf tätiger Stiefvater –, der sie zur Geistesarbeit anstiftet und mit dem Weltliteraturkanon versorgt, mit Kleist-Biografien, Wittgenstein-Ideen und Adorno-Zitaten, der richtigen Musik. Neben Sportstars und Baseballspielzügen, kommen in „4 3 2 1“ viele Dutzende Filme vor, zwischendurch wird auch mal ein Eluard- oder Appolinaire-Gedicht übersetzt. Alle Archie Fergusons werden Schreiber, ob als Reporter, Romanautor, Nachdichter. Selbst der Ferguson, der im Ferienlager tödlich verunglückt – mit elf – ist da schon als Herausgeber einer Kinderzeitung hervorgetreten. Bei aller Kontingenz, die das Leben prägt, soll das wohl heißen, setzt sich ein Charakter durch und bleibt ein Kern, den die Umständen nur wie ein Kokon umschließen. Auster nennt ihn Seele. Sie steige „wie ein prachtvoller Schmetterling auf in die Luft“. Ein so schöner, romantischer, abgehobener Gedanke. Was für ein tolles dickes Buch. Sehr lang. Aber je mehr man darüber nachdenkt, groß auch. Und größer. Lesezeichen Paul Auster: „4 3 2 1“; Roman; Deutsch von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl; Rowohlt, Reinbek, 1264 Seiten, 29.95 Euro .