Kaiserslautern Wenn Tiere sprechen könnten

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Starke Frauen und traurige Männer, mystische Waldtiere und betörende Musik, dazu leise Gedanken zum Stellenwert Europas: Die ersten Wettbewerbsfilme der 67. Berlinale versprechen einen starken Jahrgang. Und gelacht werden darf sogar auch.

Können Veganer die Welt retten? In Josef Haders Regiedebüt „Wilde Maus“ zwar nicht, hier muss Schauspieler Denis Moschitto als Repräsentant der Sorgen des gesättigten bürgerlichen Mittelstandes einiges Gekicher zu seinen Ungunsten ertragen. Doch unser Umgang mit Tieren kann auch eine Metapher für größere Themen sein, beweisen die beiden bisher stärksten Anwärter auf den Goldenen Bären – die Beiträge aus Ungarn und Polen, gedreht von unabhängigen Regisseurinnen. „On Body And Soul“ von der Ungarin Ildikó Enyedi erzählt die ungewöhnliche Liebesgeschichte zweier Schlachthof-Mitarbeiter in gehobener Stellung, die nachts das Gleiche träumen: Sie sind Hirsche im Schnee, nähern sich zart an. Doch eine traurige Ballade von Laura Marling animiert die wohl an Asperger leidende verwunschene Heldin (Alexandra Borbély) beinahe zu einer Verzweiflungstat. Während Enyedi durch ungarische Dichtung inspiriert wurde, von inneren Schätzen erzählen möchte und nie explizit politisch wird, ist „Spoor“ (Wildspur) von Agnieszka Holland ein Kommentar zur Lage der polnischen Seele in einer Zeit, in der wieder auf alte Traditionen gepocht wird. Ihr Film spielt im idyllischen, abgeschiedenen Klodzko-Tal, auch als Glatzer Kessel bekannt, gelegen zwischen Böhmen und Schlesien, einst deutsch oder tschechisch, polnisch erst seit der Jalta-Konferenz 1945. Harte Männer leben hier, Jäger, Wilderer, korrupte Amtsträger, Zuhälter. Doch sie haben eine starke Gegnerin: Janina Duszejko (Agnieszka Mandat), die nur beim Nachnamen genannt werden will. Früher Ingenieurin, die Brücken in Syrien baute, nun Aushilfs-Englischlehrerin, Vegetarierin, Tierschützerin, Hundefreundin. Oft hat sie die Wilderer angezeigt, doch die Polizei lacht nur und der Pfarrer predigt, dass der Mensch sich die Erde Untertan machen solle. Dann erstickt ein besonders grausamer Nachbar an einem Wildknochen, und Duszejko fragt sich, ob sich die Tiere des Waldes rächen. Weitere Jäger sterben in diesem genresprengenden Öko-Thriller, der auf einem alten deutschen Märchen aus der Gegend beruht und mit betörenden Bildern und grandiosen Figuren bezaubert. Denn da ist noch ein Informatiker, der William Blake übersetzt, ein Insektenforscher, eine junge Maid in Sorge, und es gibt einige Leichen im Keller. Der Film entwickelt eine radikale Aufbruchsstimmung und wird begleitet von poetischen Botschaften, die sich auch als Aufruf lesen lassen, nicht einfach hinzunehmen, was die Obrigkeit verordnet. Die Aufgabe von Kunst sei, Fragen zu stellen und Grenzen zu erweitern, sagt Drehbuchautorin Olga Tokarczuk, auf deren Roman „Der Gesang der Fledermäuse“ der Film beruht. Die Tiere stehen für „die Schwächsten, die keine Stimmen haben, wir sprechen für sie.“ Und Holland ergänzt beim Pressegespräch: „Der Film über diesen vergessenen Zipfel Polens, der mit seiner Historie eine Quintessenz Mitteleuropas ist, ist auch eine Metapher für den Sinn fürs Europäische.“ Schön, dass „Spoor“ eine Gemeinschaftsproduktion Polens, Deutschlands, Tschechiens, Schwedens und der Slowakei ist. In Josef Haders „Wilde Maus“ geht es ebenfalls im Hintergrund um die Sorge um Europa. Allerdings beschreibt der Österreicher mehr die Hilflosigkeit im Umgang mit der Nachrichtenflut aus dem Bürgerkrieg in Syrien: Diese lässt auch das Wiener Mittelstandspaar, das er porträtiert, abstumpfen. Seine Hauptfigur Georg (Hader selbst) ist Musikkritiker, verliert jedoch seine Redakteursstelle – der neue deutsche Chefredakteur (Jörg Hartmann) erklärt ihm, er sei einfach zu teuer. Sein Ersatz: eine jüngere Journalistin, die zwar noch keine Opernkritik schrieb, aber die Bruckner-Anteile in „Seven Nation Army“ erkennt. Mit der Arbeit verliert der Mittfünfziger jeglichen Halt. Er sinniert auf Rache. Und verschweigt die Krise gegenüber seiner Frau (Haders Lebensgefährtin Pia Hierzegger), einer Psychologin, die sich mit 43 ein Kind wünscht und mit Jüngeren flirtet. „Wilde Maus“ ist eine vergnügliche, bisweilen dunkle Komödie. Allerdings ist sie nie so bitterböse oder schwarz wie es Wolfgang Murnberger Brenner-Krimis mit Hader sind: Der Neu-Regisseur ist ein sanfter Satiriker und seinen Figuren wohlgesonnen. Für einen Bären aber dürfte das nicht reichen.

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