Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Weltkrieg, Ukraine-Konflikt: Lauterns Umgang mit Flüchtlingswellen

Im Februar 1959 wurden in den Sälen der Kottenschule Flüchtlingsunterkünfte eingerichtet.
Im Februar 1959 wurden in den Sälen der Kottenschule Flüchtlingsunterkünfte eingerichtet.

Flüchtlingsbewegungen prägen Kaiserslautern seit Jahrhunderten. Historische Einblicke zeigen, wie Integration und Herausforderungen zusammenhängen.

Die Stadt Kaiserslautern hat im Laufe ihrer Geschichte immer wieder mit Flüchtlingsbewegungen umgehen müssen. Bereits 1853, zu Beginn der Industriegeschichte, wurden Menschen als „Stadtflüchtlinge“ bezeichnet. Weitere Flüchtlingswellen folgten in den 1940er- und 1950er-Jahren, um die Jahrtausendwende und zuletzt durch den Krieg in der Ukraine.

Dieser hat eine starke Zuwanderung nach Kaiserslautern ausgelöst, teilt die Stadt mit. Innerhalb kurzer Zeit seien 1800 Geflüchtete aus der Ukraine nach Kaiserslautern gekommen. Aufgrund der überschrittenen Aufnahmequote des Landes Rheinland-Pfalz wurden viele Flüchtlinge in andere Gemeinden weitervermittelt, wodurch die Anzahl der Ukraine-Flüchtlinge in Kaiserslautern stabil blieb.

Ein Höhepunkt der Flüchtlingszuwanderung wurde 2015 mit knapp 900 Personen erreicht. Diese kamen zum Großteil aus Syrien, Afghanistan, Iran und Eritrea. In den Jahren nach 2015 sank die Anzahl der Flüchtlinge. Höhere Zuwanderungen gab es wieder in den Jahren 2021 (200 Geflüchtete) und 2023 (500 Geflüchtete). Aktuell sind etwa 980 Asylsuchende und Flüchtlinge in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht – beispielsweise in der Alten Hauptpost in der Logenstraße sowie in Blocks im Asternweg.

Die Lauterer „Krim“

Der Begriff „Stadtflüchtlinge“ tauchte erstmals in der Industriegeschichte Kaiserslauterns auf. Mitte des 19. Jahrhunderts kamen Menschen aus ihren Dörfern in Not nach Kaiserslautern, um Arbeit zu finden. Da sie nicht sofort eine Wohnung fanden, errichteten sie Nissenhütten im Umfeld der Mannheimer Straße. Der Bereich wurde spöttisch „Krim“ genannt, da die Ansiedlungen an die Schlachtfelder des russisch-türkischen Krimkrieges von 1853 bis 1856 erinnerten.

 Die Kottenschule wurde 1959 überwiegend als Flüchtingsunterkunft genutzt. Es gab keinen Unterricht.
Die Kottenschule wurde 1959 überwiegend als Flüchtingsunterkunft genutzt. Es gab keinen Unterricht.

Anfang der 1940er-Jahre erreichte eine Vielzahl von Menschen Kaiserslautern, die offiziell als „Flüchtlinge“ bezeichnet wurden. Ab 1941 kamen hunderte Frauen, Kinder und ältere Leute bei Verwandten unter. Zwei Jahre später, 1943, war die Stadt „voller Flüchtlinge“, heißt es in der Stadtliteratur. Es gab keine Probleme, eine Bleibe für die Menschen zu finden, da sie meist bei Verwandten oder Bekannten einzogen. Schwieriger gestaltete sich die Nahrungsmittelversorgung. Essen wurde immer wieder zur Mangelware.

Doch warum kamen die Menschen nach Kaiserslautern? „Die Stadt im Wald“ sei gewiss kein lohnendes Ziel für intensive Bombardierung, schienen sie sich eingeredet zu haben, wird später erzählt. Doch die Geschichte belehrte sie eines Besseren. Bei den Großangriffen am 14. August und am 28. September 1944 wurde Alt-Lautern zerstört.

Eine Quote für „Trümmer-Lautern“

Nach dem Zweiten Weltkrieg ergab sich ein Flüchtlingsproblem von bisher unbekanntem Ausmaß. Etwa 62 Prozent aller Gebäude in der Stadt waren zerstört. Die Einwohnerzahl wuchs von 62.700 Personen im Jahr 1950 auf 73.900 Menschen im Jahr 1953. Evakuierte Familien, die ab Ende September 1944 zum Teil in Dörfern am Bodensee untergebracht waren, kamen zurück und standen vor ihren zerstörten Häusern. Soldaten kehrten aus der Gefangenschaft zurück, und der „Goldene Westen“ zog Tausende in die Stadt, da die Amerikaner ab 1951 zum größten Arbeitgeber geworden waren.

 Das Stadthaus Ost war einst erste Anlaufstelle für Flüchtlinge, Vertriebene und Ausgewiesene.
Das Stadthaus Ost war einst erste Anlaufstelle für Flüchtlinge, Vertriebene und Ausgewiesene.

Die meisten Flüchtlinge kamen Anfang der 1950er-Jahre über die offene Berliner Grenze. Im Juni 1950 wurden dem Land Rheinland-Pfalz vom Bund rund 36.500 Ostzonen-Flüchtlinge und Heimatvertriebene zugewiesen, die auf Städte und Landkreise verteilt werden mussten. Die Quote für „Trümmer-Lautern“ betrug 1300 Personen. So viele Menschen mussten versorgt und untergebracht werden.

Finanzhilfe und Arbeitsvermittlung

Nach dem Volksaufstand in der DDR 1953 und dem Ungarn-Aufstand 1956 erreichte die Fluchtwelle weitere Höhepunkte. Vorwiegend ledige Männer aus Estland, Lettland und Litauen kamen in die Barbarossastadt. Nach ihren Gründen für die Flucht gefragt, gaben viele an: Wir haben gehört, dass es „beim Ami“ Arbeit gibt. Viele von ihnen waren vom deutschen Militär zwangsrekrutiert worden und befürchteten, von den Russen verhaftet zu werden. Bei den Amerikanern fanden sie Arbeit in den LSC-Kompanien.

Die „Flüchtlingsfürsorge“ beim Sozialamt im Stadthaus Ost in der Bismarckstraße war die erste Anlaufstelle für alle Flüchtlinge, Vertriebenen und Ausgewiesenen. Jede Person oder Familie erhielt eine Akte. Eine maßvolle, bescheidene Korrespondenz mit Polen und der DDR war damals möglich, allerdings dauerte es oft mehrere Monate, bis eine Antwort mit detaillierten Angaben zu den Vertriebenen Kaiserslautern erreichte. Die Geflüchteten erhielten erste finanzielle Unterstützung, und die Wohnungs- und Arbeitsvermittlung wurde – soweit möglich – organisiert.

Enkel und Urenkel heute eingesessene Lautrer

Die Forderungen nach Neubauten für Flüchtlinge wurden 1951/1952 immer lauter. Protestversammlungen wurden abgehalten. Der Wohnungsbau begann 1951 in bescheidenem Umfang und kam 1953 mit der Änderung des Wohnungsbaugesetzes in Schwung. Der Bund finanzierte den Flüchtlingswohnungsbau. Die Stadt hatte bereits 1950 mit der Erschließung des Alten Friedhofs begonnen, um Wohnungen für Flüchtlinge zu errichten. Auch in der Haagstraße, Bleichstraße, auf dem Bännjerrück und im Hilgardring wurden Wohnungen gebaut. Es entstand allerdings eine Missstimmung der „ausgebombten alten Lauterer“ gegenüber den Flüchtlingen in ihren Neubauten. Der öffentliche Wohnungsbau für Einheimische kam erst 1960 auf dem Seß in Gang.

Flüchtlinge, Vertriebene und Aussiedler begannen um 1954 mit Heimatabenden in der Maxschule. Die Lauterer waren eingeladen und hörten den Flüchtlingen zu. Die Integration begann. Vertriebene, Heimatlose und Ausgewiesene engagierten sich und wurden heimisch. Die Enkel und Urenkel derer, die damals kamen und blieben, sind heute längst alte Lauterer – und die Akten sind geschreddert.

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