Kaiserslautern Weicheier vor Ostern
In seiner Paraderolle als „Ausbilder Schmidt“ gastierte am Donnerstag im gut besuchten Ramsteiner Haus des Bürgers der Comedian Holger Müller. Der schlagfertige, rhetorisch gewandte, 1969 in Idar-Oberstein geborene Komiker gibt als Schleifer vom „Bund“ mit erhabener Stimme und ebensolchem Zeigefinger eine publikumswirksame Figur ab.
Drahtig, zackig, kantig und schroff: So verkörpert Müller den preußischen Militärdrill, den er mit Freiwilligen aus dem Publikum sogar vorexerziert. Vom morgendlichen Appell bis zur täglichen Zeremonie – bei Schmidt herrschen noch „Zucht und Ordnung“. Er erwartet und fordert alte Tugenden, die er heute vermisst, womit sein unterhaltsames Programm eine sozial- und gesellschaftskritische Note bekommt, da oft von „Luschen“ die Rede ist. Insofern ist das Solo-Programm nicht nur von hohem Unterhaltungs- und Wiederkennungswert, es spricht auch viele gesellschaftliche Tabus in unverblümter, beim Militär denkbarer Offenheit an: etwa die Angst vor einer rassistischen Sprache, die in bestimmten kritischen Strömungen ständig hinterfragt und auf verdächtige Diskriminierungen untersucht wird. „Irgendwann wird Billard verboten“, befürchtet Müller alias Schmidt – weil weiße farbige (Kugeln) einlochen. Die seiner Meinung nach verweichlichende Erziehung karikiert er ab dem Kindergartenalter: Mit ausgelegten Gummimatten im Außengelände vor Rutsche und Schaukel und erstere mit flachem Winkel, damit die übergewichtigen Gören keine rasante Fahrt aufnähmen und sich nicht verletzten. Und auch die Erzieherinnen kriegen ihr Fett ab: Waren es früher Gouvernanten wie Fräulein Rottenmeier (im Kinderbuchklassiker „Heidi“), hießen sie heute Mia oder Pia. „Was soll dabei herauskommen?“, fragt sich der aufgebrachte Schleifer. Fortgesetzt von Helikopter-Müttern, die in einer Angststörung ihre Kinder bis ins Klassenzimmer führen. Weicheier also vor Ostern? Hier erweist sich der Allrounder als Beobachter gesellschaftlicher Zusammenhänge und Widersprüche und deckt sie schonungslos auf. Allerdings ergeben sich seine Themen nicht immer konsequent und stringent, sondern viele Episoden und Sketche werden ohne verbindenden roten Faden aneinandergereiht. Da wirken seine Ausführungen sprunghaft, fehlt die Systematik. Und einiges wirkt wie an den sprichwörtlichen Haaren herbeigezogen, wenn er etwa fordert: „Kehr’ den Drecksack in dir heraus. Hau ruhig mal dem Zeitungsträger eine rein.“ Wer nämlich austeile, müsse auch einstecken können. Punkten kann er dagegen mit seinen erstaunlichen parodistischen Fähigkeiten, die er als Imitator des früheren Managers von Bayer Leverkusen, Reiner Calmund, wiederholt unter Beweis stellt. Oder er erheitert im sächsischen Dialekt, den er mit grimassierenden Effekten nachahmt. Und schließlich überzeugt er die letzten Skeptiker bei seiner Schlagerrevue, wenn er zu Bandeinspielungen tänzerisch, gestisch und mimisch in die Rolle von Stars und Sternchen schlüpft und dabei groteske Wirkungen erzielt. Im zweiten Teil mischt er sich auch mal unters Publikum, kokettiert, taxiert und provoziert seine Besucher und setzt sie auch mal Häme und Spott aus.