Kaiserslautern
Waschbären breiten sich langsam in Stadt und Landkreis aus
Besonderes Glück hatte unlängst ein pensionierter Forstmann, dem im Stadtwald gleich drei dieser putzigen Gesellen am helllichten Tag über den Weg liefen. Das am Stammtisch im Schützenhaus stolz präsentierte Handyfoto löste eine Diskussion aus. Die machte deutlich: Der Waschbär ist längst sowohl im Stadtgebiet – hier wurde der Bännjerrück genannt – als auch im Landkreis angekommen. Wegen seiner überwiegend nachtaktiven Lebensweise sei er aber recht selten zu sehen.
Die Waschbären gehören in Europa zu den Neozoen. Das sind Tierarten, die vor der Entdeckung Amerikas nicht hier lebten. Ursprünglich waren die Waschbären in Nordamerika beheimatet. Wenn sie in ihrer neuen Heimat als Gefährdung der biologischen Vielfalt empfunden werden, rechnet man sie auch den invasiven Arten zu. Offiziell wurden sie 1934 in Deutschland erstmalig am Edersee in Nordhessen ausgesetzt. Später kamen weitere Ansiedlungen im Harz, in Brandenburg und in Sachsen sowie Ausbrüche aus Gehegen und Pelztierfarmen hinzu. Die vor 1990 auf niedrigem Niveau relativ konstanten Jagdstrecken stiegen seither deutlich an, was auf eine Zunahme der Bestände bei gleichzeitiger Besiedlung neuer Gebiete schließen lässt.
Waschbären plündern Nester von Bodenbrütern
Im Vergleich zu Hessen mit dem „Hotspot“ Kassel sowie zu Niedersachsen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt ist der Waschbär in Rheinland-Pfalz bislang in der Fläche noch nicht massenhaft aufgetreten. Jedoch ist hier ein Nord-Süd-Gefälle festzustellen, wobei der Eifelkreis Bitburg-Prüm mit 389 erlegten Waschbären im Jagdjahr 2019/20 die Statistik anführt, gefolgt vom Westerwaldkreis mit 210 Tieren. In allen anderen Kreisen lagen im selben Jagdjahr die gemeldeten Strecken im ein- oder zweistelligen Bereich. Laut Auskunft der oberen Jagdbehörde wurden im Jagdjahr 2022/23 in den Wildnachweisungen für die Stadt Kaiserslautern sieben und für den Landkreis drei Waschbären registriert. Kein Zweifel also: Die kleinen „Kobolde“ sind in der Region angekommen, wenn auch noch in geringer Anzahl.
Kreisjagdmeister Hubertus Gramowski sieht im Hinblick auf Waschbären derzeit keinen Handlungsbedarf. Sie könnten aber dann zum Problem werden, wenn sie erst einmal gehäuft auftreten. Das Beispiel Kassel mahne zur Wachsamkeit. Als Nesträuber würden sie Gelege und Jungtiere von Bodenbrütern holen – weil sie gute Kletterer sind, auch die von Baumbrütern. Da die Waschbären – vielleicht mit Ausnahme von Wolf und Luchs – hier keine natürlichen Feinde hätten, könnten sie sich ungehindert vermehren, soweit sie nicht dem Straßenverkehr oder Krankheiten zum Opfer fallen. Wie von Julian Sandrini vom Trippstadter Koordinationszentrum Luchs und Wolf (Kluwo) zu erfahren war, lagen ihm bislang aber weder Nachweise noch anderweitige Kenntnisse über luchsbedingte Waschbärrisse vor.
„Wäre besser, wenn er nicht da wäre“
Alfred Klein von der Nabu-Gruppe Weilerbach bekennt, selbst zwar noch keinen Waschbär gesehen zu haben, allerdings sei ihm des Öfteren von Sichtungen im nördlichen und westlichen Landkreis berichtet worden. Kleins Ansicht nach „müssen wir uns darauf einstellen, dass der Waschbär da ist, aber für die heimische Fauna wäre es besser, wenn er nicht da wäre“. Er könne sich durchaus vorstellen, dass der kleine Räuber in der westpfälzischen Bruchlandschaft den Bruterfolg einer Reihe seltener Bodenbrüter gefährde, und das nicht nur durch Nestplünderungen, sondern vor allem als Störer.
Sowohl Kreisjagdmeister Gramowski als auch der promovierte Biologe und Verhaltensforscher Ulf Hohmann von der Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft in Trippstadt halten es für denkbar, dass die bisher hier gesichteten oder zu Tode gekommenen Waschbären nicht Abkömmlinge der sich von Norden her ausbreitenden Populationen sind. Möglicherweise handele es sich dabei um zuvor als Haustiere gehaltene Exemplare, die ausgebüxt sind oder ausgesetzt wurden. Im Raum Trippstadt habe es in früheren Jahren zudem einen Waschbär-Züchter gegeben. Auf dem Dachboden eines Schuppens wurde dort 2011 eine Waschbärin mit vier Welpen entdeckt.
Mülleimer-Abfälle auf dem Speiseplan des Waschbären
Auch Hohmann – Mitautor eines Buches über Waschbären – sieht da, wo Waschbären nur vereinzelt auftreten, noch kein Problem. Er erwartet jedoch, dass sie sich auch in der Pfalz weiter ausbreiten werden – da sie hier geeignete Biotope vorfänden. Offensichtlich würden es die sehr anpassungsfähigen Allesfresser schaffen, sich zwischen den vorhandenen Beutegreifern „einzunischen“. Die Gefahren, die von ihnen ausgingen, hält er für überschaubar, auch wenn er sich Sorgen im Hinblick auf Brutkolonien bestimmter Vögel macht. Er nennt dabei als Beispiel den baumbrütenden Mauersegler. Nach Ansicht von Hohmann – selbst Jäger – könnte eine intensive Bejagung die Verbreitung des Waschbären höchstens verlangsamen, in Randgebieten im günstigsten Fall hinauszögern.
Wie die Stadt Kaiserslautern auf Anfrage mitteilt, finde der Waschbär in Gebieten, „wo Siedlung auf Wald trifft“, ideale Lebensbedingungen. „Der Wald bietet ihm Unterschlupf und Schutz, in der Dämmerung und nachts geht er dann in den Siedlungen auf Nahrungssuche, wo er an Abfalltonnen und so weiter fündig wird. Von Seiten der Stadt und ihren Bürgerinnen und Bürgern kann insofern etwas getan werden, dass Abfallbehältnisse sachgemäß geschlossen gehalten werden beziehungsweise Behältnisse bereit gestellt werden, die das Eindringen der Tiere verhindern. Außerdem ist es wichtig, Müll mit Essensresten nicht außerhalb von geschlossenen Behältnissen abzustellen oder die Waschbären gezielt zu füttern.“ Des Weiteren könne „der Forst seine Jagdpächter noch einmal sensibilisieren, den Waschbär gezielt zu bejagen, was aber verständlicherweise nur im Wald möglich“ sei.
Im Übrigen nehme die Untere Naturschutzbehörde der Stadt Kaiserslautern als Ansprechpartnerin und Beobachterin für Neozoen gerne entsprechende Meldungen zur Weiterleitung an die Struktur- und Genehmigungsdirektion Süd entgegen.
