Kaiserslautern
Walter Elf-Sänger und Spermbirds-Drummer Beppo Götte über Punk im Museum
Eine Ausstellung im Stadtmuseum über die Spermbirds und die Walter Elf: Ist das noch Punkrock?
Es ist eher als ein Teil der Stadtgeschichte zu sehen. Die Geschichte einer Stadt ist ja auch immer ein Teil Kulturgeschichte. Und da gehört Punkrock mit Sicherheit dazu, wie die Spermbirds und die Walter Elf da zur Musikszene in Kaiserslautern gehören. Punkrock ist eine Stilrichtung der Musik, wie es auch viele andere gibt.
Wie kam es überhaupt zu der Ausstellung?
Bernd Klesmann vom Lauterer Stadtmuseum hatte schon vor mehr als einem Jahr angefragt, ob sein Haus mal eine Walter-Elf-Ausstellung machen könnte. Damals hatten wir allerdings schon Pläne für eine eigene Spermbirds-Ausstellung in der Kammgarn anlässlich unseres 40-Jahre-Jubiläumskonzerts (Anmerkung der Redaktion: Es fand am 30. April 2023 statt). Diese Planungen hatten wir dann aber irgendwann abgebrochen, es war einfach zu viel Arbeit für den Spermbirds-Gitarristen Roger Ingenthron und mich alleine. Als dann Bernd Klesmann später noch mal nachhakte, haben wir sein Angebot gerne angenommen und eine Ausstellung über Walter Elf und Spermbirds daraus gemacht. Viele Ausstellungsstücke hatten wir ja schon zusammengetragen und sortiert, es war ein Anfang gemacht. Und mit solchen Museumsprofis im Rücken war der Aufwand für uns dann auch vorstellbar.
Was erwartet die Besucher der Ausstellung?
Die Geschichte der beiden Bands wird in Bild und Ton und durch Exponate nacherzählt. Es gibt Fotos und Filme, aber auch Musik zu hören. Es kann ja sein, dass Besucher der Ausstellung noch nie ein Lied von uns gehört haben. Außerdem gibt es eine Auswahl unserer Band-Shirts zu sehen, dazu noch Konzertplakate. Da sind richtige Kunstwerke dabei. Außerdem stellen wir Auszüge unserer Fan-Post aus.
Wie kann ich mir das vorstellen?
Nun, im Zeitalter vor Smartphones und E-Mails haben uns richtige Briefe von Fans aus der ganzen Welt erreicht. Da sind ganz berührende Geschichten dabei, etwa von jungen Leuten aus dem damaligen Jugoslawien, die unmittelbar davor standen, in den Krieg ziehen zu müssen.
So oder so war das am Anfang der Bandgeschichten der Spermbirds und Walter Elf, 1983, schwer denkbar, dass es mal eine Ausstellung geben würde, oder?
Es war so vieles nur schwer denkbar damals. Angefangen beim Kultstatus, den die Walter Elf in Kaiserslautern und der Region erlangen sollte. Oder dass wir mit den Spermbirds einmal so viel Erfolg haben sollten, Konzerte weltweit spielen, Platten verkaufen – und so lange zusammen spielen.
Die aktuelle Spermbirds-Platte „Go To Hell Then Turn Left“ war aus meiner Sicht sehr erfolgreich, die Konzerte dazu, nicht nur in Kaiserslautern, waren gut besucht.
Wir verkaufen tatsächlich weniger Platten als früher, was aber an den veränderten Hörgewohnheiten liegt, an den Streamingdiensten etwa. Insgesamt ist das bei uns, bei den Spermbirds, langsam gewachsen, wir sind da nicht von Null auf 100 gestartet. Am Anfang wollte uns in Kaiserslautern keiner hören. Wir sind dann ins Umland ausgewichen, haben in Homburg, in Kusel oder in Enkenbach-Alsenborn gespielt.
Stimmt! An die Konzerte in Homburg kann ich mich erinnern.
Das Autonome Jugendzentrum in Homburg hat für die Punk-Szene zwischen Saarbrücken und Kaiserslautern damals eine enorme Bedeutung gehabt. Da gab es viele Freiräume, Konzerte zu veranstalten, auch mit Bands aus England oder Skandinavien zum Beispiel. Die deutsche Juz-Szene war schon etwas Besonderes. Die US-Bands, die kamen, kannten das gar nicht und waren immer total begeistert, dass es da auch was zu essen gab und kostenlose Übernachtungen und ein paar Freigetränke, wenn die da gespielt haben.
40 Jahre nach der Gründung spielt ihr immer noch. Was bedeuten heute die Konzerte?
Es ist für mich persönlich eine schöne Abwechslung vom beruflichen und familiären Alltag. Nicht falsch verstehen: Meinen Alltag und meine Familie liebe ich sehr. Aber bei den Konzerten, insbesondere in Kaiserslautern, wo wir im Frühjahr erst mit den Spermbirds ein Jubiläumskonzert in der ausverkauften Kammgarn gespielt haben, ist das immer ein schönes Wiedersehen mit alten Freunden – einfach ein schönes Erlebnis. Manchmal muss ich mich vor Konzerten backstage ein bisschen verstecken, weil ich ansonsten so viel erzähle und eigentlich ja die Stimme vorm Konzert schonen sollte (lacht).
Und außerhalb von Kaiserslautern? Da spielt ihr ja auch nicht vor leeren Rängen?
Mit der Walter Elf spielen wir in Kaiserslautern schon vor 1000 Leuten, außerhalb waren es dann manchmal auch nur 100. Wenn wir mit den Spermbirds in Hamburg beispielsweise spielen und dort eine Halle ausverkaufen, dann bin ich schon sehr dankbar, dass wir vor so vielen Leuten spielen dürfen – und uns so viele Leute überhaupt sehen und hören wollen.
In den 1990er Jahren habt ihr auf dem Bizarre-Festival in Köln gar vor Zehntausenden Leuten gespielt.
Das waren tolle Erlebnisse. Wir hatten eine größere Plattenfirma im Rücken, durften Videoclips zu den Songs drehen, größere Promotion-Aktionen machen, etwa haben wir in größeren Städten Kloschüsseln mit CDs in Plattenläden stellen dürfen – eine Anspielung auf das Cover der damaligen Spermbirds-Platte „Shit for Sale“. Wir waren mit Nightlinern auf Tour, großen Bussen mit Schlafkojen, in denen wir auf der Fahrt zum nächsten Auftritt schlafen konnten. Vorher haben wir nach den Auftritten meist irgendwo auf Matratzen oder auf dem Boden geschlafen. Drei Wochen waren wir damals sogar mal in den LP-Charts. Das war eine neue Stufe, die wir erreichten. Ich möchte die Zeit nicht missen.
Apropos Stufe: Was ist die nächste Stufe für die Spermbirds? Was ist da zu erwarten?
Im Moment gönnen wir uns eine kleine Auszeit, wollen aber in absehbarer Zeit wieder eine neue Platte machen. Material ist da. Ich bin jetzt 60 Jahre alt, die anderen Bandmitglieder sind etwa im gleichen Alter. Da machen wir keine großartig langfristigen Pläne mehr.
Letzte Frage, bei einem Walter-Elf-Mitglied quasi Pflicht: Was macht denn der FCK so diese Saison …?
… vor allem mir viel Spaß! Die vergangene Saison in der Zweiten Liga hat mir schon gut gefallen. Das liegt auch daran, dass die Mannschaft wieder einen festen Kern hat. In der Vergangenheit war da oftmals zu viel Fluktuation drin. Jetzt ist das Team schon länger, zumindest in Teilen, beisammen. So können sich auch die Fans besser mit der Mannschaft identifizieren.
Die Ausstellung
Die Ausstellung „No Punks in K-Town – Walter Elf und Spermbirds: Punk in Kaiserslautern“ ist vom 21. Oktober bis zum 14. Januar im Stadtmuseum Kaiserslautern zu sehen. Der Eröffnungsabend mit den Bandmitgliedern, Lesungen, Musik (angekündigt ist eine Acoustic-Version des Songs „Kaiserslautern“) und einem Special Guest am 20. Oktober ist bereits ausverkauft.
Die Bands
1983 gegründet, sind die Spermbirds und die Walter Elf aus der Musikszene Kaiserslauterns nicht wegzudenken. Die Spermbirds mit ihrem aus den USA stammenden Sänger Lee Hollis – er war als US-Soldat in Kaiserslautern stationiert – spielten eher schnellen Hardcore-Punk, beeinflusst von Bands aus den Vereinigten Staaten, darunter Black Flag. Die Stücke sind kurz und heftig – und gesellschaftskritisch, vor allem gegenüber den Entwicklungen in Hollis’ Heimat USA. Das erfolgreiche frühe Album „Something To Prove“ (1986) enthielt Songs wie das ironisch gemeinte „Americans Are Cool“, „My God Rides A Skateboard“ und „No Punks In K’Town“ – nun Titel der Ausstellung. Die Walter Elf war musikalisch etwas ruhiger, zelebrierte zunächst eine Art Funpunk mit deutschen Texten („15 Bier“, „Peter ist ein Arschloch“) und baute mit den von den Sängern Alex Hoffmann und Beppo Götte gespielten Trompeten ungewohnte Töne ein, die Richtung Ska wiesen. Erfolgreich waren besonders die frühen Alben „Heut oder nie“ (1986) – mit der „Diese Stadt“ benannten Abschiedshymne an Kaiserslautern – sowie „Die Angst des Torwarts beim Elfmeter“ (1988) mit dem politischen Song „Ramstein Fluchtag“. Die Walter Elf löste sich 1991 nach einem Abschiedskonzert auf, das im Anschluss auch veröffentlicht wurde. Seit den Nuller Jahren spielte die Band immer wieder (ausverkaufte) Konzerte in Kaiserslautern, auch als Doppelkonzert mit den Spermbirds. 2010 veröffentliche die Band noch mal ein Album, „Männer in Rot“. Den Kaiserslauterer Kammgarn-Auftritt Ende 2016 bezeichnete die Band damals als endgültig letztes Walter-Elf-Konzert. Weitere Haupt-Bandmitglieder neben den Sängern sind/waren Jürgen Schattner, Frank Rahm, Joachim König sowie Roger Ingenthron und Markus Weilemann, letztere beiden fokussierten sich dann auf die Spermbirds. Die Spermbirds ihrerseits lösten sich Mitte der 1990er Jahre auf – auch von ihrem Abschiedskonzert 1995 gibt es einen Mitschnitt auf Youtube–, fanden aber 1999 wieder zusammen. Seither veröffentlicht der Fünfer regelmäßig Alben und spielt auch Konzerte.
Zur Person
Matthias Götte, Jahrgang 1963, ist Schlagzeuger der Spermbirds und Sänger (und Trompeter) der Walter Elf. Er lebt mit seiner Familie in Köln, wo er auch geboren ist, und arbeitet als Nachrichtenredakteur beim Deutschlandfunk. Kaiserslautern ist „seine gefühlte Heimat“, wie er sagt, dort ist er aufgewachsen, dort prägte er mit seinen Bands auch die Musikszene Anfang der 1980er Jahre mit. Matthias nennt ihn fast niemand, sein Spitzname ist Beppo. Seine Eltern wohnen in Rodenbach, Mutter Rose Götte war in den 1990ern Kulturministerin von Rheinland-Pfalz.