Kaiserslautern
Vor 50 Jahren gestorben: Eugen Hertel prägte die Kaiserslauterer Politik mit
Die sozialdemokratische Zeitung „Die Freiheit“ bezeichnete Eugen Hertel am 30. Januar 1953 anlässlich seines 60. Geburtstages als einen „Politiker aus Berufung“, der den hindernisreichen Weg vom Handwerker zum „Parlamentarier von Format“ beschritten habe. An seinem 75. Geburtstag würdigte die RHEINPFALZ den „bekannten Politiker und Ehrenbürger seiner Vaterstadt Kaiserslautern“ als „verdienten, aufrechten Demokraten“. Und für sein autobiographisches Buch, das 1966 erschien, hat Hertel den ebenso treffenden wie programmatischen Titel gefunden: „Ein Leben für Demokratie und Sozialismus.“ Neben Eduard Klement und Johannes Hoffmann gehörte Hertel sicherlich zu den bedeutendsten Kaiserslauterer SPD-Politikern des vorigen Jahrhunderts.
Eugen Hertels Aufstieg aus bescheidenen Verhältnissen zu einem Schwergewicht der pfälzischen Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbewegung verlief keineswegs gradlinig und wurde von dramatischen Rückschlägen unterbrochen. Seine Biografie kann als Musterbeispiel für den Lebensweg vieler Partei- und Gewerkschaftsführer der Arbeiterbewegung stehen, die um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert geboren wurden.
Der Handwerksberuf als Basis
Am 30. Januar 1893 kam Hertel als sechstes Kind einer Kaiserslauterer Handwerkerfamilie zur Welt. In der Volksschule zeigte er gute Leistungen und schon früh entwickelte er einen regelrechten Lesehunger. Gegen den Willen seines Vaters entschied er sich für eine Schreinerlehre, schloss die Gesellenprüfung mit Bestnote ab und wurde von der Möbelfabrik Eckel eingestellt. Solidarität und Opferwilligkeit der Kaiserslauterer Gewerkschaften beim zähen Kampf um verbesserte Arbeitsbedingungen imponierten ihm, deshalb trat er dem Holzarbeiterverband bei. Vom Fernweh gepackt, beschloss er, „auf die Walz“ zu gehen und damit die jahrhundertealte Tradition der Gesellenwanderung fortzusetzen. Sie führte ihn ins Lahntal nach Nassau und – nach mehreren Monaten Aufenthalt – von dort aus nach Bremen und Bremerhaven. Der SPD schloss Hertel sich 1913 in Bad Ems an.
Den Ersten Weltkrieg erlebte er zunächst im Norden Deutschlands. Nach seiner Einberufung im August 1915 und seiner Militärausbildung in Hamburg wurde er an der Westküste Schleswig-Holsteins und später an der Westfront eingesetzt. Nach Ende des Krieges, den Hertel als gewaltige Zäsur in Politik und Gesellschaft wahrnahm, kehrte er in seine Heimat zurück. Damit begann ein von Auf und Ab geprägter Lebensabschnitt, in dem er sich verstärkt der politischen Arbeit in SPD und Gewerkschaft widmete.
Aufstieg in der Arbeiterbewegung
Sein Talent als guter Redner wurde bereits Anfang 1919 vor der Abgeordnetenwahl zur verfassungsgebenden Nationalversammlung deutlich. In einer Veranstaltung der mit der SPD konkurrierenden Deutsch-Demokratischen Partei erzwang Hertel eine Aussprache, warb in einer längeren Rede mutig für die SPD und konnte sich dadurch den Beifall der Zuhörer sichern. Die örtliche SPD war begeistert, berief ihn in den Vorstand und übertrug ihm die Durchführung weiterer Versammlungen. Als rednerisches Glanzstück darf sicherlich seine am 14. März 1920 vor 15.000 Menschen gehaltene Rede auf dem Stiftsplatz gelten, in der er entschieden für die junge deutsche Demokratie eintrat und den Kapp-Putsch verurteilte.
1919 wurde Hertel zum Vorsitzenden des 1500 Mitglieder starken Holzarbeiterverbandes gewählt. Er erwarb in dieser Zeit auch seinen Meisterbrief mit Auszeichnung, sparte in seinen Erinnerungen aber auch nicht mit Selbstkritik, wenn er von Misserfolgen und Fehleinschätzungen in anderer Hinsicht sprach. So beispielsweise in seinem Referat zur Reichstagswahl 1920: „Ich beschränkte mich zu sehr auf die Bewertung der Zahlen und war bei meinem Optimismus für eine Voraussage der politischen Gefahren der Rechtsentwicklung vermutlich nicht genug ausgereift.“
Mit einem Misserfolg endete seine Nominierung zum SPD-Kandidaten für die Stadtratswahl 1920, doch schon vier Jahre später errang er einen Sitz im Stadtrat. Währenddessen litt Kaiserslautern unter den Kriegsfolgen, der französischen Besatzung und der zunehmenden Geldentwertung. Erst mit der Währungsreform trat eine vorübergehende Stabilisierung der Verhältnisse ein. Sein privates Glück fand Hertel in der Heirat mit Ella Grimm, die er während seiner Militärzeit in Schleswig-Holstein kennengelernt hatte. Aufgrund seines politischen und gewerkschaftlichen Engagements verlor er allerdings seine Arbeitsstelle.
Politische und persönliche Tragik
1925 erhielt Hertel auf Betreiben von Johannes Hoffmann eine neue Arbeitsstelle als Leiter der SPD-Buchhandlung in Kaiserslautern, für die er bis zur Plünderung durch die Nationalsozialisten 1933 tätig blieb. Er legte als Externer sein Examen zum Buchhändler ab und übernahm nach dem Tod des Sozialdemokraten Hubert Merk die Leitung des SPD-Unterbezirks Kaiserslautern. Besonders hervorzuheben sind Hertels soziale Verdienste um die Wohnraumbeschaffung für die bedürftige Bevölkerung mit geringem Einkommen, die er nach seiner Berufung in den Vorstand der gemeinnützigen Bau AG engagiert betrieb.
Dass die Demokratie in den letzten Jahren der Weimarer Republik immer mehr in Gefahr geriet und die Kaiserslauterer SPD auf die zunehmenden politischen Spannungen reagieren musste, erkannte Hertel früh: „In jenen Jahren brachte bereits die Abwehr der zunächst in ihrer Bedeutung stark unterschätzten Hitlerbewegung eine gesteigerte Versammlungstätigkeit“, schreibt er in seinen Erinnerungen. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten verschärfte die Situation dramatisch, denn die Sprengung in der SPD-Buchhandlung bedeutete den Verlust des Arbeitsplatzes. Hertel hielt sich in den folgenden Jahren durch die Wiederaufnahme der Schreinerarbeit beruflich über Wasser, wurde jedoch permanent überwacht und oft verhört. Schlimme Schicksalsschläge ereilten ihn und seine Frau im letzten Kriegsjahr: Beide Söhne kehrten nicht mehr aus dem Krieg zurück.
Oberbürgermeisteramt abgelehnt
Das Kriegsende erlebte Hertel mit gemischten Gefühlen: Einerseits die Erleichterung nach dem Zusammenbruch der Schreckensherrschaft, andererseits das Entsetzen über die massiven Zerstörungen und das Elend in seiner Heimatstadt. Der Aufforderung der Amerikaner, er solle das Oberbürgermeisteramt übernehmen, kam er trotz eines beachtlichen Verdienstangebots nicht nach, schlug stattdessen den früheren Bürgermeister Alex Müller vor, den er in diesem Amt für kompetenter hielt. Andererseits übernahm Hertel Verantwortung in der Entnazifizierungskommission, als Mitglied des Bürger- und späteren Stadtrats, Vorsitzender des SPD-Stadtverbandes, Vorstandsmitglied der Bau AG und beim Wiederaufbau der SPD durch die Mitorganisation des 39. pfälzischen Bezirksparteitages im April 1946 in Kaiserslautern. An den Maßnahmen zur Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und zur Linderung der Wohnungsnot war er maßgeblich beteiligt. Darüber hinaus initiierte er die Wiedergründung der Gewerkschaften und wirkte im Landtag des neugeschaffenen Landes Rheinland-Pfalz an entscheidender Stelle mit. Für zwölf Jahre, von 1947 bis 1959, übernahm er den SPD-Fraktionsvorsitz. Insbesondere in den Ausschüssen für Sozial-, Finanz-, Kultur- und Schulpolitik sowie im Rechtsausschuss setzte Hertel Akzente. Er selbst betrachtete sich keineswegs als bequemen Vorsitzenden, sondern verlangte von den Fraktionsmitgliedern Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Disziplin.
Sein langes politisches Wirken brachte Hertel fast durchweg höchste Anerkennung ein. Davon zeugen auch seine Ehrungen. 1962 erhielt er die Barbarossaplakette für die Tätigkeit in der Bau AG, 1964 die Ehrenbürgerschaft von Kaiserslautern. Bereits 1954 wurde er mit dem Großen Bundesverdienstkreuz geehrt. In der Dankesrede anlässlich einer Feierstunde zu seinem 70. Geburtstag nannte Hertel eine seiner Ansicht nach unverzichtbare Voraussetzung für ein funktionierendes demokratisches Miteinander: „Die Toleranz als Notwendigkeit der Zusammenarbeit ist uns immer wieder eine neu auferlegte Verpflichtung.“