Kaiserslautern „Vielleicht sind wir manchmal zu diskret“
Zwölf „Musikpolitische Forderungen“ hat das Präsidium des Landesmusikrates Rheinland-Pfalz formuliert und mit diesen die Parteien im Mainzer Landtag konfrontiert. Das Papier beschäftigt sich mit der Laienmusik ebenso wie mit dem Schulfach Musik oder den Profi-Orchestern im Land. Peter Stieber, Präsident des Landesmusikrats, stellt den Forderungskatalog in einen direkten Zusammenhang mit der Landtagswahl 2016. Mit Stieber hat sich Frank Pommer unterhalten.
Ja, diesen Verbesserungsbedarf gibt es tatsächlich. Da reicht alleine schon der Blick auf den Laienbereich. Wir haben in diesem Land mehr als 500.000 aktiv Musizierende, die in Tausenden von Vereinen organisiert sind, und gerade in diesem ländlich geprägten Bundesland ist das auch eine erhebliche soziale Komponente. In den kleinen Städten und Dörfern spielen die Musikvereine und Chöre eine ganz wichtige Rolle, indem sie das Kulturleben und das Sozialleben wesentlich prägen. Dem gegenüber hält sich die Politik aus meiner Sicht unverständlicherweise sehr zurück. Wir hatten die letzte Erhöhung der Förderung für die Laienmusikverbände 1994. Immerhin haben wir 2005 in der Regierungszeit von Kurt Beck Zugang bekommen zu Geldern der Glücksspirale. Das macht pro Jahr ungefähr eine halbe Million Euro aus, die wir proportional, je nach Mitgliederzahl, an die Laienmusikverbände verteilen. Allerdings war das von Beginn an als Zusatzförderung gedacht, welche die staatlichen Zuschüsse keineswegs ersetzen sollte. Wir kämpfen nun seit Jahren um eine Erhöhung dieser Zuschüsse, aber passiert ist bisher nichts. Haben Sie denn in dieser Sache schon Gespräche führen können mit den handelnden Personen? Gibt es Zusagen oder Versprechungen? Ja, es gab und gibt immer wieder Gespräche mit den Parteien und Abgeordneten, auch die Landesregierung ist durchaus gesprächsbereit, sowohl der zuständige Staatssekretär als auch die Ministerin. Aber diese Gespräche mündeten bislang nicht in ein aktives und konkretes Handeln. Wir haben die Problematik dargelegt, das wurde zur Kenntnis genommen, Konsequenzen hatte dies allerdings keine. Deshalb sagen wir, dass wir als Landesmusikrat in dieser Angelegenheit im Interesse der musizierenden Menschen im Land noch aktiver und vor allem noch fordernder werden müssen. Vielleicht sind wir da manchmal zu diskret. Glauben sie, dass solche kulturpolitischen Diskussionen im Landtagswahlkampf 2016 eine Rolle spielen können? Ich glaube, das ist eine Illusion, weil die Kulturpolitik in diesem Land letztendlich doch nur eine geringe Rolle spielt. Es gibt einfach zu wenige Politiker, die sich kulturpolitischer Themen annehmen, sich für diese überhaupt interessieren. Liegt dies mehr an den handelnden Personen oder mehr am Thema? Es liegt am Thema, und es liegt an den Personen, aber es liegt auch an den Parteien, an deren Programmen. Was in diesen Programmen zur Kulturpolitik formuliert wird, ist eher unter dem Oberbegriff „Sonntagsreden“ abzulegen. Wir haben zu wenig Präferenz für die Kultur in der Landespolitik, das beobachten wir seit längerer Zeit. Zeigt sich das nicht auch in den Ministeriumszuschnitten, wo die Kultur ja immer nur ein Anhängsel ist? Das ist leider ein bundesweiter Trend, das können Sie in fast allen Landesregierungen beobachten. Es gibt eben kaum noch Kulturminister; stattdessen ist die Kultur mit einem Staatssekretär einem Wissenschafts- oder Bildungsministerium oder auch direkt der Staatskanzlei zugeordnet. So bedeutsam die Kultur auch gesellschaftlich ist, so wenig wird sie von der Politik in dieser Bedeutsamkeit wahrgenommen. Eine Ausnahme bildet da vielleicht Bayern, wo sich der Ministerpräsident entscheidend in die Diskussion um einen neuen Konzertsaal für München einbringt. So etwas kann ich mir in Rheinland-Pfalz leider nicht vorstellen, wiewohl Mainz einen Konzertsaal, der den Namen verdient, dringend nötig hätte. Fehlt es da einfach an einer Lobby für die Kultur und die Musik? Das würde ich schon sagen. Wir als Landesmusikrat sind eine Lobbyorganisation für alle Musikinstitutionen, aber wir merken halt immer wieder, dass wir nicht genügend Gehör finden. Sehen Sie, wir haben diese zwölf „Musikpolitischen Forderungen“ formuliert und sind daraufhin von den beiden großen Parteien eingeladen worden. Bei diesen Veranstaltungen waren dann aber nur jeweils drei Abgeordnete anwesend. Das sagt ja schon einiges aus. Das ist auch eine Missachtung der Hunderttausenden von Menschen, die im Land musikalisch aktiv sind. Ein Komplex Ihrer Forderungen beschäftigt sich mit dem Stellenwert, den der Musikunterricht in der Schule genießt beziehungsweise gerade nicht genießt: Wo steht Rheinland-Pfalz denn da im Vergleich mit anderen Bundesländern? Das ist ganz schwer zu beurteilen, weil man da die sprichwörtlichen Äpfel mit Birnen vergleichen müsste. Jedes Bundesland hat eine andere Schulgesetzgebung und eine andere Ausrichtung. In Rheinland-Pfalz kann man aber einen massiven Unterrichtsausfall im Musikbereich feststellen, gegen den wir ankämpfen. Wir kämpfen zudem dafür, dass endlich auch in den Grundschulen regelmäßig Musikunterricht erteilt wird und dass auch die Erzieherinnen in ihrer Ausbildung ein Musikmodul absolvieren müssen, damit sie zumindest in der Lage sind, mit den Kindern in den Kitas gemeinsam zu singen. Gehen wir mal an das andere Ende der Schulausbildung, zum Abitur. Wie sieht es da aus? Wir kritisieren, dass das Musikabitur zu einem Zusatzfach geworden ist. Man kann Musik zwar als Leistungsfach wählen, muss dann aber noch ein fünftes Fach hinzunehmen. Das ist in einigen Bundesländern anders. Wir halten dies in Rheinland-Pfalz für eine Diskriminierung des Fachs Musik. Das zieht sich wie eine Linie durch das gesamte Schulleben: Musik wird immer mehr zum Beiwerk. Sicherlich gibt es auch viele sehr gute Chöre und Orchester in den Schulen des Landes, aber das geht dann hauptsächlich auf die Initiative einzelner Lehrer und Eltern zurück. Kommen wir zur professionellen Musikkultur im Land, also zu den Orchestern in Ludwigshafen, Kaiserslautern, Mainz, Trier und Koblenz. Sie sprechen von „Leuchttürmen“ der rheinland-pfälzischen Kulturszene, die es zu erhalten gelte. Was macht Ihnen denn Hoffnung, dass man dies im Ministerium genauso sieht? Alle Signale, die es im Moment gibt, sehen so aus, dass man am Bestand und der Planstellenzahl der Orchester nichts ändern wird, sowohl bei den drei Staatsorchestern, als auch bei den beiden Theaterorchestern in Kaiserslautern und Trier, die ja auch vom Land mitfinanziert werden. Nichtsdestotrotz bedauern wir, dass wir zwar „Landesleuchttürme“ haben, aber keinen nationalen, der deutschlandweit ausstrahlen würde. Dafür ist dann vielleicht die reine Bestandswahrung zu wenig. Die Deutsche Staatsphilharmonie wird ja in Ihrer Entwicklung unter Karl-Heinz Steffens geradezu ausgebremst, weil man „Bemühungszusagen“, wie es im Ministerium heißt, in Richtung zusätzlicher Stellen nicht einhält. Die Staatsphilharmonie hat eine unglaubliche Entwicklung genommen, und Karl-Heinz Steffens ist ein absoluter Glücksfalls für das Orchester. Das hat sogar die Politik erkannt, und sie bemüht sich um diesen Dirigenten, auch wenn es da zuletzt wohl einige atmosphärische Störungen gegeben hat. Ein letzter Aspekt Ihres Forderungen betrifft den Südwestrundfunk. Sie beklagen einen schleichenden Stellenabbau in den Musikredaktionen und fordern, den musikkulturellen Auftrag zu bewahren. Was ist denn da in der jüngsten Vergangenheit passiert beim SWR, für den Sie ja selbst über Jahrzehnte tätig waren? Wir beobachten den schleichenden Prozess, als dessen Folge die klassische Musik einen immer geringeren Stellenwert im Rundfunk einnimmt, sowohl, was die Programme betrifft, als auch bezüglich des Personals und der Budgets. Das ist sicherlich von der Senderleitung so gewollt, wird aber eben auch von den Kontrollgremien mitgetragen. Der Landesmusikrat fordert, dass der im Staatsvertrag verankerte Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks stärkere Berücksichtigung findet und zum Beispiel die klassische Musik nicht zugunsten einer „modernen Programmphilosophie“ an den Rand gedrängt wird. Und inakzeptabel ist, dass die Laienmusik aller Stilrichtungen, inklusive des Rock- und Popbereichs, so gut wie gar nicht in den Programmen des SWR vorkommt.