Kaiserslautern Vielfalt durch Absterben

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Der Winter hat die Natur eigentlich in die Ruheecke gestellt. Die letzen stürmischen Tage haben aber nicht nur das letzte Laubwerk aus den Bäumen gekämmt, sondern einigen Baumkronen auch einen „Fassonschnitt“ verpasst oder etliche gar wie Streichhölzer geknickt. Bei dem vielen Reisig auf Waldweg und Loipe freut man sich umso mehr, wenn die dicken Bäume stehen bleiben, und staunt nach jedem stürmischen Wetter, welch kraftvolles Wurzelwerk die Baumriesen aufrecht hält – ein von der Evolution ausgeklügeltes statisches Wundersystem. Auf der Suche nach interessanten Beständen bietet sich ein Ausflug in den Mischwaldbestand zwischen Hohenecken und Dansenberg an. Hier laden insbesondere auch schmale an den Hang geschmiegte Pfade zu einem förmlichen Eintauchen in die Winterlandschaft ein. Schon nach der ersten Biegung kehrt Stille ein und die Sinne bekommen Gelegenheit, sich vom Alltag zu entfernen. Noch ein paar Schritte weiter – und schon breitet sich vor uns ein Buchenwald mit eingestreuten größeren Steinblöcken aus. Hier ist das Reich der Rotbuche, einer Baumart, die auf Europa beschränkt ist. Sie hat sich nach der Eiszeit als dominierende Baumart durchgesetzt – bis der Mensch das Steuer übernommen hat. Aber es gibt auch nicht nur den einen Buchenwald, sondern zahlreiche Gesellschaftsformen, da die Buche auf unterschiedlichen Standorten vorkommt. In naturnahen Buchenwäldern findet man auf derselben Fläche die verschiedenen Altersphasen der Bäume in unmittelbarer Nachbarschaft. So gehört auch das stehende und liegende Totholz dazu. Und genau dieses ist eine wesentliche Lebensgrundlage für die Artenvielfalt im Wald. Ohne alte und und ohne absterbende Bäume keine Vielfalt! Ohne Nutzung würde eine Buchengeneration vom Keimling bis zur Zerfallsphase etwa 250 bis 300 Jahre dauern. Im Wirtschaftswald ist das freilich nicht erlebbar, da ist spätestens nach 120 bis 160 Jahren Schluss. Die wirklich alten Buchen-Urwälder wurden von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Die nächstgelegene Möglichkeit, einen solchen zu erleben, ist der Nationalpark Kellerwald-Edersee in Hessen. Seit vielen Jahren laufen Untersuchungen, um die Vielfalt der letzten „Urwaldinseln“ zu verstehen – bisher geht man von bis zu 10.000 Tierarten im Buchenwald aus. Tote Bäume oder Teile davon werden von spezialisierten Arten besiedelt. Das zerfallende, vermodernde Holz ist eine wichtige Unterlage für neues Baumleben. Der Buchenwald bei Hohenecken ist sicher kein Urwald, enthält aber etliche alte Kameraden. Und der Forst lässt hier auch Totholz gewähren. Diese rottenden Stämme fallen besonders ins Auge, enthalten sie doch den größten Anteil an Höhlen. Die sind für Vögel, Fledermäuse und Insekten aber auch Pilze und Flechten bedeutsame Wohnstätten. Die Landesnaturschutzverwaltung hat daher diesen Waldbestand als bedeutsamen Biotop zum Schutz der Artengemeinschaft in einer Karte ausgewiesen. Erst in fortgeschrittenem Alter werden Buchenstämme rissiger, abgebrochene Äste häufiger und damit der Anteil an Faulhöhlen höher. Ergänzt wird dies durch den aktiven Höhlenbau der Spechte. Damit sind wir bei den Dingen, die sich im Winterwald leicht beobachten lassen, gerade weil kein Blättermeer den Blick versperrt: Jetzt lassen sich besonders einfach die Baumhöhlen finden. Und in den nächsten Wochen beginnt bereits die erneute Reviersuche der Spechte. Da wird gehämmert und geklopft was das Zeug hält, um auf sich aufmerksam zu machen, Partner zu finden und Konkurrenten auf Abstand zu halten. Für den Hohenecker Wald und den Wald südlich von Dansenberg sind Schwarzspecht, Grünspecht, Buntspecht und Kleinspecht bestätigt; daneben auch Waldbaumläufer und Kleiber sowie der Waldkauz und sporadisch lässt sich auch die Hohltaube blicken. Da Spechte mehrere Höhlen bauen (Brutplatz, Schlafplatz) und besonders der Schwarzspecht nach zirka fünf Jahren einen „Tapetenwechsel“ bevorzugt, gibt es auch vogelfreie Höhlen, die dann von Fledermäusen übernommen werden. Aber Höhle ist nicht gleich Höhle. Der Schwarzspecht braucht schon allein aufgrund seiner Körpergröße von 46 Zentimetern entsprechend stattliche Bäume. Seine Vorliebe sind Bäume mit einem Stammdurchmesser größer 30 Zentimeter. Dafür müssen die Bäume dann schon mindestens 80 bis 100 Jahre alt sein. Für eine Großhöhle muss der Schwarzspecht schlappe 10.000 Späne ausräumen. Ganz anders der Kleinspecht. Mit seiner „Kleidergröße“ vergleichbar dem Kleiber reichen ihm schon kleine Asthöhlen mit nur drei Zentimeter großen Schlupflöchern als Behausung. Der Grünspecht lässt für sich arbeiten: Entweder er übernimmt alte Höhlen der Spechtkollegen oder er hackt faule Baumstellen an und schaut im nächsten Jahr wieder vorbei, wenn Pilze das Holzloch weiter zersetzt haben und das Beseitigen der Holzfasern zum Kinderspiel wird. Also: Jetzt schon auf zur Höhlensuche! Dann wird die kommende Beobachtung der Spechte in ihren neuen Revieren noch spannender, weil man ja schon weiß, wo man suchen muss. Beobachtungen ... ... zu Verhalten oder Brutvorkommen von Spechten im Siedlungsraum können an die Redaktion gemailt werden unter der Adresse stadtteilekl@rheinpfalz.de. Die Serie .... ... „Natur findet Stadt“ schreibt Matthias Haag einmal im Monat über Stadtbewohner aus der Welt der Tiere und Pflanzen. Der Biologe engagiert sich im Naturschutz und ist Initiator von Palatinatour, einer Aktionsgemeinschaft zur Umweltbildung.

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