Kaiserslautern „VHS schon häufig totgesagt“

Hat fast 1500 Kurse im Angebot: die Volkshochschule in der Kanalstraße.
Hat fast 1500 Kurse im Angebot: die Volkshochschule in der Kanalstraße.

Die Volkshochschule Kaiserslautern feiert in diesem Jahr ihren 115. Geburtstag. Einrichtungsleiter Michael Staudt erklärt im Interview mit unserer Redakteurin Sara Brunn, wie sich Lernwelten verändern und wieso die VHS trotz zunehmender digitaler Angebote auch in den nächsten Jahren nicht zum Auslaufmodell wird.

Herr Staudt, welchen VHS-Kurs haben Sie denn als letztes belegt?

Ich kann ihnen sagen, was ich dieses Jahr besuchen werde: Wir haben einen neuen Mountainbike-Kurs im Programm. Dabei geht es um ein paar Techniken, aber auch um Routen im Pfälzerwald. Da gibt es ja eine Menge. Ich habe in Trippstadt einen Wegweiser gesehen: „Mountainbike-Wege 170 Kilometer.“ Ich fahre zusammen mit meinem Sohn und habe mir dafür ein neues Fahrrad zugelegt. Ich hatte überlegt, ob ich ein E-Bike wählen soll, aber da warte ich noch zehn Jahre (lacht). Zurück zum Jubiläum: Sie hatten 2018 an der Volkshochschule 341 Lehrkräfte in fast 1500 Kursen bei über 16.000 Belegungen. Der Eindruck ist, die Volkshochschule boomt. Ja, sehr deutlich sogar. Die Statistiken werden seit 1947 erfasst. Seitdem sind die Teilnehmerzahlen stetig gewachsen. Wir hatten aber auch schon eine Spitze in den 80er-Jahren. Man muss dabei auch genau hinschauen. Die steile Entwicklung in den vergangenen 15 Jahren ist maßgeblich auf die Sprachkurse und dabei auf Deutsch- und Integrationskurse zurückzuführen. Die Sprachen nehmen etwa 22.000 Unterrichtsstunden von insgesamt circa 50.000 ein. Das hat uns auch vor Herausforderungen gestellt. Inwiefern? Sprachen waren bei uns schon immer ein großes Thema. Aber es gibt auch immer wieder temporäre Trends, wie in den 80er- und 90er-Jahren. Da haben die EDV-Kurse geboomt. Es gab Zeiten, da hatten wir vier bis fünf PC-Räume. Dafür brauchen wir jetzt mehr Räume, die für den Sprachunterricht genutzt werden können. Was man außerdem merkt, dass die Leute anspruchsvoller sind bei der Lernatmosphäre. Das ist aber ein deutschlandweites Phänomen. Sie erwarten mehr Wohlfühlatmosphäre statt Schulsaal. Das zeigt sich aber auch in anderen Bereichen. Sie müssen sich nur mal die Gestaltung von Restaurants und Bars anschauen. Wie reagiert die Volkshochschule auf diese veränderten Ansprüche? Zum einen investieren wir in die Infrastruktur, so richten wir demnächst eine moderne Lehrküche ein. Ein großes Thema bei uns ist das Konzept der dritten Räume. Sie sind frei zugänglich, wir sorgen für die Ausstattung. Man überlässt es aber den Leuten, wann und wie sie sich dort treffen. Wir haben vor einigen Monaten einen offenen Lerntreff eingerichtet, in dem man sich außerhalb des Unterrichts zum gemeinsamen Lernen treffen kann. Ich denke, das ist ein Vorteil der VHS. Hier kann man noch Leute treffen, die sich für dieselben Dinge interessieren, für Italienisch, für Kunst beispielsweise. Wir möchten zunehmend als attraktive Begegnungsstätte wahrgenommen werden. Wie flexibel kann die Volkshochschule denn auf solche Trends reagieren, gerade auch bei baulichen Veränderungen? Unser großer Vorteil ist die Trägerstruktur als eingetragener Verein. Da können wir schneller reagieren als wenn wir eine Behörde wären. Es ist wichtig, dass die VHS so aufgestellt ist, dass sie reagieren kann. Vor der Finanzsituation der Stadt ist es natürlich eine besondere Aufgabe. Denn zu 20 Prozent werden wir von der Stadt finanziert. Da schlägt allein die Unterhaltung des Gebäudes mit 380.000 Euro zu Buche. 60 Prozent der Finanzmittel erwirtschaften wir bereits selbst. Die VHS Kaiserslautern ist bereits bei den digitalen Angeboten federführend, möchte diesen Bereich weiter ausbauen. Ist die bestehende Infrastruktur dafür gegeben? Wir haben zwei Wlan-Netze, einmal für die Teilnehmer und einmal für die Dozenten. Da haben wir in den vergangenen Jahren auch investiert. Das größte Problem dabei ist das Gebäude. Es ist so verschachtelt, dass eine Gesamtabdeckung schwierig ist. Aber der Oberbürgermeister hat uns bei der letzten Mitgliederversammlung zugesagt, dass das Wlan nicht nur an Schulen ausgebaut werden soll, sondern auch bei uns. Im Moment ist es so, wenn in der Pause 300 Deutschkursteilnehmer ins Wlan gehen, kommen wir schon an Grenzen. Außerdem hat die junge Generation der Dozenten Apps, die sie einsetzen, wir haben mehr und mehr Räume mit mobilen Medienwagen ausgestattet. Das wird immer wichtiger. Von welchen Zielgruppen werden die digitalen Angebote genutzt? Sind es überwiegend jüngere Teilnehmer? Wir haben einen sehr großen Anteil von Teilnehmern unter 18 Jahren, weil wir seit einigen Jahren die Jugendkunstschule und „Junge VHS“ etabliert haben. Es sind insgesamt mehr Teilnehmer unter 18 als über 65 Jahre. Wir haben eine sehr ausgeglichene Teilnehmerstruktur. Eine Zukunftsaufgabe wird es aber auch sein, entsprechende Angebote für ältere Menschen zu haben. Auch rein digitale Angebote. Diese werden bei uns in das Gesamtangebot integriert. Erweiterte Lernwelten ist da das Stichwort. Aber man muss immer auch schauen, wo ist der Mehrwert. Nur auf Teufel komm raus zu digitalisieren, bringt es nicht. Welchen Mehrwert haben Sie denn für die Volkshochschule identifiziert? Unter anderem haben wir die vhs.cloud, da sind die VHSen schon sehr weit. Es ist die erste Bildungscloud, die in Deutschland an den Start gegangen ist. Dort können Dozenten dann beispielsweise mit den einzelnen Kursteilnehmern interagieren, zusätzliches Material hochladen, eine Linkliste zum Thema des Kurses hinterlegen, Umfragen starten oder eine Videokonferenz nutzen. Wohin wird sich die Volkshochschule in den kommenden zehn, 15 Jahren entwickeln? Eine entscheidende Komponente wird die soziale sein. Die VHS ist eine Begegnungsstätte, in der man sich persönlich austauschen kann. Die Volkshochschulen wurden in ihrer Geschichte schon häufig totgesagt, aber man hat gesehen: Sie werden gebraucht.

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