Kaiserslautern Unzerstörbarer Zauber
Goethe schwärmte von ihm in höchsten Tönen. Die 1806 in Paris gegründete Galerie de Monsieur Cassas war das erste Architekturmuseum Europas. In den Jahren nach Napoléon avancierte Jean-François Cassas zum Direktor der königlichen Gobelin-Manufaktur. Trotz allem wäre er wohl vergessen, hätten die Terroristen des „Islamischen Staates“ nicht im Sommer 2015 zerstört, was Cassas zwischen 1784 und 1787 für die Ewigkeit bewahrte: die antike Ruinenstadt Palmyra. Cassas’ Architekturzeichnungen sind jetzt im Kölner Wallraf-Richartz-Museum zu sehen.
Ohne die Zerstörungswut der Islamisten wären die zum Teil großformatigen Zeichnungen, die der Zeichner, Maler, Architekt und Orientreisende Jean-François Cassas zwischen 1784 und 1787 vor Ort in der syrischen Wüste anfertigte, wohl noch eine Weile im sicheren Depot-Dunkel der Graphischen Sammlung im Wallraf-Richartz-Museum geblieben. So aber hat man sich ihrer erinnert und präsentiert sie nun frisch restauriert – ergänzt durch einen Kupferstich der berühmten Säulenstraße, wie sie im aus der Kölner Stadt- und Universitätsbibliothek entliehenen Band der „Voyage pittoresque de la Syrie, de la Phoenicie, de la Palaestine et de la Basse Aegypte“, der auf drei Bänden ausgelegten Dokumentation der Orientreisen Cassas’, abgebildet ist. „Palmyra – Was bleibt?“ heißt die eher kleine Ausstellung, die sich in einer Art Graphischem Kabinett im 3. Obergeschoss des auf seine Erweiterung wartenden Museums in die Sammlung des 19. Jahrhunderts hineindrückt und dort seltsam deplatziert wirkt. Dieser erste Eindruck verfliegt sofort, denn wie einst bei Cassas, seinen Vorgängern und seinen Nachfolgern, wirkt noch immer der Zauber Oasenstadt Palmyra. Ist die Frage „Was bleibt?“ hiermit also beantwortet? Das wäre denn doch zu wenig. Selbst dann, wenn man sich – noch einfacher – auf die Feststellung beschränkt: Es bleiben die 123 Zeichnungen und Stichvorlagen von Cassas, die sich im Wallraf-Richartz-Museum befinden und aus denen Kurator Thomas Ketelsen jene 40 ausgewählt hat, die nun zu sehen sind: Feder- und Bleistiftzeichnungen, zum Teil grau und rosa laviert, präzise Ansichten, Aufrisse und Dekor-Details von hohem ästhetischem Wert. „Die Sachen des Cassas sind außerordentlich schön. Ich habe ihm manches in Gedanken gestohlen, das ich euch mitbringen will“, schwärmt Johann Wolfgang von Goethe nach seinem Besuch in Cassas’ Wohnung in Rom im September 1787 in einem Brief an Frau von Stein. Was ganz real geblieben ist, zeigt das topographische Modell Palmyras zum Auftakt der Ausstellung, darauf projiziert zunächst ein von Cassas gezeichneter Plan der antiken Stätten, der bereits mit seiner Exaktheit überrascht. Es folgen Luftaufnahmen des Bel-Heiligtums während Ausgrabungen in den Jahren 1929 und 1934, eine topographische Darstellung des Instituts für Geodäsie der Technischen Universität München und zum traurigen Schluss zwei Satellitenbilder Palmyras vom 27. August und vom 2. September 2015. Die darauffolgende Hängung der Zeichnungen ermöglicht im Geist, was real und virtuell nicht mehr und virtuell noch nicht möglich ist: den Rundgang durch eine der schönsten, eindrucksvollsten, faszinierendsten, großartigsten Stätten der Menschheitsgeschichte, Unesco-Weltkulturerbe seit 1980, zerstört 2015. Cassas hat Fassaden, Aufrisse, Längsschnitte, perspektivische Ansichten gezeichnet und immer wieder Schmuckdetails – dabei gewiss auch nicht mehr Vorhandenes rekonstruiert, was den dokumentarischen Wert der über 230 Jahre alten Zeichnungen keineswegs schmälert. Wir beginnen die Besichtigung beim Heiligtum des Bel (oder Baal), einer Gottheit die dem griechischen Zeus oder des römischen Jupiter entspricht. Es folgt der Balshamin-Tempel, dem „Herrn des Himmels“, einer der bedeutendsten lokalen Gottheiten, geweiht, den die IS-Milizen als erstes zerstörten. Cassas’ mit akribischer Genauigkeit dokumentierte Details von Säulen- und Deckenschmuck machen den Verlust schmerzlich bewusst. Vom Bel-Tempel führte noch bis zum Beginn des Syrien-Kriegs die Touristenroute durch das Bogentor über die imposante Säulenstraße zu Thermen und Theater hin zum Diokletianslager, einst Sitz des römischen Oberkommandos der Stadt, in der römische, griechische, aramäische und persische Kultur sich trafen und miteinander existierten. Ähnlich, wie dies noch bis vor wenigen Jahren im aktuellen Syrien möglich schien. Mit den Mauern stürzte wohl auch dieser (westliche?) Traum von friedlicher Koexistenz der Religionen in sich zusammen. Kein Palmyra-Besuch endete ohne die Besichtigung der westlich der Stadt gelegenen spätantiken Turmgräber, 20 Meter hoch aufragende Grabstätten, die sich in dieser architektonischen Ausprägung nur hier entwickelt hatten. Das erste, was schon Reisende aus Richtung Damaskus über 1000 Jahre lang nach ihrem Ritt durch die syrische Wüste von der im Tal liegenden Oasenstadt erblickten. Auch sie sind nicht geblieben. Was aber bleibt, sind noch viele weitere Fragezeichen – und das macht diese eher kleine Ausstellung zu einer doch sehr wichtigen. Eine der Fragen betrifft zum Beispiel die Position von Archäologie und Denkmalpflege zum Thema Wiederaufbau. Bislang standen detailgetreue Rekonstruktionen von historischen Denkmälern nicht hoch im Kurs. Im März 2016 allerdings forderte Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, angesichts der Zerstörungen in Syrien: „Baut die Tempel wieder auf!“ Cassas’ Zeichnungen sind so etwas wie eine Gebrauchsanweisung aus erster Hand. Die Ausstellung „Palmyra – Was bleibt? Jean-François Cassas und seine Reise in den Orient“, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln, täglich außer montags 10 bis 18 Uhr; Katalog 14 Euro.