Kaiserslautern Untiere feiern 750 Jahre Stadtrechte

Schon die allerersten Lautringer vertrauten auf die Firma Pfalzbau-Horn: Isabelle Boslé und Uwe Heene blicken gemeinsam mit den
Schon die allerersten Lautringer vertrauten auf die Firma Pfalzbau-Horn: Isabelle Boslé und Uwe Heene blicken gemeinsam mit den Untieren auf 750 Jahre Stadtgeschichte.

Die Kaiserslauterer Kabarettgruppe Die Untiere präsentierte im Kulturzentrum Kammgarn ihren Beitrag zur 750-Jahr-Feier der Stadt.

Wenn Kaiserslautern den Jahrestag seiner Stadtrechte begeht, müssen selbstredend auch die Kabarett-Untiere das Wort ergreifen. Unter der Überschrift „750 Jahre sind nicht genug“ präsentieren Marina Tamássy und Wolfgang Marschall ihre Sicht der Jubiläums-Dinge. In der Kammgarn gab’s dafür am Dienstagabend rauschenden Beifall.

Obwohl die überaus vergnügliche Nummernfolge als Revue etikettiert ist, gibt’s keine nackten Mädchenbeine in Marschschritt und Kohortenstärke. Stattdessen wartet Texter und Untiere-Vater Wolfgang Marschall mit seinem gewohnt geistreichen, durchweg neuen Pointenfeuerwerk auf. Seine monologischen Verstiegenheiten und Wortklaubereien sind von hohem literarischen Rang.

Seine Liedtexte bedienen sich mit Verve einer so strengen Metrik und Notation, dass auf barock feierliche Hymnen übergangslos jene paargereimten Schlichtheiten folgen, die inbrünstig, sentimental, volks- und heimattümelnd das Lautringer Lokalherz rühren.

Der Tod der Elwetritsche

Marina Tamássy beklagt singend und als weiß umschimmerte Geisterfrau die Verrohrung der Lauter. Im Terzett mit den Vorderpfälzer Theater-Profis Isabelle Boslé und Uwe Heene bringt sie eine „ultimative“ Olympia-Hymne zu Gehör, die hehr und getragen anhebt und dann jäh endet. „Unser Geschenk an die Stadt ist die Idee, die Olympischen Spiele 2040 nach Kaiserslautern zu holen“, erläutert der Tamássy-Gatte Marschall.

Mit Lust an verschachtelten Edelfeder-Formulierungen, die in einen angemessen ausgefeilten Satzbau eingebettet sind, reitet Marschall eine „Tour d’horizon“ nicht durch 750, sondern durch 7500 Jahre Stadtgeschichte. Er beginnt im Frühneolithikum, als in der Westpfalz das Fußballspiel erfunden wurde.

Es folgen Ausführungen über die Ausrottung der Elwetritsche durch die Römer, garniert von der balladenhaften Motette vom „Tod der letzten Tritsche“. Schon damals gingen – eigentlich keine Überraschung – alle Aufträge zur Planausführung an die Firma Pfahlbau-Horn. Was nach der Verleihung der Stadtrechte anno 1276 folgte, verlief für den Spötter mit der spitzen Feder „glorreich bis wechselhaft“.

Kerosin über der Wohlfühlstadt

Ferner geht’s um den Heiligen Gral, der heute vermutlich unter der ungewünschten und überflüssigen Einkaufsgalerie in der „Neuen Stadtmitte“ ruht; um Barbarossa und den Betzenberg; um die Nähmaschinen-Fabrikantin Lina Pfaff als sozial wohltätige Kapitalistin; um die Revolution 1848/49, das Hecker-Corps und Friedrich Engel’ kurzzeitige Haft im Lauterer Kittchen.

Die karamellige Kuschel-Rhetorik der aktuellen Oberbürgermeisterin, deren Verlautbarungen sogar auf Nicht-Kabarettisten wie eine Mischung aus Poesiealbum und Courths-Mahler wirken, wird ebenso angesprochen wie der alliierte Kerosin-Ablass über ihrer „Wohlfühlstadt“.

Dazwischen wartet der gediegen gebildete Humanist Marschall mit Zitaten von Kierkegaard, Bloch und Kästner („Wenn wir den Krieg gewonnen hätten“) auf, schickt Schopenhauer ins Shopping-Center und präsentiert Sketche über Kaiserslauterns Potenzial im Baustellen- und „Horror-Hecht“-Tourismus.

„Das tut was, tut was dazu“

Meister Marschall legt den satirisch gesalzenen Finger in jede Wunde, welche die Obrigkeit ebenso wie ihre Untertanen in den Lautern-Leib schlagen. Fast unbemerkt schleicht sich das revolutionäre „Bürgerlied“ des Vormärz-Dichters Adalbert Harnisch ins Programm: „Aber ob wir Neues bauen,/ Oder’s Alte nur verdauen/ Wie das Gras die Kuh;/ Ob wir für die Welt was schaffen,/ Oder nur die Welt begaffen:/ Das tut was dazu.“

Da sie entschieden kabarettistisch und gnadenlos satirisch daherkommen, speist sich die Qualität der Untiere zuvörderst aus dem Sprachlichen. Gleichwohl räumen die beiden Protagonisten ihren musikalischen Begleitern Helmut Engelhardt (Saxophon), Martin Preisser (Keyboard) sowie dem in allen Genres versierten Streicher-Duo Caroline Busser und Iwan Knezevic genügend Gelegenheit ein, ihre Virtuosität vorzuführen. Die mit lokalkolorierten Texten versehenen Weisen stammen mal von Fats Domino und Udo Jürgens, dann von Alan Gray, Wolfgang Ambros und den Proclaimers.

Wem’s genügt, der oder die kann sich über die groteske Geschichtsstunde köstlich amüsieren. Auf seine Kosten kommt aber auch, wer Sinn hat für die Schönheit der Sprache. Die Damen und Herren Politiker, deren christdemokratisches Element in Fraktionsstärke zur Premiere aufmarschierte und sich (samt drei der vier Stadtvorstandsmitglieder) pflichtschuldigst kaputtlachte, dürfen gern ein wenig tiefer in den Spiegel blicken, den ihnen die Untiere vorhalten.

Die Erben des Hofnarren Perkeo

Tamássy und Marschall sind legitime Nachfolger jenes trinkfesten kurpfälzischen Hofnarren Perkeo, der seit 300 Jahren das Riesenfass im Heidelberger Schloss hütet. Es ist nicht mehr das Original, denn der erste 130.000-Liter-Behälter wurde dort schon 1591 vom Pfalzgrafen Johann Casimir installiert. Da er bekanntlich gern nach Kaiserslautern kam und überdies trotz strengen Glaubenseifers ein lebenslustig-sinnenfroher Genussmensch war, hätte er an den Untieren vermutlich seine Freude gehabt.

Wir Nachgeborenen sollten uns die sottisenreiche Stadtchronik der Untiere gleichfalls nicht entgehen lassen.

Termine

Weitere Aufführungen am 7., 27. und 28. Februar, jeweils 20 Uhr, im Kaiserslauterer Kulturzentrum Kammgarn.
Karten in der Tourist-Info (Telefon 0631 365-2316).

Humanist und Kabarettist: „Untiere“-Vater Wolfgang Marschall.
Humanist und Kabarettist: »Untiere«-Vater Wolfgang Marschall.
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