Kaiserslautern
Umjubeltes Jubiläum: Die Spermbirds in der Kammgarn
Eine gespannte Erwartungshaltung lag schon weit vor Konzertbeginn in der Luft. Auf dem Außengelände tummelten sich ungezählte reife Fans der ersten Stunde und nicht wenige Anhänger der nächsten Generationen dicht an dicht, viele davon in Spermbirds-T-Shirts, sich angeregt über „die alten Zeiten“ unterhaltend. Drinnen drängelte man sich derweil neugierig um die Fanartikel-Stände.
Ein Besuch backstage
Auch im Backstagebereich herrschte angenehm-erstaunte Rückschau und einige Vorfreude. „Wir hätten nie geglaubt, dass wir 40 Jahre später noch zusammen spielen“, erklärte Schlagzeuger und Gründungsmitglied Matthias „Beppo“ Götte im Rückblick auf die Anfänge 1983 im Enkenbacher Proberaum im Gespräch mit dem ähnlich empfindenden Verfasser dieses Artikels, der die Band seit ihren ersten Auftritten mehrmals live miterlebt hat. Kaiserslautern sei da etwas Besonderes, fuhr Götte fort, da hier die Fans der erste Stunde dabei seien.
Ein Blick hinaus auf die immer größer werdende Menge beantwortete zugleich die sich anbietende, eigentlich aber müßige Frage danach, ob es den ebenfalls gereiften Musikern denn nach all den Jahren immer noch Spaß mache, den alten, harten Punk live zu zelebrieren. „Solange das Publikum seinen Spaß daran hat“, meint Götte dazu. Recht hat er. Was die Stones 60 Jahre lang können, können die Spermbirds zwar (noch) nicht so lange, aber mindestens mit ebenso viel Energie und Spielfreude.
Langsam verlagerte sich das Geschehen, die Fans, die Stimmung nach drinnen. Zwei kräftige musikalische Muntermacher (derer es gar nicht bedurft hätte) gab es erstmal vorneweg: das deftige Berliner Trio Shirley Holmes und danach – in Sachen Härte und Tempo noch eine Schippe drauflegend – die Band Bubonix aus Limburg/Lahn.
Und dann ging es los. Nein, es explodierte förmlich, drängte, wogte, expandierte. Kaum waren die ersten Töne von „Something To Prove“ erklungen, wuchtete sich ein großer Teil der Menge wie in einer Welle nach vorne Richtung Bühne. Halbvolle Bierbecher flogen im hohen Bogen in dieselbe Richtung, weshalb Gitarrist Roger Ingenthron mahnen musste: „Bitte werft kein Bier mehr auf die Bühne, das ist hier wie ’ne Schlittschuhbahn.“ Energie pur. Der Punk lebte.
Alte Kracher wie „Americans Are Cool“ und „Nothing Is Easy“ folgten, Sänger Lee Hollis hielt sich nicht lang mit Ansagen auf. Die Titel der „Spermavögel“ sind kurz, laut und heftig. Schlag auf Schlag hauten die Gitarristen Roger Ingenthron und Steve Wiles, Bassist Markus Weilemann und Drummer Matthias Götte, dem die Menge später ein Ständchen zum 60. Geburtstag vor zwei Wochen sang, ihre Songs quer durch das Repertoire der letzten Jahrzente raus, darunter lang nicht mehr öffentlich gespielte Stücke wie „Melt The Ice“ und „Get On The Stage“.
Letzteres mussten sich etliche Fans nicht zweimal sagen lassen. Sie stiegen auf die Bühne hoch und ließen sich als klassische Stagediver unter Lichtgewitter und Hammersound auf Händen bis zum anderen Ende des Saales tragen. Auch Gast Shane Cooper von Headcrash mischte mit und griff auch ab und an zum Mikro. Fast alles wie früher. Deja vu-Bilder blitzten auf, nostalgische Gefühle machten sich breit. Sind in der Bandgeschichte tatsächlich schon 40 Jahre vergangen?
Unermüdliche Energie
Die Frage durfte man sich auch angesichts von Lee Hollis stellen. Der Leadsänger und ebenfalls Mitbegründer der Spermbirds ist an diesem langen Abend so gut drauf wie eh und je. Er springt ungestüm über die Bühne, schreit die Texte wild durchs Mikro, treibt die ganze Mannschaft unentwegt an. Und dabei ist Hollis auch Jahrgang 1963. Punk hält offenbar jung.
Die Musiker müssen sich und anderen wahrlich nichts mehr beweisen. Sie taten es dennoch, nicht nur im gleichnamigen Song „Something To Prove“. Und es war gut so. So ging es noch lange weiter, mit „Lights Out“ war noch nicht Schluss. Hart, aber herzlich, stimmungsvoll mit laut mitsingenden und ausdauernd tanzenden Besuchern, die mal Handys, mal eine Uhr dabei verloren, die Hollis brav verwaltete, und einer offensichtlich zufriedenen Jubiläumsband. „Ich mag keine Emotionen, aber ich spüre Emotionen“, kommentierte Hollis den warmen Empfang in der alten Heimat in seiner trockenen Art. Es wird wohl (und hoffentlich) nicht das letzte Spermbirds-Konzert am Ort gewesen sein.