Kaiserslautern Träumen und tanzen

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1904 wurde „Der Kirschgarten“ in Moskau uraufgeführt. Sein Autor Anton Tschechow versprach ein Stück, das „unbedingt komisch, sehr komisch“ sei. Dabei handelt es vom Ende eines blühenden Gartens und der Entwurzelung der Menschen, die hier lebten. Im Mannheimer Nationaltheater hat Schauspieldirektor Burkhard C. Kosminski uns das Stück auf poetisch-beschwingte Weise nahegebracht.

Wer Tschechows „Kirschgarten“ betritt, gelangt in eine Zwischenzeit. Eine Epoche hat aufgehört, die neue Zeit noch nicht angefangen. Die Menschen, die in diese Stillstandsblase geraten sind, haben noch große Zukunftsvisionen, kleben aber fest an einer verglühenden Vergangenheit und sind so unnütz wie die Kirschbäume in dem riesigen Garten, die kaum noch Früchte tragen. Der Untergang dieser Welt ist unvermeidlich, trotzdem blickt man voller Wehmut auf den Kirschgarten, wenn die Männer mit den Äxten anrücken. Im Mannheimer Schauspielhaus gibt es keine Kirschbäume, kein Kinderzimmer, im dritten Akt auch keinen Salon mit Kronleuchter. Florian Ettis Bühnenbild ist überhaupt kein geschlossener Raum, sondern ein niedriger Durchgang mit Holzboden, dessen offene Rückseite nahtlos in einen zugefrorenen See übergeht, auf dem der Schnee meterhoch liegt. Das Stück spielt eigentlich im Frühjahr, die Kirschbäume blühen bereits, aber hier herrscht draußen noch tiefer Winter. Die Möbel stehen zu Beginn aufgestapelt wie für einen Umzug, niemand scheint hier mehr zu wohnen, als wäre alles längst eine Erinnerung, und dieser verlassene Ort nur mehr träumend in Besitz zu nehmen. Kosminskis Inszenierung zeigt gleich, wie die Sache ausgehen wird, dass das hoch verschuldete Gut der Ranjewskaja, die im Ausland Geld und Leben verschwendet hat, am Ende versteigert wird, dass ihre Töchter und die anderen, die hier Auskommen oder Zuflucht haben, diesen Ort für immer verlassen müssen. Aber bevor es so weit ist, dürfen sie noch einmal träumen und tanzen, auf die Liebe hoffen und das rettende Geld, eine Vergangenheit beschwören, die es vielleicht niemals gegeben hat. Im Zentrum und doch eine Getriebene wie alle anderen die Ranjewskaja der Ragna Pitoll, immer noch eine feudale Erscheinung in beschwingten Kleidern, eine Lebens- und Liebessüchtige, die mit melodramatischer Geste die Reuetelegramme ihres Geliebten zerreißt, der sie ausnutzte, abservierte und nun zurückhaben will. Diese Frau ist verliebt in ihr Verliebtsein, den Geliebten braucht sie nicht mehr, nur noch das Gefühl, das sie mit ihm verbindet. Und so entgeht ihr, wie allen hier, die profane Liebeschance direkt vor ihrer Nase. Hier ist es ausgerechnet der vom Enkel eines Leibeigenen zum reichen Geschäftsmann aufgestiegene Lopachin, der diese Frau begehrt und mit ihr eine Welt, die er zwar kaufen, aber nicht besitzen kann. Barfuß und im Unterhemd hetzt Klaus Rodewald hinter ihr her, die auf einem Kinderfahrrad davonsaust. Später trägt er sie auf Händen, während sie ihm die Ehe mit ihrer spröden Pflegetochter Warja nahelegt. Aber natürlich passen die beiden nicht zusammen. Wenn sie die Musik hört, die in dieser Inszenierung immer wieder diese absterbende Welt zum Leben erweckt und ihre Bewohner in wilder Polonaise durch den Raum jagt, wenn die Ranjewskaja also fasziniert lauscht, da hört Lopachin nichts. Drumherum gibt es viele weitere Unglückspaare: Der tapsige Buchhalter Jepichodow, der das Zimmermädchen Dunjascha liebt, die ihr Herz an den düster träumerischen Diener Jascha verloren hat, der wiederum um jeden Preis ins Ausland will. Oder Trofimow, der ewige Student und schwadronierende Philosoph, der sich mit Liebesverzicht gegen Liebensverlust zu schützen versucht und deshalb auch die zärtlichen Annäherungsversuche von Ranjewskajas Tochter Anja vermasselt. Und natürlich die ihr Herz mit Arbeit betäubende Warja, die auf ein Liebeszeichen Lopachins wartet, während der sein verworrenes Gefühlsleben mit Geldverdienen abtötet. Das Mannheimer Ensemble spielt das alles mit großer Detailfreunde und psychologischer Genauigkeit, es gelingen viele kleine Momente hoffnungsvollen Glücks und niederschmetternder Enttäuschung: Katharina Hauters Warja, die angespannt und stumm auf einem Stuhl auf Lopachins Heiratsantrag wartet. Reinhard Mahlbergs Gajew, der Pralinen mampfende Bruder der Ranjewskaja, der mit den Nichten in kindlicher Erinnerung auf dem Boden herumhopst. Gabriela Badura, die den alten Diener Firs spielt und daraus so etwas wie den allwissenden Erzähler dieser Geschichte macht. Charlotta, die unnahbare Gouvernante, die bei Ralf Dittrich zu einer sehnsüchtig verblühenden Person wird, die im falschen Geschlecht und überhaupt im falschen Leben steckt. Das bringt uns diese Figuren ganz nah, und die Bemühungen, das Stück im heutigen Russland anzusiedeln, mit Ölfunden im Kirschgarten und Übergriffen auf Homosexuelle, wären gar nicht nötig gewesen. Auch ohne solch halbherzige Aktualisierung ist Tschechows Stück nach einer Revolution, zwei Weltkriegen und einem Mauerfall in seinem Sehnsuchtshunger nach einem anderen Leben für uns Heutige ganz wunderbar verständlich.

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