Kulturzentrum Kammgarn
Totgesagt, aber höchstlebendig: Lowknox und Nikra im Cotton Club
Eine kleine, selbst noch immer trotzige, aber auch längst weiter entwickelte Szene hat bis heute überlebt. Ihre jüngsten Ausläufer waren am Samstagabend in Form der beiden Bands Lowknox und Nikra im Cotton Club der Kammgarn zu Gast.
Viel los war in Sachen Publikum leider nicht. Die Szene ist halt, wie gesagt, eher klein. Aber sie ist begeisterungsfähig, wie sich schon nach den ersten Takten des aus Münchweiler an der Alsenz stammenden Quartetts Lowknox zeigen sollte. Ihr rasanter, gleichwohl in geordneten Bahnen geführter Donnersound zwischen viel Spät-Punk und zahlreichen eingängigen Pop-Elementen fuhr da wie ein Orkan in die Zuhörerschaft und ließ diese fortan vor der Bühne ausgelassen mitgehen.
Pointierte Texte
In ihren pointierten, unter die Haut gehenden deutschsprachigen Texten (die in den schnelleren Titeln oft nicht gut zu verstehen waren – ein seit den Anfängen des harten Stils bekanntes grundsätzliches Problem) beschäftigen sich Ruben Brachhold (Gitarre, Leadgesang), Sinan Kabadayi (Gitarre, Gesang), Mathias Musahl (Bass) und Daniel Hindenlang (Schlagzeug) mit aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen („Arschweg“). Inhalte und sprachliche Qualität trugen damit ebenfalls zum positiven künstlerischen Eindruck bei. Und ganz zum Schluss machte die Gruppe, die unter anderem schon mit Grammy-Gewinner Zedd zusammengearbeitet hat, noch ein Riesen-Selfie mit fast allen im Hause Anwesenden, was noch einmal zu einem Moment der Ausgelassenheit und des Hochgefühls führte.
Und es ging sogar noch intensiver – als nämlich die Mannheimer Band Nikra den zweiten Teil des Doppelkonzerts begann. Auch hier ging vom ersten Ton an – das Wortspiel sei erlaubt – „mächtig der Punk ab“. Gitarrist Ben Geldner, Bassist Timo Zell und Drummer Lilo Prochotta bildeten dabei die Grundlage eines modernen, aussagekräftigen Punk (plus), der wesentlich mehr ist als der Drei-Akkorde-Punk der frühen Tage.
Laut, vital, rebellisch
Dafür sorgte schon allein und insbesondere die Frontfrau, die mit ihrem Künstlernamen so heißt wie die ganze Band und diese auch auf intensivste Art repräsentiert. Zuvor, beim Auftritt von Lowknox, noch geradezu schüchtern als Zuschauerin im Publikum stehend, explodierte Nikra geradezu, als sie dann selbst im Mittelpunkt des Bühnengeschehens stand.
Laut, vital und rebellisch, aber in Stil und Ausdruck eben deutlich ausgereifter als die Vorbilder in den 70ern, hielt Nikra (und mit ihr die Band) kraftvoll die geradlinige Spur eines vielseitigen, wie bei der Vorgängerband des Abends auch textlich von starken Themen getragenen modernen (Punk-)Rocks. Der konnte auch schonmal eine Art Turbinensound beinhalten, aber auch eingängigere, zurückhaltendere Passagen aufweisen.
Pure Emotion
In den intensivsten Partien des Auftritts – speziell zum Ende hin – zeigte Nikra, die Sängerin, vermehrt schier unglaubliche vokale Fähigkeiten im Ausdruck und Wandelbarkeit, die bis hin zu ekstatisch geschrienen Texten reichten. Emotion pur, hohe stimmliche Qualität – Respekt!
„Es hat uns viel Spaß gemacht mit euch“, fasste Nikra zum Schluss den mit viel Applaus aufgenommenen Auftritt zusammen. Das galt auch umgekehrt für das Publikum, das lautstark eine Zugabe forderte und natürlich auch bekam – und was dann prompt zu einer weiteren und letzten stimmungsmäßigen Eruption dieses Zweifachkonzerts führte.